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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-22 · Heft 16 (22.4.1898) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 16 (22.4.1898)
Date
1898-04-22
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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188 geschickt gewählte Beispiele ihr Sinn auf ihren künftigen Beruf hingelenkt. Gehorsam und Bescheidenheit ihnen eingepflanzt. Das Mädchenhaus besteht noch zu kurze Zeit, als daß es gleiche Erfolge aufzuweisen im Stande wäre wie das Knabenhaus. Immerhin ist der Anfang gemacht, und die Zeit wird lehren, daß sich auch hier das System bewährt. Beide Institutionen aber werden ein dauerndes Denkmal für ihren Schöpfer sein, und es wird stets anerkannt werden, daß hier — wie in vielen Stücken — Makower an der Fortentwickelung der Juden in trefflichster Weise mitzuarbeiten verstanden hat. Neben all seinen unablässig der Entwickelung der Juden gewidmeten Arbeiten hat Makower unausgesetzt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Wort in die Waagschale geworfen, wo es galt, den Juden nützlich zu sein. Es ist unmöglich, all der einzelnen Arbeiten, eines jeden Aufsatzes Erwähnung zu thun, die seiner Feder entfloffen. Ob es sich um allgemeine Institutionen oder um einzelne Streitfragen, um die Stellung, welche die Juden im Staate errungen, um ihr Verhältniß zu den Staatsdienern oder zum Militär, ob es sich um Wahlangelegenheiten oder ob es sich um Spezialftagen, wie z. B. die Predigten, handelte, immerj wußte er ein treffliches Wort zu sagen. In seiner Arbeit über die Gemeindeverhältnisse der Juden vom Jahre 1873 faßte er seine Wünsche für eine allmälige Verbefferung der Gemeindeverwaltungen zusammen. Zwanzig Jahre später, im Jahre 1893, veröffentlichte er in dem Aufsatz: „Unsere Gemeinde" das Resultat seiner Erfahrungen und diejenigen Vorschläge, welche ihm für die Ausgestaltung der ersten jüdischen Gemeinde Deutschlands nothwendig erschienen. Seine Reden für und von Juden, die er übrigens durchweg in ihren wesentlichen Theilen schriftlich ausgearbeitet hat, waren zahlreich. In begeisterten Ausführungen feierte er Moses Mendelssohn; in warmen Worten gedachte er des um die Berliner Gemeinde hochverdienten Kommerzienrath Joel Wolfs Meyer, und nicht minder herzlich war das Lebewohl, das er dem ersten Lehrer des Erziehungshauses in Pankow, Lewinski, nachrief. Noch mancherlei Arbeiten und Leistungen Makowers verdienten besondere Besprechung. Aber es ist jetzt an der Zeit, den Mann selbst und seinen Lebensgang ins Auge zu fassen. (Schluß folgt.) Aus meinen Erinnerungen. Bon Rabbiner und Professor Heidenheim-Sondershausen. J-s. 43, 9. s ist eine naturgemäße Eigenart des zunehmenden Alters, ich stehe in meinem 84. Lebensjahre, daß sich des Geistes Blick auf die Vergangenheit immer mehr erweitert, in die kommenden Tage verengt, für den wahrhaft Gottesgläubigen aber immer klarer, überzeugungstreuer wird. Unter den Erinnerungen an meine vielfachen, reichen Erfahrungen, an die trüben und freudigen Erlebnisse, tritt auch bei mir in dieser Zeit nach 50 Jahren die Erinnerung an das Jahr 1848 um so lebhafter hervor. Hier, wie in ganz Thüringen, war die Erregung damals gleichfalls sehr stark. Inmitten der Märzunruhen schrieb ich, seit 1840 Lehrer der zwei obersten Klaffen der hiesigen fürstlichen Realschule, Ordinarius der Sekunda, zeitweilig auch Vertreter des Direktors, zu Ostern das Schulprogramm über den geschichtlich-geographischen Unterricht, und was ich darin mit patriotischer Begeisterung zum Wohle des Vaterlandes gehofft: und gewünscht, ist großentheils in Erfüllung gegangen. Im Jahre 1886 mußte ich zu meinem Leidwesen eines schweren Augenleidens wegen mein Amt als Profeffor der Realschule niederlegen, erhalte vom Staate eine auskömmliche Pension, ebenso etwas früher das mir amtlich übertragene Rabbinat für die UnterherrAandes Fürstenthums Schwarzburg-Rudolstadt und wirke nur noch als staatlich angestellter Rabbiner hiesiger Gemeinde, der ich seit 64 Jahren meine Kräfte widme. Mein bescheidenes Einkommen als solches zahlt auch zumeist der Staat. Um meiner zahlreichen Familie willen hatte ich früher auch ein großes Pensionat, das im Laufe der Jahre gegen 300 Zöglinge zählte aus Deutschland, Oesterreich-Ungarn, darunter ein Sohn des unvergeßlichen Dr. Jellinek, England, Nordamerika und Australien. Selbst der berühmte Geheime Regierungsrath Profeffor Dr. M. Lazarus, Bruder meines damaligen Hauslehrers, des als Direktor der jüdischen Hochschule in Breslau verstorbenen Dr. L. Lazarus, weilte zeitweilig vorbereitend in meinem Hause. (Ps. 118, 23.) Während der Volksbewegung im März 1848 kam eines Abends der Synagogen-Vorstand zu mir, um zu berathen, was wegen hier verbreiteter schmachvoller Pasquille gegen Juden geschehen solle. Ich entschloß mich, bei den Volksversammlungen mich zu betheiligen, um erforderlichenfalles unerschrocken entgegenzutreten, suchte darin zu belehren, zu beschwichtigen, trat jeder Ausschreitung mutbig und überzeugungstreu entgegen, erntete vielfachen Beifall, Bewunderung bei Hoch und Niedrig, wurde auch zum Vorsitzenden der Volksversammlungen gewählt. Auch im Kreise der Lehrer machten sich gerechte Wünsche rege, und ich bethätigte mich gleichfalls an den betreffenden Versammlungen, habe mündlich und schriftlich mitgewirkt, daß sämmtliche Lehrer in die Staatsdiener-Wittwenkasse ausgenommen wurden. Im Herbste jenes Jahres erging ein markiger Aufruf an sämmtliche Lehrer Deutschlands, Abgeordnete zu einem Kongreß für Erziehung und Unterricht der deutschen Jugend nach Eisenach zu senden. Es hieß darin: „Kommt nur Alle, ob Ihr lehrt an hohen oder niederen Schulen, ob Ihr glaubt, der Messias ist erschienen oder noch nicht erschienen; wir wollen uns einen zur allgemeinen Verbrüderung!" In der hiesigen desfallsigen Versammlung wurde ich von ca. 80 Lehrern fast einstimmig zum Deputirten für das höhere, ein Kollege für das Volksschulwesen gewählt. Der Staat zahlte die Diäten. Da der festgesetzte Termin auf Roschhaschanah fiel, lehnte ich zuerst dankend ab. Da trat ein Geheimer Schulrath auf und meinte, meine Gemeinde würde eben darin, daß gerade ich gewählt worden, das schönste Fest feiern, und ich mußte annehmen, reiste Tags zuvor nach Eisenach und wohnte dort bei einer streng religiösen Familie. Es hatten sich zu diesem Kongreß gegen 500 erwählte Abgeordnete aus allen Gauen Deutschlands eingefunden, von höheren und niederen Schulen, darunter auch viele Kapazitäten aus der Lehrerwelt, mir zum Theil bekannt und befreundet. Ich hatte ursprünglich nicht die Absicht, als Redner aufzutreten, als aber gleich Anfangs ein Statutenentwurf zur Beschlußfaffung vorgelegt wurde, worin es heißt: „8 1. Die Grundlage aller Erziehung und alles Unterrichts ist eine christliche!" da meldete ich mich in meines Herzens Drang zum Wort. Vorher hatte es der Direktor Ledebur aus Magdeburg, und man hatte bestimmt, sich nicht: Meine Herren, sondern: Brüder, Kollegen anzureden. „Brüder, Kollegen," rief er entrüstet aus, „was wollt Ihr da beschließen? Ihr schließt ja damit 500 000 unserer israelitischen Brüder aus!"

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