Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Sehr begreiflich ist aber, daß die Geschäfte unter solchen Exzessen leiden müssen, und daß insbesondere die Inden nur mit äußerster Vorsicht an geschäftliche Unternehmungen Herangehen. Schon macht sich die Geschäftsstockung auch in Frankreich fühlbar, und die Fabrikanten von Rheims versenden an die Pariser Zeitungen ein Cirkular, worin sie bittere Klage über die laue Haltung der französischen Regierung führen, die es mit ansehe, wie ihnen ein großes Absatzgebiet durch straflose Pöbelexzesse ruinirt werde. Diese Klage wird gewiß nicht vereinzelt bleiben, sondern eine große Anzahl ähnlicher im Gefolge haben. * Die Juden Italiens haben die Feier des 50. Jahrestages ihrer Emanzipation fast überall in sehr würdiger Weise begangen. Sie haben ein gutes Recht dazu, denn in der That ist Italien heute fast das einzige Land Europas, in dem die Juden nicht nur durch das Gesetz emanzipirt, sondern auch thatsächlich gleichgestellt sind, und in das die verheerende Seuche des Antisemitismus absolut keinen Eingang gefunden. An Versuchen hat es zwar nicht gefehlt, diesen auch in Italien einzubürgern, und die klerikale Presse hat redlich das ihrige dazu beigetragen. Aber alle diese Versuche scheiterten an dem gesunden Sinn des italienischen Volkes. Wir dürfen deshalb unseren italienischen Glaubensgenosse» zu der Feier ihres Emanzipationsfestes von ganzem Herzen Glück wünschen. Mögen sie aber in ihrer günstigen Lage auch ihres Judenthums nicht vergessen. Gerade in Italien ist das Interesse für das Judenthum nur noch ein schwaches; es muß wieder geweckt und zur hellen Flamme der Begeisterung für unsere Religion, für unsere geschichtliche Vergangenheit, für unsere gegenwärtige und künftige Mission angefacht werden. Dann erst werden wir die Juden Italiens als wahrhaft frei und groß beglückwünschen dürfen. * Der Streit zwischen Amerika und Spanien, der wohl zum Kriege führen wird, hat natürlich für uns ein besonderes Interesse. In Amerika bewähren die Juden ihren Patriotismus in hervorragender Weise. Sie finden dafür auch Anerkennung — und Angriffe seitens der dortigen Antisemiten. Die Beschlüsse eines jüdischen Meetings in New-Iork gegen Spanien werden von der dortigen Tagespresse zum Theil sehr abfällig kritisirt. Andererseits hat man wieder selbst in Spanien in diesen schweren Tagen an die Juden gedacht. Das Land braucht Soldaten, und da erinnerte sich der Kriegsminister an die auf den spanischen Straffestungen (Melitta Alhueema rc., nordafrikanische Riffs) lebenden Juden. Ein dort lebender Oesterreicher schreibt darüber der „Oesterr. Wochenschrift": „Schon seit einigen Jahren gehen uns aus Spanien in verschiedener Form Nachrichten zu, unsere Glaubensgenossen zur Einwanderung nach dort (Spanien) zu veranlassen. Diese Agitation fällt natürlich hier auf unfruchtbaren Boden, da wir die hier mühsam genug geschaffene Posttion nicht aufgeben wollen und in erster Linie nie vergessen werden, wie schmachvoll die spanische Inquisition gegen uns Juden gehandelt hat. Der Gebrannte fürchtet das Feuer. Wir treiben unseren Handel in allen Landesprodukten mit den marokkanischen Stämmen und den ansässigen Spaniern, und sind wir ihnen beinahe unentbehrlich geworden. Die meisten Geschäfte bis zu den niedrigsten Arbeiten besorgt der Jude. Die Steuer ist nicht gerade hoch zu nennen. Da wir also nun der wiederholten Einladung Spaniens, freiwillig dorthin zurückzukehren, keine Folge leisteten, so gebraucht es Gewalt und beginnt damit, daß es unsere jungen und kräftigen Leute, die bis dato keinen Militärdienst machen dursten, als Soldaten in sein Heer einstellt. Wir lehnen uns dagegen nicht auf und sind überzeugt, daß die neuen spanischen Marssöhne auch auf dem Felde der Ehre ihren Mann stellen werden." Der Zionismus nnd das mefftanifche Dogma. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati, i. Das messianifche Zeitalter. allen Kontroversen finden wir die Kämpfer viel glücklicher in der Aufdeckung der Schwächen des Gegners als in der \JP Vertheidigung der eigenen Position. So sehe ich in der höchst bedeutsamen Schrift Hermann Schells'), des derzeitigen Rektors der Universität Würzburg, daß er seinen freisinnigen, antijesuitischen Standpunkt gegenüber protestantischen und altkatholischen Hinweisen auf Amphibolie und Montalrestriktion damit vertheidigt, daß er fragt: „Ist die Amphibolie und Montalreservation bei uns Katholiken und katholischen Theologen zu Hause, jene Amphibolie, welche es zweifelhaft 'ätzt, ob man die Gottheit Christi, die Dreieinigkeit Gottes. och bekennt oder bereits kritisch überwunden hat?" Wer Holtz anns Kommentar zum Neuen Testament oder Harnacks Dogmengeschichte studirt, wird dem katholischen Gelehrten Recht geben müssen, und wenn die Zionisten eine ähnliche Anklage gegen unsere Orthodoxen und Konservativen erheben, sind sie, wie mir scheinen will, im Recht. Wenn man dem Zionistenkongreß in einer Stadt jede Gastfreundschaft verweigerte, weil man seine Ziele als schädlich betrachtet, warum hat man in derselben Stadt den Rabbiner, der ein Kohen ist, von der Verpflichtung mit einer Leiche unter einem Dache zu sein, dispensirt? Das letztere kann doch nur dann einen Sinn haben, wenn man an die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes und die Wiederherstellung des Opferkultus glaubt. Es ist also ganz dieselbe Geschichte wie bei Schell. Man vertheidigt die eigene Position gar nicht, sondern begnügt sich, dem Gegner zu sagen: Dn bist nicht bester. Nur in einer Richtung sind die Zionisten ein Typus jener demagogischen Polemik, welche das parlamentarische Leben und die gesteigerte Preßthätigkeit unserer Tage hervorgerufen hat. Es ist ja natürlich, daß der ehrliche Vertreter einer Anschauung glauben muß, daß der Gegner Unrecht hat; es ist auch verzeihlich, wenn ihm der Gedanke nicht kommt, daß der Gegner Recht haben könne, aber was eben demagogisch genannt werden muß, ist die bei den Zionisten heimische Methode, dem Gegner absolut selbstsüchtige und unsittliche Motive zu unterschieben. Die Reichen wurden schon in Herzls Judenstaat mit einer sozialistischen Revolution innerhalb der Judenheit bedroht, gegnerischen Rabbinern, welchen in dem „Judenstaat" noch immer das verlockende Bild einer Koloniengründung »ach puritanischem Muster vorgehalten wird, sagt „Die Welt" jetzt nach, daß sie ihre Prinzipien in der Tasche hätten. Nun, was unsere Reichen betrifft, finde ich auch, daß sie in ihrem Bestreben, recht weichherzig zu erscheinen, ihre Pflichten gegenüber dem Judenthum nicht voll und ganz erfüllt haben. Ich habe in meiner Philosophie der jüdischen Geschichte darauf und auf die Desertionen aus den Reichen der Reichen hingewiesen und in dem Protest dagegen den berechtigten Kern des Zionismus erkannt. Wer kann sich der Thatsache verschließen, daß von den Nachkommen der führenden Kreise des 18. Jahrhunderts, der Hoffaktoren und Schtadlanim, kaum noch Jemand dem Judenthum angehört? Die Nachkommen des „Judenältesten" Daniel Jtzig find längst Hitzig geworden; Moses Mendelssohn, David Friedländer, i B. Friedenthal, Israel Jakobson und so viele Wortführer des identhlims in i) Schell: Der Katholizismus als Prinzip dt Fortschritts. 6. Auflage. Würzburg 1887. S. 43.