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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-15 · Heft 15 (15.4.1898) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 15 (15.4.1898)
Date
1898-04-15
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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Stier, aber Menschenopfer unerhört". Aber der Autor selbst steht über den^Parteien. Auch in diesem Bliche wird das Wort „das Judenthum ist ein Unglück" als ein Heine'sches citirt. Wir glauben, daß das Wort zu Unrecht Heine untergeschoben wird. Denn nicht jeder Satz, den ein Dichter einer Person in den Mund legt, drückt die Meinung des Dichters aus. Der Patriarch im Nathan sagt: „Der Jude wird verbrannt". Sagt das Lessiug? Ist nicht vielmehr der Patriarch das Gegenbild des Dichters? So lesen wir allerdings bei Heine einmal: „Gehen Sie mir weg mit der jüdischen Religion; das Judenthum ist gar keine Religio», das Judenthum ist ein Unglück". Aber das sagt Hirsch Hyacinth, der unsterbliche Hühneraugenoperateur, und Heine hätte sich wohl dafür bedankt, wenn man ihn als Urbild Hirsch Hyacinths angesehen hätte. Zangwill zeigt uns, wie das Judenthum selbst in seiner Entartung das selige Glück Unzähliger ist; die Kinder des Ghettos sind das glänzende Werk eines Dichters, der mit klarem Geiste und mit warmem Herzen die Höhen und Tiefen des Lebens betrachtet und schildert. EUILLETON Der Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. II y a un mystere dans Pespiit des a:ues qui n’en ont pas. ^onnenstrahlen spielen mit den leis singenden Wellen des kleinen Bächleins, das munter über glitzernde Kieselsteine rauscht, die feinen Gräser und tiefblauen Vergißmeinnicht mit Diamantentröpfchen neckisch beschüttet. Am Ufer, mitten im tiefen Grün, sitzt ein zartes Mädchen, dem Kindesalter kaum entwachsen, und schaut träumend den wandernden Wellen nach. Sonnenfunken irren über das volle dunkle Gelock, über die warme, braune Haut des halb entblößten Nackens, über die schmalen, blassen Hände, die wieder und immer wieder mit den weichen Wellen kosen. Traumhaft süße Ruhe umsängt das stille Plätzchen, das winzig kleine Städtchen, das nicht weit ab an einem Bergesabhang lagert. Die Stille durchbricht kein Laut, kein Vogelgezwitscher, alles scheint im Mittagssonnenschein zu schlafen. Plötzlich horcht die Träumende auf. Feste Schritte nahen. Mit ungeschickter Hand werden heftig die Zweige eines Brombeerstrauches aris einander gebogen, und die Gestalt eines großen, breitschulterigen Burschen wird sichtbar. Er ist nur nothdürftig, ärmlich gekleidet. Das grobe Hemd läßt die breite, gewölbte Brust ganz frei, zeigt die starken, muskulösen Arme, die rothen, von schwerer Arbeit schwieligen Hände. Nichts berührt 'bei dieser Erscheinung anmuthig. Der große Kopf sitzt steif auf dem Stiernacken, die gedunsenen, halboffenen Lippen zeigen zwei Reihen gelber, kräftig entwickelter Zähne, und das Haar fällt wirr um Schläfen und Stirn. Die dunklen Augen beleben in ihrem wechselnden Spiel das wenig ausdrucksvolle, unschöne Antlitz. „Lea!" ruft der Bursche mit heiserer Stimme. „Geh' heim, was thust Du hier in der Sonne. Daheim rüstet man zum Miltagmahl. Die Bocherim sind schon versammelt. Dein Vater ist ungeduldig." „Narr!" lacht das Mädchen. Du hörst wohl das Gras wachsen, und durch die Wände erlauschst Du die Gedanken Anderer. Ich glaube Dir nicht. Du willst mich foppen. Es kann gar nicht so spät sein. Ich bin erst ein klein' Weilchen hier." „Thue, was ich Dir sage!" lautete die Antwort. „Bin ich auch ein Narr, rath' ich doch Manchem gut. Ich Hab' heute meinen Tisch bei Euch. Hab' heut' tüchtig Waffer getragen für die alte Gitel in der Küche, und nun dampfen die Erdäpfel auf dem Tisch; mein Magen sehnt sich nach ihnen, ach, so sehr!" Bei diesen Worten legte er die großen Hände auf seinen Leib und seufzte so tief und schmerzlich, daß das Mädchen hell auflachte. „Geh', Nathan! Du bist gar spaßig. Mußt Du immer Posten treiben, kannst Du nicht ernst sein?" „Bin ich auch ernst, der Hunger wird dadurch nicht geringer." „Da hast Du Recht. Aber ich möchte Dich auch gern einmal ernst sehen." „Ernst können gescheidte Leute sein, die denken und lernen. Ich, ich kann nicht denken. Da drinnen im Kopfe ist es wüst. Das Begreifen, das fehlt. Dann bin ich lustig und lache in die Welt hinein, sonst wär's gar zu traurig. Ich habe mich stets vor dem Lernen gefürchtet. Ich konnte nicht sitzen so still im Cheder. Immer Hab' ich mein Frühstück mir für den kommenden Tag verscherzt. Es gab nur immer Schläge. Unser kleiner buckliger Melammed schlug so lange, bis das Aleph beth auf meinem Rücken in rothen Streifen zu lesen war, aber in den Kopf hinein wollte es nie!" Lea schüttelte die dunklen Locken. „Mir thut's weh, daß sie allweil mit Dir ihr übermüthig Spiel in der Gasse treiben. Du könntest anders sein, als Du bist. Du mußt Dich zusammennehmen. Man ist nie zu alt, um zu lernen, so sagt mein Vater." , „Mit mir hat Niemand Geduld!" entgegnetetraurig der Bursche und senkte den Kopf. „Ja, wenn ich Vater, wenn ich Mutter hält'! Aber ich bin ja das Kind der Gaste, gehöre Niemand und Allen! Laß mich, Lea, meinen Weg gehen. Die Dummheit ist auch oft ein Schatz. Ach, nur lustig sein, das ist was Rechtes! Heissa, hopsa, tralalala!-" Bei diesen Worten that Nathan ein paar komische Sprünge. Bald war der Kopf oben, bald unten. Gewandt und schnell wie ein Eichkätzchen schoß er so Kopf über, Kopf unter auf dem weichen Rasen. — „O weh, o weh, meine lieben kleinen Blumen, Du zertrittst sie alle. Nun müsten sie welken und sterben!" Der Bursche sprang auf, feuerroth im Gesicht. Der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn. „So!" sagte er tief aufathmend. „Nun kann Gitel sich freuen; ich effe sie heut' in Grund und Boden. Sie wird nicht schlecht bös sein!" „Du solltest so nicht reden! Bei uns ist Dir alles wohl gegönnt." „Hm, ja, von Dir, von Deinem Vater. Aber die Anderen!" Plötzlich lachte er wieder so laut auf, daß das Mädchen ihn erschrocken an sah. „Geh!" sagte sie unwillig. „Du bist doch ein Narr! Ewig lachen, lachen!" Nathan sah sie starr an. Er öffnete die Lippen, als wollte er etwas sagen, doch schien er nicht das Rechte zu treffen. Langsam schloß er sie wieder. Nach langem Schweigen sagte er leise vor sich hin: „Ich bin ein Narr! sie sagt es auch. Ich bleib's nun einmal."

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