Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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189 Dadurch noch mehr ermuthigt, betrat ich die Rednertribüne. „Meine Herren," begann ich mit meinem starken Organ, „ich weiß nicht, ob ich Brüder, Kollegen sagen kann; ich bin Jude, gehöre zu Denen, die da glauben, der Messias ist noch nicht erschienen, die Zeit der allgemeinen Menschenliebe, der Verbrüderung, des Weltfriedens, des einenden Gottesglaubens, hoffe aber, daß diese bewegte Gegenwart uns dieser Zeit immer näher führen werde, bin auch von 80 meiner christlichen Brüder und Kollegen gewählt und hierher gesandt worden!" Ich hob nachdrücklichst hervor, daß ich wohl wiffe, was sie unter christlich verständen; wir nannten es messianisch; daß ich erkenne und anerkenne die hohen, unleugbaren Verdienste des Christenthums um Bildung und Gesittung, um Staatswohl und Völkerbeglückung; aber man möge wohl bedenken, wie oft im Namen des Christenthums auch Ströme Bluts vergoffen wurden, zeitweilig auch das Vaterland zerrüttet, zerklüftet, Haß und Zwietracht ausgesäet worden. Ich wirkte seit Jahren an einer höheren Staatsschule, von Achtung und Liebe meiner christlichen Kollegen und Schüler beglückt. Hierbei konnte und durfte ich unmöglich die hohe Aufgabe des Judenthums direkt hervorheben, weil ich sonst den ,nir Vorgesetzten Zweck nicht erreicht haben würde. Ich stellte den Antrag, man möge doch statt christlich religiös-sittlich setzen, um jede drückende, ungerechte Zurücksetzung zu vermeiden. Mit 400 Stimmen dafür, 100 dagegen wurde der Antrag unter lebhaftem Beifall angenommen. Ich wurde dieserhalb vielfach und heftig angegriffen, in Zeitschriften und Broschüren. Selbst in unserem Lande fand eine Versammlung von unduldsamen Männern statt, die mich stürzen wollten, was ihnen a^er, Gott sei Dank, nicht gelungen, da ich mich allezeit der Anerkennung meiner hohen Behörde, der ich getreulich Bericht erstatten »rußte, und meines erhabenen Fürstenhauses zu erfreuen hatte. Ich bin einer der ersten Lehrer in unserem Fürstenthum, der bereits vor 20 Jahren mit dem Hausorden dekorirt worden, und werde noch jetzt als Rabbiner zu jeder größeren Hosfestlichkeit geladen. Meines langen, gottbegnadeten Lebens höchstes Streben war und ist, allezeit üV.N ttfl'T'p zu machen, was mir mit Gottes Hilfe vielfach und vielfältig gelungen nach dem Grundsatz: Dlpfl PD,Ü ’JStt Bevor du alt wirst, mußt du dich erheben p) ’JS ffflm dann ehrest du auch dein greises Haupt! Von den Ouellen der jüdischen Kittenlehre. Bon Prof. Dr. M. Lazarus. VII. 8 51. Wenden wir uns nun zu den eigentlichen Lehrsprüchen, so muß schlechthin zugegeben werden, daß sie, als Erzeugnisse der Individualität, nicht alle auf gleicher Höhe stehen. Für die Schöpfung einer harmonischen Sittenlehre aus denselben aber ist vor allem die rabbinische Grundanschauung festzuhalten, daß der Lehrer einer jeden Zeit (theoretisch, wie auch der Richter praktisch) unbeschadet aller Ueberlieferung, das Recht und die Pflicht hat, Strittiges nach seiner eigenen Einsicht und seinem Gewissen zu entscheiden. In zahllosen Wendungen kehrt der Gedanke wieder, daß die volle Autoriät eines jeglichen Zeitalters gewahrt bleiben müsse; sowohl der Schlaffheit der Lehrenden als dem Ungehorsam und der Streitsucht der Empfangenden sollte dadurch vorgebeugt, dagegen die vollkommene Energie der Gewiffenhaftigkeit gewahrt werden. Darauf ist auch in der ganzen Epoche, welche den Wendepunkt des Juventhums vor und nach dem Sturz des Reiches und des Tempels bedeutet, das Verbot gegründet, traditionelle Entscheidungen und Erklärungen schriftlich zu fixiren. Von dem philologisch-historischen Streit — wann etwa und in welchen Theilen auch nur die Mischnah zuerst schriftlich überliefert wurde — (der aus unseren Quellen wohl niemals zu allseitiger Uebereinstimmung geschlichtet werden mag) — wird der rabbinische Grundgedanke, um den es sich handelt, nicht berührt; denn selbst um Sätze, die als direkte Ueberlieferung vom Sinai her Ca'ö^ii) gelten sollen, kann gestritten werden?) Aus vielfachen Gründen, mit Witz und mit Weisheit wird diese Grundanschauung des Rabbinismus schon als biblische Lehre erwiesen. So heiße es (Deut. 17, 9) „an den Richter und den Lehrer deiner Zeit sollst du dich wenden; könne denn ein Mensch an einen anderen Richter als an den seiner Zeit sich wenden? Die Vorschrift laute aber deshalb also, um zu erklären, daß jedem Lehrer seiner Zeit die Autorität zukomme" (Rosch. hasch. 25). Oder in anderer Wendung: die Namen der 70 Aeltesten, welche Moses zu richterlicher Gewalt neben sich zu erwählen hatte, seien deshalb nicht genannt, damit Niemand auf Einen derselben sich berufen, sondern Jeder die Wahrheit Ms ihrem Urquell nach der eigenen Kraft und Verantwortung schöpfen solle. 8 52. Ausdrücklich aber wird im Talmud auf die Thatsache hingewiesen, daß spätere Propheten mosaischen Worten widersprachen und andere Gedanken an ihre Stelle gesetzt haben. (Makkoth 24.) Mit Recht wird auch der Grundsatz des R. Simon den Lakisch adoptirt, „daß zuweilen die Aufhebung des Gesetzes seine Begründung sei"; denn Reform, Neuauffaffung ist oft die wirkliche neue Begründung des in seiner früheren Form minderwerthig, unzutreffend und zweckwidrig gewordenen Gesetzes, also im eminenten Sinne konservativ?) (Mcnachoth, 99 a.) 8 53. Bei aller Anerkennung und fast schrankenlosen Werthung der Tradition sollte diese dennoch nur als Führer, aber nicht als Fessel des Gewiffens, zur Schärfung, aber nicht zur Abstumpfung des Geistes dienen. Dieser Anschauung entspricht dann auch die mit klaren Worten ausgesprochene Regel: „nicht vom Alter des Lehrers, sondern von seinen Gründen hängt die Entscheidung ab" (Baba Bathra 142 d). Wie hoch hatte doch die rabbinische Welt, biblischer Lehre folgend, die Verehrung des Alters geschätzt: aber zur Erkenntniß der Wahrheit werden Gründe mehr als alles in der Welt geschätzt. Und was von den Lehrern, gilt auch von den Lehren: nicht ihr Alter, sondern ihre Wahrheit muß erwiesen werden. 8 54. In Bezug auf diese Frage flieht es im historischen Judenthum allerdings nicht blos zwei verschiedene Lehrmeinungen, sondern geradezu zwei verschiedene Richtungen. — Nennen wir die eine: Traditionalismus, die andere Rationalismus. Rationalismus ist aber nur in ganz beschränktem Sinne zu nehmen und ist ebenso wie sein Widerpart durchaus konservativ. Der Traditionalismus will einerseits keine Lehre vortragen, auch bei Anderen keine anerkennen als diejenige, welche aus einer früheren Zeit überliefert ist, und andererseits bedarf keine Lehre irgend einer anderen Begründung, als weil sie überliefert ist. Die andere Richtung aber verlangt für jede Lehre eine Begründung; das heißt, sie verlangt einen Beweis der Wahrheit oder 0 S. Response» des Chawoth Jair Nr. 192. 2) Daß dies der wahre Sinn der talmudischen Worte, wenn auch Raschi ihn anzunehmen natürlich nicht mehr geneigt ist, geht wohl aus dem gebrauchten Gegensatz hervor: kann hier wohlS nicht Störung vom Studium heißen, da miD’’ in der zweiten Satzhälfte ganz unmöglich „Beschäftigung mit der Lehre" bedeuten kann; obgleich R. allerdings auch den no1 auf den Kopf stellt.