Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- 192 --— ihr Haupt an seine Brust, und heiße Thränen rollen langsam in den weißen Bart und netzen die blassen Wangen seines Lieblings!" Der Narr hat schweigend, unbemerkt in der Thür gestanden, jetzt tritt er hervor. Sein fester Schritt hallt auf dem Boden! unwillkürlich zuckt der Alte zusammen. „Was willst Du, Nathan?" „Ich will Dir berichten von Lea. Doch vorerst will ich Gitel rufen, daß sie sie zur Ruhe bringt." „Du hast Recht, ich bin von Sinnen! Mein Kind athmet nicht mehr. — Mein Kind stirbt und ich — ich versuche nicht, sie zu retten. Gieb mir den Wein her, daß ich ihr die Lippen netze." Nathan holte die Flasche hervor. „Am Sabbath ist sie geleert worden," sagte der Bursche traurig. „So hole Wasser, stehe nicht — eile — eile! Mein Kind stirbt! Lea, meine Freude, mein Leben!" Nathan reißt die Thür zur Küche auf und ruft nach der alten Magd, die nach dem kürzlich erfolgten Tode der Hausfrau das Amt einer Wirthschafterin versieht. „Was giebt's? Hat's Eile? Ich komme! Gewiß hast Du Nossen Narr wieder etwas angestellt!" Nach wenig Augenblicken ist sie im Zimmer. Die kleine rundliche Person mit den vom Herd gerötheten Wangen begreift nicht gleich, um was es sich handelt. Sie tritt näher und sieht das blasse Mädchen. „Schmäh Jisroel, was ist geschehen?!" schreit sie auf. „Lea, mein Kind, bist Du krank?" Schnell holt sie Wasser und nimmt die Leblose aus den Armen des Vaters und trägt sie in ein kleines Schlafkämmerchen. Sie müht sich um sie, bis endlich das Mädchen die Augen aufschlägt. „Vater, Vater, wo seid Ihr?" ruft Lea leise. Der Alte beugt sich über sie und küßt ihre Stirn. „Gott sei gelobt, Gott sei gelobt, ich habe sie wieder!" zitterte es von seinen erblaßten Lippen. „Nathan wird sagen, was mir geschehen," haucht Lea und schließt müde die Augen. Gitel hüllt sie in warme Decken und Tücher und giebt ihr heißen Thee zu trinken. Nach und nach steigt tiefes Roth in die blaffen Wangen. Die Kranke wird unruhig, murmelt unverständliche Worte und wirft sich ruhelos hin und her. Während der Rabbi der Erzählung des Narren lauscht, zuckt er bei jedem Laut, der von der kleinen Kammer drüben kommt, zusammen. Ein unendliches Weh, ein namenloser Schmerz droht sein Herz zu brechen. War's nicht genug des Leids, das dieser grausame Mensch, der Tyrann dieses kleinen, weltvergeffenen littauischeu Städtchens, den armen Juden zufügte? Mußte er noch solche Schmach seinem Kinde anthun für ein so geringes Vergehen? Um einer Laune willen wäre sein Kind fast geopfert worden. Sein Kind, das ihm Gott nach langen, langen Jahren geschenkt, nachdem seine Söhne längst das Haus verlassen und in die Fremde gezogen waren. Wie hatte er Gott für dieses späte Glück gedankt, wie hatten er und sein Weib sich an dem aufblühenden Leben erfreut und Gottes Güte gepriesen! Wie ruhig und ergeben in den Willen des Höchsten hatte er seiner Gattin Augen geschloffen zu dem ruhig traumlosen, ewigen Schluinmer! Ihr letzter liebender Blick hatte ihm doch gesagt, daß sie ruhig scheide in dem Gedanken, ihn nicht ganz allein zurücklassen zu müssen. In seinem Kinde, seiner einzigen Tochter, blieb ihm ja das verjüngte Ebenbild seiner treuen Gefährtin! Die beiden Einsamen hatten sich so innig aneinandergeschloffen. Der Vater fühlte, daß des Kindes Seele sich ihm so ganz zu eigen gegeben. Ihr jugendlich Herz kannte und liebte nur eins — ihren Vater. Seit Jahren waren die armen Juden der Grausamkeit und Härte des Gutsherrn vollständig preisgegeben. Ohne auf Gesetz und Recht zu achten, behandelte er sie vollständig als seine Sklaven in schmachvollster Weise. Er nahm ihnen jeden Verdienst, ließ sie schwere Arbeit verrichten, hohe Steuern zahlen, und dabei ließ er sie von seinen Knechten in rohester Weise mißhandeln für die geringste Uebertretung seiner, ach so strengen, willkürlichen Verbote! Die armen Gedrückten hatten ja Niemand, der sich ihrer annehmen konnte. Sie beugten sich dem Tyrannen, hoffend und vertrauend auf Gott, der sie ja zum Leid ausersehen, der sie erniedrigte, um sie einst zu erhöhen. Sie trugen ihre Lasten still und klaglos und immer von Neuem zu Gott betend, sie vor Schlimmerem zu bewahren. Je grausamer und härter der Gutsherr gegen sie vorging, desto inniger und fester schlossen sie sich an einander und lebten im gemeinsamen Dulden und Tragen des schweren Geschicks, wie wahre Brüder, Kinder Eines Vaters. Das Unglück, welches den Einen traf, traf alle Anderen mit. Sie halfen einander und erhielten sich zur größten Wuth ihres Peinigers, der es sich geschworen hatte, sie zu verderben. (Forts, folgt.) Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! lMn einer der jüngsten Sitzungen des Repräsentantenkollegiums der jüdischen Gemeinde hat Herr Professor Dr. Lew in sich über den Sonntagsgottesdienst der jüdischen Reform-Gemeinde dahin geäußert, daß der geringe Besuch kaum der Mühe lohne, die auf die Einrichtung desselben verwandt worden ist. Dies entspricht nicht den Thatsachen. Seit Jahr und Tag hat der Vorstand der Reform-Gemeinde die Zahl der sonntäglichen Besucher feststellen lassen. Die Zählung hat eine Besucherzahl ergeben, die zwischen 297 bis 600 Personen schwankt. Im Verhältniß zur Zahl der Gemeindemitglieder entspricht dieser Besuch wohl dem der Orgelsynagogen der alten Gemeinde. Die etwaige Zahl der gelegentlichen Besucher, also von Nichtmitgliedern, dürfte wohl in beiden Fällen dasselbe Verhältniß ergeben. Meine Angaben werden hoffentlich genügen, die von Herrn Professor Lewin und auch von anderer Seite verbreitete Behauptung von dem geringen Besuch unseres Sonntagsgottesdienstes zu entkräften. Berlin, im April 1898. Professor Emil Breslaur. * Geehrter Herr Redakteur! zwei hochgeschätzten Seiten, nämlich von Herrn Ober- Rabbiner Dr. Simonsen in Kopenhagen und Professor Steinschneider selbst, ging mir im Anschluß an meine kleine Publikation über das Esdra-Medikament in Nr. 12 dieser Zeitung der Hinweis auf Steinschneiders berühmten Aufsatz über Donnolo in Virchows Archiv (Bd. 39, S. 332 und Bd. 40, S. 95) zu. Ich verfehle nicht, der Vollständigkeit halber den verehrten Lesern dies mitzutheilen. Thatsächlich sind an den genannten Stellen erschöpfende litlerarische Belege für das Vorkommen des genannten Mittels gegeben. Auf einige andere Anregungen sowohl seitens des Herrn Oberrabbiners Dr. Simonsen wie von Professor Steinschneider selbst komme ich vielleicht bei späterer Gelegenheit einmal zurück. Berlin, am Erew Pesach 5658. Dr. Pagel. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.