Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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380 Das Mädchen ging auf ihn zu, legte ihre kleine, weiche Hand auf seine Schulter. „Sei nicht böse, Nathan! Ich wollte Dir nicht wehe thun. Z Wir gehen heim, doch erst pflücke mir die kleinen blauen Vergiß-^, meinnicht, die ich so lieb habe. Nicht wahr, Du thust es gern?" Der Bursche zuckte zusammen bei der linden Berührung der - kleinen Hand. Es war, als hielte er den Athem an. Seine Blicke ruhten auf der kleinen Hand so sonderbar. Er 'war's ja nicht gewohnt, daß Jemand ihn leis und sanft berührte. Doch nur Momente schien diese Stimmung bei ihm anzudauern. Er sprang zum Bach und riß ohne Wahl ein Büschel der Blümchen nach dem anderen heraus mit Stumpf und Stiel. „Wie bist Du grausam, Nathan, so die Blumen zu reißen! Sieh' einmal, die lieben kleinen Blumengesichter fallen von dm Stielen, nun müssen sie sterben. Wie schade, wie —" „Unsinn, Blumen! Sie leben nicht und können nicht sterben." „Doch horch. Lea. Hundegebell! Die Jäger blasen ins Horn. Da, am Waldsaum. Der Graf! Die Gräfin! Die ganze Jagd! Komm, eile, fliehe! Er darf uns hier nicht sehen! Wir dürfen uns ja nicht außerhalb der Gaffe zeigen. Du weißt ja, wie dös und hart er ist. Er wird uns schlagen, einsperren. Gerechter Gott, Lea! So höre doch! Komm, komm!" Das Mädchen war mit den Augen der Richtung gefolgt, die Nathan angegeben. Der Schreck schien ihr die Sprache geraubt, den Fuß gelähmt zu haben. Sie wollte durch das Strauchwerk schlüpfen. Doch ihre Locken blieben in den Zweigen hängen, und ihre zitternden Hände versuchten vergebens, sie zu entfernen. Endlich, nach vieler Mühe und heftigen Schmerzen, gelang es. Nathan faßte des Mädchens Hand, um mit ihr zu fliehen, als bellende Hunde ihnen den Weg versperrten. In geringer Entfernung sahen sie den glänzenden Jagdzug sich ihnen nähern. Hell leuchten im goldigen Schein der Herbstsonne die prächtigen Waffe», das kostbare Zaumzeug der Pferde. Sie umsäumen mit ihren glänzenden Strahlen die pelzverbrämten prächtigen Gewänder der Männer und Frauen, die auf schäumenden, dampfenden Rossen heranstürmen. Wehende Federn wiegen sich auf ihren Häuptern und, in den Locken der stolzen Schönen, um Hals und Arme flimmern Edelsteine in tausend flimmernden Farben. Ueberrascht und geblendet schauen die Fliehenden auf. Sie achten nicht auf die gierigen Hunde, die zähnefletschend um sie herumspringen und an ihreir Gewändern zerren. Ihre Ueberraschuug läßt sie vergeffen, in welcher Gefahr sie sich befinden. Eine rauhe Stimme schreckt sie aus ihrem Staunen und Sinnen auf. „Heda, Judeuvolk! Gottverfluchtes! Wie wagt Ihr es, Euch hier zu zeigen und mich mit Eurem Anblick zu beleidigen! Fort mit Euch! Jäger, hetzt die Hunde! Ihr sollt» büßen!" „Gnade!" ruft Lea aus und wirft sich auf die Kniee. „Mach' den Weg frei, Dirne, sonst zertritt Dich mein Pferd!" Halloh, auf! — Sonst spürst Du meine Peitsche!" Das Mädchen ist unfähig, sich zu erheben. Ihre wankenden Kniee gehorchen nicht ihrem Willen. Nathan eilt herzu, um sie in seine Arme zu nehmen, doch ein donnerndes Halt wird ihm zugerufen. Eine der schönen Frauen im lichtblauen Gewände hat den blonden Kopf gegen den ihres Begleiters geneigt und flüstert ihm einige Worte zu. Der Graf setzt sich fester in den Sattel und ruft mit rauh klingender Stimme: „Wohl, schöne Frau, Ihr sollt sehen, daß ich kein Hinderniß .kenne, mein Pferd gehorcht mir und meiner Hand; meine Augen sind sicher." „Bleib' sitzen, Dirne! Rühre Dich nicht, sonst ist's Dein Tod. Ich nehme das Hinderniß spielend," wendet er sich dann an seine Begleiterin. „Den Lohn dafür, ich darf ihn mir dann selbst erbitten, er ist gewährt?" — „Nicht doch. Graf! laßt den Spaß! Ein Menschenleben ist in Gefahr, cs ist so tollkühn, so zu wagen!" — „Ist ein Jud' ein Mensch, und vollends die Dirn' das!" ruft lachend der Gutsherr, indem er fester die Zügel des ungeduldig sich bäumenden Rofles faßt. „Du hörst, Dirn', ich reite über Dich fort. — Ist Dir Dein Leben lieb, dann halte still!" Lea hebt ihr leichenblasses Gesichtchen. Ihre Augen schauen mit einem Blick unsäglichen Grauens und tiefer Verachtung auf ihren Peiniger. Ueber ihre bleichen, halb geöffneten Lippen kommt kein Laut. Einen Moment lang bleibt Alles, still. Voller Erwartung sind Aller Augen auf den Grafen gerichtet. Das Pferd hebt die Borderfüße. Schon will es den kühnen Sprung wagen, als ein gräßlicher Schrei, ein gellendes Lachen es erschreckt zurückfahren läßt. Nathan hat ihn ausgestoßen. Der Gutsherr wendet sich zu seinen Begleitern. „Packt den Buben!" ruft er zornglühend und giebt dem Roß die Sporen. „Der Narr ist's, laßt den Narren in Rllh," flüstern die Begleiter und sehen scheu nach Nathan, der, bebend vor Erregung, mit erhobener Hand sich vorwärts stürzen will. Jetzt springt das Pferd über bas zitternde Mädchen. Der eine Huf trifft die Brust der Unglücklichen, und stöhnend sinkt sie zusammen. Die blonde Frau auf ihrem schneeweißen Pferde erblaßt. So hat sie's nicht gewollt. Sie zögert, als sie an dem arnien, zu Tode getroffenen Opfer vorüberreitet. Doch ein lauter Befehl des Gutsherrn, der zur Eile mahnt, entreißt sie ihren Gedanken. Schnell wendet sie ihr Roß, und fort geht's i» Windeseile dem nahen Gutshofe zu. Um den Narren, der noch immer in derselben Stellung wie leblos verharrt, hat sich Niemand gekümmert. Das Schicksal des Mädchens beschäftigt Alle. (Forts, folgt.) Kpvechfaal. Hochgeehrter Herr Doktor! c^hren interessanten Mittheilungen über Varnhagen v. Ense und Dr. Zunz zufolge ist es Ihnen unbekannt, für welchen „Tempel des verbesserten Gottesdienstes" eine Einladung Zunz' an B. v. E. gegolten haben soll? Nun, Zunz war im Jahre 1835 Prediger in Prag an dem heute noch den Namen führenden Tempel des „Vereins für geregelten oder verbesserten Gottesdienst", und da im Jahre 1835 der Andrang zu jedem Gottesdienste im Prager Tempel so groß war, daß Fremden nur gegen Karten der Einlaß gestattet werden konnte, hat der sel. Zunz vorsichtigerweise Varnhagen mit einer Karte versorgt. Carolinenthal, 14. März. S. Weltsch. * Lrirfkastrrr der Nrdaktiou. B. S. in K. Eine solche Anstalt für geistig zurückgebliebene Mädchen ist uns leider nicht bekannt. Vielleicht vermag Jemand aus dem Leserkreise darüber Auskunft zu geben._ Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für dre Redattion: Max Bauchwitz in Berlin.