Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW WWWWWWWffWWM 185 die Verwüstung des Landes und, mehr als alles andere, der Untergang des Nationalheiligthums hatten den Glauben an die Ewigkeit des palästinensischen Staatswesens erschüttert. Vielleicht hat sich wirklich eine dumpfe Verzweiflung des Volkes bemächtigt. Es bleibt immerhin auffällig, daß das deuteronomische Bundesbuch in die Verkündigungen der Leiden nicht das leiseste Trosteswort einfließen läfjt1), obwohl andererseits sich nicht leugnen läßt, daß in dem Gesetz über die Königswahl die ungestörte Fortdauer einer idealen Theokratie mit einem von einem König unter dem Beistand von Priestern und Propheten harmonisch verwalteten Gemeinwesen vorausgesetzt wird?) Jedenfalls betont ein anderer Deuteronomiker — um den kritischen Sprachgebrauch beizübehalten — die Unwandelbarkeit der göttlichen Gnade, welche wohl zeitweilig, aber nicht auf die Dauer deni Volke Israel entzogen werden tarnt.8) Aehnlich betont der Prophet Jeremia, welcher mit dem Deuteronomium viele sprachliche und sachliche Analogien aufweist, die wiedererwachende Gnade Gottes. Die bösen Nachbarn, welche Gottes Erbe angetastet haben, welches Israels rechtmäßiger Besitz ist, sollen losgerissen werden von ihrem Boden, und Israel soll losgeriffen werden aus ihrer Mitte. Gott wird sich ihrer wieder annehmen und sie zurückführen, Jeden nach seinem Erbe und Jeden in sein Land. 4) Diese neuerwiesene göttliche Gnade wird ein Gegenstück sein zu jener, welche der Herr Israel erwiesen hatte, als er es aus Aegypten befreite, und wird eine noch großartigere Manifestation des göttlichen Heiles werden.3 *) Worin die größere Bedeutung dieser zweiten Erlösung bestehen wird, darüber erfahren wir aus dem Propheten nichts. Vielleicht wird sie sich unter größeren Wundern vollziehen, vielleicht setzt der Prophet einen geringern Grad von Gläubigkeit bei seinen Zeitgenossen voraus, weshalb das Eintreffen der Verkündigung einen um so mächtigeren Eindruck Hervorrufen werde. Ganz unwahrscheinlich ist die Ansicht Aromas, daß die Ewigkeit der neuen Erlösung dieses Kriterium bilden werde?) Allerdings folgt diese ewige Dauer des neuen messianischen Reiches schon aus psychologischen Motiven, denn wir könnten uns der Erlösung gar nicht freuen, wenn wir sie nur als einen vorübergehenden Lichtblick in der Geschichte unseres Elends zu betrachten hätten. Ausdrücklich sagt uns Joel?) allerdings einer der spätesten Propheten, daß Aegypten und Edom — das letztere vielleicht schon als emblematischer Name gebraucht — Wüsten sein werden, während Judäa ewig bestehen wird und Jerusalem von Geschlecht zu Geschlecht. Ein wesentlich neues Element tritt in der exilischen Prophetik durch den Universalismus auf, während die Frage nach dem Glücke des Individuums noch immer bei Seite gelaflen und das Daseinsräthsel vom rein nationalen Gesichtspunkte behandelt wird. Das Glück von Israels Zukunft wird wohl zu Grunde gelegt. Seine Bevölkerungsziffer wird stets wachsen, sein Nationalwohlstand zuuehmen, seine politische Stellung eine achtunggebietende sein, seine inneren Zustände werden die Verwirklichung der vornehmsten Ideale bilden, aber zu gleicher Zeit werden die Segnungen der auf reiner Gottesverehrung basirenden Kultur allen Völkern der Erde zutheil werden. Das allgemein anerkannte Gesetz Gottes wird Kriege verhindern, und Israel wird zum Schiedsrichter aller Welt werden.8) Selbst die ewigen Erbfeinde werden treue Bundesgenossen werden; eine gebahnte Straße wird von Aegypten nach Affyrien führen, und die beiden um die Weltherrschaft rivalisirenden Großmächte werden mit Israel zusammen einen gesegneten Dreibund ') Deut. 28, 68. 2) ib. 17 20. 8) ib. 4, 28—80. 30, 1—10. 4) Jer. 12, 14—15. ->) ib. 16, 14—15; Talmud, Synhedrin 37a. “) Akedath Jsaac, Porta 42, ed. Lemberg p. 92 b. 7) 4,19 f. ») Jes. II, 1-4, Micha IV, 1—5. bilden. *) Israel wird als Knecht Gottes des Richteramtes auf Erden walten, nicht gestützt auf Liktorenstäbe, nicht nach dem Rechte des Stärkeren, es wird das Ried nicht brechen, den glimmenden Docht nicht verlöschen, und doch wird sein Richterspruch auf den fernsten Eilanden respektirt werden?) Dadurch wird alle Sklaverei, alle Bedrückung aufhören. Eroberungskriege werden unmöglich sein und wüste Landstrecken der Kultur zugeführt werden, denn es wäre ja der göttlichen Allmacht unwürdig, wenn sie Israel aus dem Exil befreit haben sollte, um es zum Knecht Gottes zu machen; vielmehr war diese Wunderthat Gottes im Jntereffe der ganzen Welt, damit auf diese Weise Israel werde ein alle Völker verbindendes Band, ein Licht der Nationen.3) Die nationale Erlösung soll also ihren Abschluß in einer Denationalisirung finden, denn ihre Bedeutung liegt darin, daß die nationale Religion zu einer universellen ausgestaltet werde. Alle Völker sollen eine neue Sprache erlernen, so daß alle anrufen werden den Namen Jahves und ihm dienen werden mit gereinigter Schulter?) Jahve wird König sein über die ganze Erde, und alle Nationen werden das jährliche Danksagungsfest nach beendigter Ernte in Jerusalem feiern?) Die Tibarener in Kleinasien, die Nubier und die Bewohner der griechischen Inseln werden durch Apostel ihrer eigenen Nationalität von der Herrlichkeit Jahves erfahren, sie werden als Brüder in Jerusalem empfangen werden und gleich den National- Jsraeliten zu den Ehrenämtern des Tempels Zutritt haben?) Demnach ist, wie bereits gesagt, das eigentliche Ideal der Erlösung Israels ein antinationales. Die Glorie des neuentstandenen Reiches soll die Aufmerksamkeit aller Völker und Zungen auf sich lenken, damit an jedem Neumond und an jedem Sabbath alles Fleisch komme, um Jahve anzubeten. Somit ist die Gegnerschaft gegen den zionistischen Nationalstaat mehr im Sinne der messianischen Prophezeiungen als das zionistische Projekt, welches die Jsolirung Israels und eine Tolerirung der Religion in Aussicht nimmt. Hermann Makower. Von Bernhard Breslauer, Rechtsanwalt und Notar. (Fortsetzung.) er Reorganisation des Gottesdienstes schloß sich die Entwickelung der Gemeindeschulen und des Religionsunterrichts an. Ohne auf den Streit, ob konfessionelle Schulen überhaupt noch berechtigt sind, einzugehen, kann hier nur von der Ausgestaltung des Unterrichtes die Rede sein. Es war die Schule der modernen deutschen Volksschule gleichzustellen, die Ausbildung der zukünftigen Lehrer zu verbeffern, die Lehrerbildungsanstalt der Zeit entsprechend einzurichten. An diesen Arbeiten Mitwirken zu können, war Makower eine Lust; hier konnte er so recht seinen pädagogischen Neigungen nachgehen und sich als wahrer Lehrer bethätigen. Die Fragen des Religionsunterrichtes konnten dabeiMcht unberücksichtigt bleiben. Makower war Gegner des obligatorischen Religionsunterrichtes. Er erachtete es als ein Glück für die Juden, daß jeder Vater selbst Einfluß auf die religiöse Ausbildung seiner Kinder ausüben darf; es erschien ihm als die schwerste Sorge, wenn der Vater gezwungen werden sollte, seinem Kinde einen Religionsunterricht zutheil werden zu laffen, der mit seiner eigenen Ueberzeugung, mit seinen eigenen Anschauungen nicht harmonirte; er fürchtete für viele jüdische Familien das Heraufbeschwören eines Zwistes zwischen Haus und Schule und 1) Jes. 19, 23—25. 2) ib. 42, 1-4. 8) ib 49, b—10. *) Zeph. 3, 9. 5) Sech. 14, 9 und 16. 6) Jes. 66, 18—22.