Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
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wollte hierzu nicht mit beitragen. Dabei war er aber von dem eifrigsten Wunsche beseelt, daß auch jedes jüdische Kind in Religion unterwiesen werde. Er wirkte mit an der Ausgestaltung der er sten und an der Einrichtung der zweiten Religionsschule, damit alle Diejenigen, welchen die Möglichkeit und Gelegenheit eines geeigneten Unterrichtes im Hause mangelte, diesen Unterricht in einer öffentlichen Religionsschule finden konnten. Aber bei dem Mangel an Lehrern, in der Erkenntniß, daß ungeeignete Lehrer viel mehr abschrecken als die Gemüther der Kinder für die Religion erwecken können, warnte er davor, hierin zu weit zu gehen. Daß ein Religionsunterricht jedem jüdischen Kinde ertheilt werden müsse, war seine Ueberzeugung und sein Streben, wie er ertheilt werden solle, das wollte er aber den Vätern selbst überlaffen. Nicht jeder einzelne Zweig der Gemeindeverwaltung kann aufgezählt und besprochen werden, in welchem Makower thätig war. In der Zeit vom Mai 1866 bis Ende Dezember 1892 gehörte er der Repräsentanten-Versammlung an, seit 1870 war er ihr Vorsitzender. Da war es selbstverständlich, daß nichts in der Verwaltung ohne seine direkte oder indirekte Mitwirkung geschehen konnte. Die Verhandlungen der Repräsentantenversammlung waren seit 17. März 1867 öffentliche. Nicht blos die Gemeindemitglieder, sondern die breite Oeffentlichkeit konnte theilnehmen. In der ganzen Zeit aber, in der Makower diese Versammlung leitete, auch zur Zeit heftigster Kämpfe, waren alle Betheiligten und alle Zuhörer darin einig, daß die Verhandlungen in ruhiger, würdevoller Weise verliefen. Die neue Instruktion für die Verhandlungen der Repräsentanten, welche eingeführt wurde, reichte hierzu nicht aus; ihr Leben zu geben, war Aufgabe des Vorsitzenden der Versammlung, und diese Aufgabe hat Makower — das haben auch seine heftigsten Gegner stets anerkannt — in glänzendster' Weise gelöst. Dabei verstand er es, stets die Rechte der Versammlung überall hin — auch dem Vorstand der Gemeinde gegenüber — zu wahren. Zwar, oft ist er nicht in die Lage gekommen, für diese Rechte einzutreten. Stand doch während des größten Theils seiner Thätigkeit derjenige Mann an der Spitze der Gemeindeverwaltung, mit dem er nicht nur innig befreundet war, der vielmehr auch von ähnlichen Anschauungen und gleichen Bestrebungen beseelt war wie er. Es war ein Glück für die Berliner Gemeinde, daß zwei so gleichgeartete, für das Wohl der Gemeinde bedachte, dabei aber sich als Vertreter der ersten deutschen Gemeinde fühlende Männer an ihrer Spitze standen, daß diese innig mit einander befreundet waren und gemeinschaftlich für die Gemeinde wirken konnten. Immerhin stimmten sie, weil sie Beide selbstständige Naturen und energische Charaktere waren, nicht in jedem Punkt vollständig überein. Und deshalb ist es nicht zu verwundern, wenn im langen Laufe vieler Jahre ab und zu einmal Makower die Rechte der Repräsentanten-Versammlung, auch dem Vorstande gegenüber, zu wahren Veranlassung nahm. 1875 faßte die Repräsentanten- Versammlung eine Resolution, daß der Vorstand vor der Annahme von Schenkungen und Zuwendungen die Repräsentanten-Versammlung befragen möge, 1876 und 1880 beanspruchte die Repräsentantenversammlung, daß sie gehört werde, bevor der Vorstand die Oeffentlichkeit oder die Behörden anrufe. Diese wie alle anderen Anregungen Makowers ließen klar erkennen, daß er bei allem, was er unternahm und ausführte, stets die weitere Entwickelung, die zukünftige Gestaltung im Auge hatte. Deshalb war noch eine seiner letzten Anregungen für die Gemeinde die Ausarbeitung eines neuen Statuts; er wollte in derselben Gedanken verwirklichen oder vielleicht auch nur festlegen, deren Ausführung in späterer Zeit von Segen sein würde. Schon bei den io über seinen Vorschlag kam es aber zu Mißstimmunäen, ja zu Streitigkeiten und Anfeindungen, die ihn mit Mißbehagen erfüllten. Eine neue Zeit war hereingebrochen, sie brachte Kämpfe und Sorgen, die längst überwunden schienen. Die Angriffe von außen mehrten sich. Die frühere Majorität in der Versammlung hielt nicht mehr so fest zusammen. Makower klagte öfter, daß „Jeder Offizier und Keiner Soldat sein wolle". Dazu kam der Rückschlag, der sich nach dem Aufschwung der siebziger Jahre, besonders in Deutschland, fühlbar machte und naturgemäß auf dem Gebiete der Religion sich am empfindlichsten äußerte. Makower fühlte sich dabei unbehaglich, er wollte vorwärts und nicht zurück; er wollte den Juden den Fortschritt eröffnen und sollte gegen den Rückschritt kämpfen. Da schied er aus der Gemeindeverwaltung. Der äußere Anlaß ist bekannt. Makower war ein abgesagter Feind jeder Unselbständigkeit. Er wollte unabhängig sein, soweit das Gesetz dies nur ermöglichte. Deshalb war er stets dagegen, wenn die Behörden gegen Angriffe Andersgläubiger angerufen werden sollten. Er hielt einen solchen Hilferuf für ein Zeichen der Schwäche. Selbst ist der Mann, und allein muß er sich seine Rechte wahren. Deshalb war er schon 1869 gegen eine beabsichtigte Vorstellung beim Gesammtministerium wegen einer Aeußerung des Ministers Selchow, deshalb lehnte er in demselben Jahr den Beitritt zu der bekannten Breslauer Petition ab, deshalb weigerte er sich 1871, gegen einen Erlaß des Oberkirchenraths zu protestiren, deshalb mißbilligte er 1876 eine Vorstellung an den Justizminister wegen des Werkes eines Juristen mit dem Titel: „Die goldene Internationale", deshalb bekämpfte er 1892 eine Petition an den Minister des Innern gegen den Antisemitismus, deshalb nahm er endlich die bekannten Vorgänge bei der bekannten Adreßdebatte zum äußeren Anlaß, sein Amt niederzulegen und aus der Repräsentantenversammlung zu scheiden. Die Zeit ist noch zu kurz, die Vorgänge sind noch zu frisch, um über sie ein endgiltiges Urtheil zu fällen. Mag man nun aber sie billigen oder sie mißbilligen, darin werden alle Betheiligten übereinstimmen: auch in diesem Punkte, auch bei diesem Anlaß ist Makower sich treu geblieben, hat er seine Ansichten ohne jede Nebenrücksicht furchtlos und treu verfochten. Schon während seiner Thätigkeit in der Verwaltnng hat sich für Makower mancher Anlaß geboten, für die Juden überhaupt zu wirken. In vielen Fällen haben die Verhandlungen mit anderen Gemeinden, die Bemühungen für allgemein jüdische Jntereffen Gelegenheit hierzu gegeben. Es soll hier nur erinnert werden an die Unterstützung so mancher wiffenschaftlicher Unternehmungen und Institute, an Makowers eifrige Bemühungen um die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, an sein Eintreten für die Beschaffung einer umfangreichen Bibliothek, an die Unterstützung der Bearbeitung der Regesten zur Geschichte der Juden im Deutschen Reich. Vor allein aber ist seine Mitarbeit an den Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre hervorzuheben, welche später als eines der trefflichsten Kampfmittel gegen die geistige Seite des Antisemitismus („ein häßliches Wort für eine häßliche Sache", wie Makower sagte) anerkannt werden wird. Mancher dieser Grundsätze stammt vollständig, bei vielen die endgiltige Redaktion aus Makowers Feder. Zwei Institutionen aber müssen ein wenig eingehender besprochen werden, weil sie schon jetzt zu dauernden Einrichtungen geführt haben. Als im Jahre 1881 die Juden Rußlands wieder einmal (wie so oft) grausamen Verfolgungen ausgesetzt waren, trat Makower an die Spitze des deutschen Komitees, welches sich zum Schutze der bedrängten Glaubensgenossen gebildet hatte. Zusammen mit den an-