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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-22 · Heft 16 (22.4.1898) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 16 (22.4.1898)
Date
1898-04-22
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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der Aufklärungsepoche haben in ihren eigenen Familien nicht jene Standhaftigkeit bewahrt, welche der Sache, die sie verfochten, zum Siege hatte verhelfen miissen. Die baronisirten Nachkommen des Rabbiners Gabriel Eskeles, des frommen Adam Arnstein und anderer Finanzgrößen aus der Wiener Kongreßzeit sind längst dem Judenthum verloren gegangen; die Enkelin des großen Philantropen Salomon Heine und des jüdischen Parlamentspräsidenten Abraham Furtado theilt heute mit ihrem Gatten die Ehren des Fürstenthrones von Monaco, dessen beneidenswerthe finanzielle Lage auf einer so wenig beneidenswerthen Basis berliht. Das sind ja Erscheinungen, welche uns zu denken geben, aber doch Niemandem das Recht verleihen, jeden reichen Juden einen Verräther zu nennen, weil er in der Gründung eines Judenstaates weder eine glückliche noch eine wünschenswerthe Lösung unserer gegenwärtigen Schwierigkeiten erblicken kann. Und wenn die Rabbiner an Idealen festhalten, welche die Konsequenzen von Lockes und Leibnizs Philosophie sind, von Voltaire, Rousseau und Lessing, ja indirekt sogar in Goethes „Götz von Berlichingen" und Schillers „Räuber" gepredigt, in der französischen Revolution proklamirt, in der amerikanischen Union verwirklicht wurden, miissen sie „aus der Tasche predigen"? Es ist merkwürdig, wie kurz das Gedächtniß unserer raschlebigen Zeit ist. Ich erinnere mich sehr wohl der Zeit, als Dr. Herzl, den ich in der Wiener akademischen Lesehalle kennen lernte, das Judenthum für etwas so Belangloses hielt wie die Farbe seiner Haare oder den Schnitt seiner ersten Höschen. Es war im Anfang des Taaffe'schen Regimes, als die Wiener Studentenschaft in das deutsch-nationale Fahrwasser einlenkte, als Ritter von Schönerer bei einer Lessingfeier als Redner auftrat und ein jüdischer Jurist, Namens Aschner, die Ovationen leitete, welche die deutsch-nationale Studentenschaft Herrn von Schönerer anläßlich seiner Vermählung mit der Urenkelin von Schinul Leb Kohn darbrachte. In der kleinen Oppositionspartei, welche aus kroatischen und böhmischen Studenten, aus persönlichen Gegnern der derzeitigen Vereinsleitnng und einigen wenigen Gegnern des nationalen Chauvinismus bestand, trat damals Dr. Leo Gelber auf, der kürzlich sein Tarnopoler Judenthum in einer Straßenszene vertheidigte, und rief mit dem ganzen forensischen Pathos eines jungen Vertheidigers in Strafsachen: „Eher soll diese Hand verdorren, als daß sie sich im Kampfe von Deutschen gegen Deutsche gebrauchen ließe". „O, alte Burschenherrlichkeit, wo bist du hin geschwunden!" Wenn ich damals hätte ahnen können, welch gewaltige Veränderungen die politische Schaubühne nach anderthalb Jahrzehnten zeigen würde, ich wüßte wohl heute manches charakteristischere Geschichtchen zu erzählen. Uebrigens ist es kaum nöthig, denn Herr Dr. Herzl hat selbst in Basel das offene Geständniß abgelegt: „Ohne den Antisemitismus säßen wir nicht hier." Freilich hat Jedermann das Recht, seine Anschauungen zu ändern, und nichts ist thörichter, als konsequent zu sein um des Ruhmes der Konsequenz willen, aber dann hat man doch die Pflicht, Anderen, die nicht mitthun wollen, die Möglichkeit ehrenwerther Motive zuzugestehen. Im 18. Jahrhundert war das Ideal der größten Männer ein kosmopolitisches; erst die Schlachten von Leipzig und Waterloo haben einen Umschwung in der Gesinnung hervorgerufen. Soll es denn wirklich ein so ungeheueres Verbrechen sein, wenn man heute glaubt, daß die Optimisten, welche von einer verbrüderten Welt geträumt haben, sich nur in der Zeit der Erfüllung, aber nicht in der Sache selbst geirrt haben? Wenn es eine Schuld bedeutet, an die einigende Macht der Wahrheit zu glauben, dann bekennen wir uns schuldig, mit auf- 184 - richtiger Ueberzeugung das Neujahrsgebet gesprochen zu haben: „Unser Gott und Gott unserer Väter, regiere über die ganze Welt in Deiner Herrlichkeit, und erhebe Dich über die ganze Erde in Deiner Glorie, und strahle in Deiner stolzen Majestät, sichtbar allen Bewohnern der Welt, welche Dein Reich ist, daß jedes Geschöpf erkenne, daß Du es geschaffen hast, und jedes Gebilde lerne, daß Du es gebildet hast, und alles, was Odem in seiner Nase hat, spreche: „Der Herr, der Gott Israels, ist König, und sein Reich erstreckt sich über alles." So hat vor etwa 1700 Jahren ein angesehener Rabbi geschrieben, und seine Worte sind unseren Vätern in diesem langen Zeitraum als der paffendste Ausdruck ihres religiösen Bewußtseins an einem der feierlichsten Tage des Jahres erschienen. Diese Worte bedeuten, wenn wir nur aus- und nicht unterlegen, daß der Israelit seine Hoffnung in einem Aufgehen in der großen Weltgenossenschaft und nicht in einem ewigen Sonderdasein sieht. Das mag ja ein Nebelbild, eine tat» morgana, eine kindische Illusion sein, aber aus der Tasche gesprochen ist es doch nicht. Wir behaupten aber mehr: Es ist der Kernpunkt der messianischen Idee, deren Verleugnung man uns vorwirft. Was ist denn zunächst die messianische Idee anderes als ein praktisch ausgedrückter Optimismus? Es ist die auf das nationale Leiden Israels angewendete Ueberzeugung. daß „Gott nicht verwirft den Unschuldigen und nicht stützt die Hand der Uebelthäter"?) Aus diesem Grunde hat sich auch die Messiasidee erst in der exilischen, Zeit entwickelt. Bis zu dieser Zeit wird das Daseinsproblem, wie es scheint, nur als diesseitiges, aber auch nicht als individuelles, sondern nur als nationales behandelt. In dem Bundesbuch des Exodus, welches als einer der ältesten Bestandtheile der Thora angesehen wird, wird für den Dienst Gottes die Niederwerfung der Feinde Israels, eine gesegnete Fülle von Brod und Wasier und die Fernhaltung von Krankheiten versprochen?) Wenn sich, was wohl kaum in Abrede zu stellen sein dürfte, der Verfasser das Problem von der individuellen Seite klar gemacht hat, wenn er sich darüber klar war daß neben der höchsten nationalen Prosperität ein individuelles Leid durch Krankheit, Armuth, frühzeitigen Tod oder Verlust der Kinder bestehen kann, so verlangt er offenbar von dem Jndividuuni, sein persönliches Leib nach der Bedeutung für die Gesammtheit zu meffen. Derselbe Grundgedanke zieht sich durch die Abschiedsrede Samuels?) In einer geschichtsphilosophischen Betrachtung wird aus der Vergangenheit bewiesen, daß auf den Abfall von Gott immer Unterjochung unter fremde Völker folgte, und dasselbe wird für die Zukunft angedroht, wenn Israel nicht hören würde auf die Stimme Gottes. Als Zeichen der göttlichen Zornesgewalt wird mitten in die Weizenernte ein heftiger Gewitterregen gesendet. Die Lehre der Vergangenheit, der Beweis aus der Gegenwart und die Verkündigung für die Zukunft werden durchaus national gefaßt. Keine Erwähnung davon, daß ein Gewitterregen auch die Ernte des gottesfürchtigen Bauern vernichten könne. Ebenso wenig ist aber in diesen und ähnlichen Stellen von einer Vernichtung oder zeitweiligen Unterbrechung von Israels nationaler Existenz die Rede. Israel kann Niederlagen erleiden, es mag einer anderen Nation tributpflichtig werden, es mag von Mißernten verfolgt werden, aber seine nationale Existenz ist fest gegründet auf die Verheißung an Abraham?) daß Kanaan ihm und seinen Nachkommen gegeben werde als ein ewiges Erbe. Die exilische Zeit hat zunächst den Glauben an die Verheißung Abrahams modulirt. Die Exilirung der angesehensten Geschlechter, i) Hiob 8, 20. 2) Exodus 38, 22 und 25. * *) 1. Sam., Kap. 12. *) Gen. 17, 8.

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