Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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MWMUWW thun; der Andere will die Sache, die Sitte, die Idee retten und deshalb die vermuthlich unrettbaren Personen preisgeben; der Eine sorgt um die Guten und verletzt deshalb die Güte selbst, der Andere erbarmt sich der Argen und will das Saatkorn der eigenen Güte in sie pflanzen. Und nicht einmal der Erfolg kann über die Frage endgiltig entscheiden; denn wenn auch alle Mühen, den Niederen zu heben, die Bande der Bosheit zu lösen, vergeblich gewesen wären: die liebevolle Hingebung, das reine Wollen, unabhängig vom Erfolg, ist selbst die edelste Thal. 8 59. Für jeden Einzelnen, jeden ethisch Verpflichteten löst sich das Problem nur aus der innersten Tiefe seiner Persönlichkeit. Inwiefern die Menschen immer trotz aller historisch befestigten geistigen Gesammtanschauung in ihrem Gemüth auf die Höhe derselben sich emporarbeiten müssen, wird das Problem solcher Gegensätze sich immer wieder in den Individuen erneuern. — Die Frage, ob Recht oder Liebe, Eifer oder Sanftmuth, Sorge für die Guten oder Erbarmen mit den Bösen siegen soll, wird immer wieder hervortreten, und wir erleben die Wucht dieser Frage jeden Tag und aller Orten. In der Kirche und Synagoge, auf der Kanzel und dem Katheder stellen Religion und Moral ihre höchsten Ideale auf; aber vom Parlament und Tribunal bis zu jedem Haus und jeder Hütte lassen Staatsform und Gesellschaftsordnung, Zweckmäßigkeiten und Nützlichkeiten aller Art und die Nothwendigkeiten realer Gestaltung des Einzellebens und der Gemeinschaft in allen ihren Gliederungen ihre Stimme ertönen und verschaffen sich Gehör. Darin aber offenbart sich die siegreiche Macht der Persönlichkeit, die in ihrem Wollen von der sittlichen Idee am reinsten, tiefsten und mächtigsten ergriffen war, daß ihre Entscheidung zur Norm des öffentlichen Geistes wird, daß ihr subjektives Leben zur objektiven Lehre sich gestaltet, daß vor dem veredelten und geläuterten Gesetz das Problem verschwindet. Der Sache und dem Geiste nach ist das Problem gelöst; auf der erstiegenen höheren Stufe der sittlichen Anschauung findet es keine Stelle mehr. (Forts, folgt.) EUILLETON lag sie da \L, und den blauen Vergißmeinnicht, die braunen Locken Vor Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. (Fortsetzung.) kalt und starr unter den grünen Gräsern wirr um die bläulich geäderte Schläfe geschmiegt, die blassen kleinen Hände über der Brust gekreuzt. Nathan sieht starr und wild auf das unglückliche Kind. Er athmet tief, er hebt die Hände, als wollte er sich von einer Last befreien, die ihn zu zerschmettern droht. Kein Laut ringt sich von seinen Lippen. Endlich, nach langen, bangen Minuten gellt wieder das unheimliche Lachen auf, und damit findet er die Besinnung wieder. Er stürzt auf das Mädchen zu, faßt ihre kalten, schlaffen Hände und beugt sich horchend über die entblößte Brust. Lange, lange ist er sich nicht schlüssig, ob er ein Athmen hört. Endlich erhebt er sich sacht, taucht einen Fetzen seines Rockes ins Wasser und netzt der Ohnmächtigen die Stirn. Bald fängt sie an, sich zu regen. Nach wenigen Minuten schlägt sie die Augen auf. Wirr und angstvoll sieht sie uni sich. Plötzlich preßt sie beide Hände auf die Brust und stöhnt laut auf. „Hast Du Schmerzen?* sagt Nathan und beugt sich angstvoll über, die Liegende. „Ach, so weh ist mir, so weh, und ich fühle den Schlag des Pferdes fort imb fort." „O, der Grausame, wie konnte er so etwas thun! Führe mich heim zum Vater. O, wäre ich doch daheim geblieben. O, mein Vater, mein armer Vater, wie wird der sich ängstigen!" „Ach, wenn ich ihn zermalmen könnte, mit meinen Füßen ihn zertreten, diesen Peiniger!" ruft Nathan aus und schaut wild um sich. „Laß gut sein, laß gut sein. Es ist uns auferlegt, aus seiner Hand alles Böse zu empfangen. Gott wird richten, sagt der Vater. Auch für ihn kommt eine Stunde." „Auch für ihn kommt die Stuilde," murmelt der Narr. „Hast Recht, Lea, und nun wollen wir heim." Er nimmt die zarte Gestalt in seine Arme, und vorsichtig trägt er sie den Weg hinunter zur Gaffe. Lea hat die Augen geschlossen. Fahle Blässe überzieht das liebliche Gesicht. Dann und wann zuckt sie zusammen. Heftige Schmerzen quälen sie und rauben ihr fast den Athem. ■$> Neben einer kleinen, baufälligen Synagoge, die altersgrau gleich einer Ruine am Ende der Gaffe liegt, steht ein schmales, düsteres Häuschen. Dorthin trägt Nathan seine leichte Bürde. Kreischend fliegt die Hausthür auf. Nathan setzt das halb bewußtlose Mädchen auf den Boden. Leas zitternde Hand versucht lange vergebens, den Griff der Thür zu fassen, langsam öffnet sie. Ein kleines, niedriges Zimmer wird sichtbar, das trotz der hellen Mittagssonne draußen dunkel und unfreundlich aussieht. In der Mitte des Zimmers steht ein großer Tisch, der die Reste einer bescheidenen Mahlzeit aufweist. Am oberen Ende sitzt der alte Rabbi im Lehnstuhl, umgeben von seinen Schülern. Er hat soeben die Ehre des Vorbetens dem Jüngsten seiner Hörer übergeben, der mit heller Stimme in singendem Ton das Tischgebet vorträgt, ab und zu durch das Amen der Anderen unterbrochen. Als Lea im Rahmen der Thür erscheint, blaß, mit wirrem Haar und beschmutztem, zerriffenem Gewand, da stockt der junge Sänger; doch der Rabbi winkt mit der Hand und läßt ihn fortfahrcn. Die Augen des Vaters blicken ängstlich forschend und fragend auf. Mit unsagbarer Zärtlichkeit und Trauer hängen sie an dem Antlitz des Mädchens. Die zitternden Hände fahren hastig über die hohe Stirn, auf die kalter Schweiß getreten ist. Endlich ist das letzte Amen verklungen. Der Rabbi sagt dem Vorbeter seinen Dank, geräuschlos erheben sich die Schüler, jeder einen erstaunten Blick auf das Mädchen werfend, eilen sie hinaus. Kaum hat die Thür zur Küche, durch die die Bocherim gegangen, sich geschlossen, als Lea mit einem Wehlaut zu Füßen des Vaters niedersinkt. „Lea, mein Kind, was ist geschehen?" ruft der Alte und hebt die Tochter zu sich empor. Doch daS Mädchen hat die Augen geschloffen, leblos ruht sie in den Armen ihres treuesten Hüters und Beschützers. „Mein Kind, mein Kind. Barmherziger Gott, was hat man Dir gethan?" stammelte der alte Mann, und seine zitternden Hände sind kaum im Stande, sein Kind zu umfassen. Er schmiegt!! $