Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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187 gesehensten Juden Deutschlands wurde er für unzählige arme, um ihres Glaubens willen Bedrängte ein freundlicher Retter in der Noth. Die reichlich zur Verfügung gestellten Mittel wurden in mustergiltiger Weise dazu verwendet, um den Flüchtlingen den Durchzug durch Deutschland zu ermöglichen und ihnen den Weg in das Ausland, zur Begründung einer neuen Heimath, zu erschließen. Makower begab sich selbst an die russische Grenze, um dort Einrichtungen zur Empfangnahme der Flüchtlinge zu treffen und zu verbessern, er sorgte — zusammen mit seinen trefflichen Mitarbeitern—für die Unterbringung und ordnungsmäßige Beförderung der Fliehenden, er bemühte sich, ihnen den Eintritt in Amerika zu ermöglichen, und beschaffte sogar einen geeigneten Sprachschatz, welcher in hebräischer und englischer Sprache die landläufigen Redensarten, die im täglichen Leben nothwendigen Rede- und Satzwendungen wiedergab. Hierbei erkannte er, welch trefflicher Kern in vielen der Verjagten steckte, daß es möglich sei, diese Geister zu wecken und aus unterdrückten, ihrer eigenen Kraft sich nicht bewußten Existenzen tüchtige Männer heranzubilden, die für sich selbst zu sorgen im Stande sind und ihren früheren Heimathsgenoffen zum Vorbilde dienen, sie zur Nacheiferung anspornen konnten. Makower ging »ach Brody, wählte dort unter den Söhnen der Flüchtlinge eine Anzahl besonders geeigneter aus, sammelte diese und brachte sie nach Berlin, um sie hier zu ordentlichen Menschen, zu tüchtigen Handwerkern heranzubilde». Die Erlaubniß hierzu war bald von den Behörden erwirkt. Ein Haus in Pankow wurde gekauft und in einfachster Weise eingerichtet. Schon unterwegs, während der Eisenbahnfahrt, und später in Berlin, bevor das Haus bezogen werden konnte, wurden die Knaben in Ordnung und Sauberkeit unterwiesen. Makower zeigte eigenhändig den Knaben, wie Jeder seine Kleider zu reinigen, seine Stiefel zu bürsten hatte. Er unterwies Alle selbst in der deutschen Sprache, er lehrte sie statt ihres Kauderwelsch deutsche Redewendungen gebrauchen. Er war freundlich und streng, nie aber familiär oder grob. Sehr bald hingen ihm auch die Knaben mit Liebe an, und damit war schon viel gewonnen. In Pankow wurden die Knaben sodann an ein einfaches, ruhiges, gleichmäßiges Leben gewöhnt, Lust und Liebe zur Arbeit wurde ihnen beigebracht. Heiterer Sinn und fröhliches Gemüth wurden geweckt. Unter Leitung eines trefflichen Lehrers wurden sie unterrichtet, und — da sie fast ausnahmslos Hellen Verstandes waren — gelang eS bald, sie soweit auszubilden, daß sie ihrem zukünftigen Handwerksberus zugeführt werden konnten. Aus diesen Anfängen entwickelte sich das Erziehungs-, jetzt zweite Waisenhaus der jüdischen Gemeinde. Die ersten Zöglinge, die Kinder russischer Flüchtlinge, mußten nach beendigter Ausbildung Deutschland verlassen, das war bei der Genehmigung des Unternehmens von den Behörden zur Bedingung gestellt. Als die ersten Handwerker aus der Anstalt austraten, mußten die freigewordenen Plätze ausgefüllt werden. Makowers Absicht war von vornherein, das Haus allmälig zu einer deutschen Erziehungsanstalt für Handwerker auszugestalten. So kamen nach und nach — je mehr Russen ausschieden, umsomehr Deutsche in das Haus, bis zuletzt nur noch Deutsche sich in demselben befanden. Jetzt trat Makower an die jüdische Gemeinde Berlins heran und beantragte die Uebernahme des Hauses in die Gemeindeverwaltung. Dem Anträge wurde stattgegeben, das Haus von der Gemeinde erworben, die Verwaltung übernommen, und seit Kurzem ist die Anstalt vollständig Gemeindeinstitut geworden; sie wäre statt „Zweites" besser „Makower'sches Waisenhaus der jüdischen Gemeinde" genannt worden. Die Grundsätze, nach denen das Haus noch jetzt geleitet wird, sind die alten geblieben. Die Knaben erhalten den Unterricht der Volksschule, sie werden zu Handwerkern ausgebildet. Das Haus selbst ist von der größten Einfachheit, so wie später die Knaben bei ihren Meistern, in ihren Werkstätten, in ihrem eigenen einfachen Heim es vorfinden und sich einrichten werden. Schüler und Lehrlinge wohnen zusammen und leben zusammen — ein Grundsatz, dem Makower selbst sehr zweifelnd gegenüberstand, und für den ihn zu gewinnen nicht ganz leicht war, der aber, so sehr er zunächst angefeindet worden ist und auch jetzt noch bemängelt wird, sich nach dem Zeugniß der Sachverständigen, ja selbst der Behörden, trefflich bewährt hat. Die Lehrlinge werden hierdurch von manchen Unzuträglichkeiten des Werkstattlebens abgelenkt und bleiben viel länger kindlichen Gemüths, die Schüler werden durch ihr Zusammenleben mit den Handwerkslehrlingen von frühester Jugend an auf ihren späteren Beruf hingelenkt. Eine große Anzahl von Gesellen hat das Haus bereits verlassen; die ersten Insassen befinden sich allerdings im Ausland, die deutschen haben die Zahl der deutschen Handwerker jüdischen Glaubens vermehrt, erfreuen sich guten Rufes und werden von den Handwerksmeistern gern beschäftigt; sie zeigen, daß auch Juden tüchtige Handwerker sein und — bleiben können. Man hat in Süddeutschland Makower einen Vorwurf daraus gemacht, daß er das für die russischen Flüchtlinge gesammelte Geld für das Erziehungshaus in Pankow verwendet und später der hiesigen Gemeinde zugeführt hat. Der Vorwurf ist völlig unbegründet. Das Geld ist ausschließlich für die Russen verwendet worden. Zuerst zum Unterhalt und zur Ausbildung der Zöglinge, dann, nachdem die Gemeindeverwaltung das Haus und Inventar zum vollen Werthe erworben hatte, zur Unterstützung flüchtiger, ausgewiesener, in Deutschland mühselig und schwer arbeitender Russen. Voll dem Gelde ist nichts für deutsche Juden, nicht ein Pfennig für die hiesige jüdische Gemeinde verwendet worden. Hatte schon bei der Einrichtung des Erziehungshauses in Pankow Makower besonders dahin gewirkt, „abgerundete Existenzen zu erzeugen, zufriedenere, glücklichere Menschen mit geringen, aber desto eher zu befriedigenden Ansprüchen an das Leben", so wollte er bei seinen ersten Erfolgen nicht stehen bleiben. Hatte er hier den jüdischen Knaben eine freundliche Zukunft zu schaffen sich bemüht, so wollte er gleiche Bemühungen für jüdische Mädchen aufwenden. „Sie für bescheidenere Stellungen" vorzubereiten, ihnen den Sinn für einfachere Verhältnisse einzupflanzen, schien ihm nothwendig, um so zu zeigen, daß die Juden sich nicht nur für die niederen Berufe eignen, sondern sie auch mit Lust ergreifen und mit Erfolg bethätigen können. Am 12. März 1888 hielt er den Vortrag, durch welchen er zur Begründung eines Mädchenhauscs anregte. Nach jahrelanger Vorbereitung im Stillen und mancherlei Vorarbeiten wurde der Verein „Mädchenhaus Pankow" begründet, das Institut errichtet und die ersten Mädchen in das Haus eingeführt. Die gleichen Grundsätze der Einfachheit und Prunklosigkeit, die im Knabenhause sich bewährt hatten, wurden im Mädchenhause angewendet. Die in dasselbe aufgenommenen Zöglinge werden ausschließlich zu dienenden Stellungen, zu Hausmädchen und Köchinnen erzogen. Wie im Knabenhause, müssen im Mädchenhause — hier noch in erhöhterem Maße — die Zöglinge allein das Haus in Stand halten, alle Verrichtungen des täglichen Lebens allein bewirken. Reinemachen, Scheuern, Abstäuben, Waschen, Plätten, Kochen — alles wird von den Zöglingen selbst ausgeführt; so werden sie für ihren künftigen Beruf ausgebildet. Wie im Knabenhause die Knaben, so werden hier die Mädchen durch die Bewegung in freier Luft und durch Turnunterricht dahin gebracht, ihren Körper zu kräftigen und ihre Nerven zu stählen, wird im Unterricht durch