Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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178 I. Zangwill. Von Dr. B. Rippner. (^^angwill ist ein Autor, der Denjenigen, der nur flüchtigen Zeitvertreib sucht, in der angenehmsten Weise unterhält, aber noch mehr empfängt Der von ihm, dem das Leben zu kurz und zu kostbar ist, um die Zeit zu vertreiben, besonders der Jude der Gegenwart erhält von der Lektüre der „Kinder des Ghetto") die tiefste Anregung nahezu über jede Frage, die unfern Geist und unser Gemüth beschäftigt. Dieser Zangwill ist nicht nur ein I Künstler, sondern auch ein Kenner, ist nicht nur ein Dichter von reicher Phantasie, er steht auch auf dem Boden der Wirklichkeit, er r ist wohlbewandert im jüdischen Schriftthum und hat die köstlichste Eigenschaft des Menschen wie des Schriftstellers, die der ObjektiÄtät. I Wie vielen wackeren Leuten, die für das Judenthum die Wkr 1 führen, ist, wenn sie zu den Orthodoxen gehören, jeder MfgM/te | gottlos im bösesten Sinne des Wortes und, wenn sie selbst 00 zu I den Freisinnigen zähle», der konservative Jude ein Finsterling «in Heuchler, der in die heißeste Hölle gehört, wenn es nur eine gäbe. So freisinnig, um Jedem sein Recht zu geben, sind Wenige. Zang-! will hat dies edle Strebe»; er hat sich allerdings das intereffanteste Judenviertel der Welt, das Londoner, ausgesucht. Das gastliche! England hat nun schon seit vielen Jahren die verstoßenen Juden ausgenommen, welche vom Vorurtheil und vom Hunger aus Rußland vertrieben wurden. Nahezu jedes größere Judenviertel ist eine Welt für sich: es ist kein Zweifel, daß, wenn aus der Provinz Posen die Märkisch-Friedländer, die Schweriner, die Rawitscher, die Liffaer rc. nach Berlin auswandern, sie dort sich landsmannschaftlich zusammenfinden,. um die Erinnerungen an die heimathliche Khille zu pflegen und die Heimathsgenossen zu fördern. Man liest dann in den Zeitungen wohl Anzeigen und Berichte von einem Verein der Rawitscher, der Posener u. 21., aber es wäre weit gefehlt, in diesen Vereinen nichtjüdische einstige Bewohner dieser Städte zu suchen. Die einstigen christlichen Insassen haben dies Heimathsgefühl nicht, und man kann es ihnen ja genau genommen nicht einmal verargen, denn diese armseligen verkümmerten Nester in einer Gegend ohne jeden landschaftlichen Reiz haben wenig Verlockendes. 2lber wie wandelt sich das Bild für den Juden, der diesen Gemeinden entsprossen ist; jede derselben entwickelt ein eigenartiges Leben; die räumliche Entfernung der einzelnen Städte beträgt vielleicht nur eine Stunde; aber für jeden Sachkenner sind Kempen, Posen, Liffa, Rawitsch, als Urstätten altjüdischen Lebens, weit von einander verschieden, und die Erinnerungen an die betreffenden Judengaffen haben bei jeder ein ganz anderes Gepräge. Dasselbe gilt nach dem Urtheil aller Kundigen von den großen Judenstädten des Ostens; trotzdem sie sich gleichen im Elend, in der Aermlichkeit, im Schmutze, sind sie doch nicht mit einander zu vergleichen. Vollends diese jüdischen 2lnsiedelungen im Osten Londons, wo doch die große Maschine der Civilisation die barbarischen Ankömmlinge durch ihre Räder treibt und sie oft zerstört, oft erneut und I wohl jedem ihre tiefen Spuren einprägt. So sehen wir oft in einer | Familie das Zusammenspiel der mannigfachsten Lebensanschauungen; | eine alte Ahne, die, weil sie drüben in Polen vereinsamt gewesen lk wäre, krank und gebrochen nach England gekommen war, für die k Rußland das Heilige ist wie nur für irgend einen Anhänger der | griechischen Kirche, um diese Greisin spielen die Wogen der Kultur, f >) I. Zangwill: Die Kinder des Ghetto. Deutsch von Adele Berger. Zwei Bände. Berlin, 1897, Siegfried Cronbach. aber sie berühren sie nicht; sie sieht die Andereil auf der Fluth und meint, das sei der sichere Untergang; die Religionsübungen sind ihr nicht eine Vorbereitung zum Leben, sondern das Leben selbst; eine zweite Generation ist schon nachgiebiger, sie läßt die Kinder an den Segnllngen der Kultur, besonders am Unterricht theilnehmen, aber sie duldet es doch nicht, daß diese jungen Sprossen in Reih und Glied der Volksgenossen treten, unter denen sie leben. Das Ceremonialgesetz, der strenge Sabbath, ist der Herrscher, dem die Alten sich gutwillig unterwerfen, und dem die Jungen widerstrebend gehorchen. Ueberall der patriarchalische Gehorsam, der Jung und Alt verbindet. Und nun entstehen die Konflikte von tiefster Tragik. Der Dichter wächst mit der Größe der Aufgaben. Die Kleinmalerei der ersten Kapitel ist entzückend, aber ohne den milden Humor wäre dieser Schmutz, diese Enge, dieses Elend, diese Unkultur doch schwer erträglich; jedoch diese Personen wachsen über das Ghetto hinaus und kämpfen schwere Kämpfe in sich und mit der Außenwelt; was für ein buntes Leben herrscht in diesem Romane, obgleich sehr wenig darin vorgeht und keine Romanfiguren, und auch nicht gar zu viel romanhafte Situationen darin vorhanden sind. Wer die Juden kennt, kann aus seiner eigenen Erfahrung den von Zangwill geschilderten Leuten eine Menge Kameraden geben. Das ist die Kunst des Dichters, daß wir eine leibhaftige Vorstellung von den Menschen gewinnen, die er uns schildert, als seien wir ihnen wirklich begegnet; er schmeichelt den Juden nicht; wollte ein Judenfeind das Buch darauf lesen, um Material für judenfeindliche Malicen aufzuhäufen, die Lese würde eine ganz ergiebige sein; dennoch verläßt uns die Ueberzeugung nicht, daß dieser Autor, der so scharf sieht, der für unsere Fehler und unsere Lächerlichkeiten ein so scharfes Auge hat, sein Judenthum liebt und unsere gemeinsame Mutter nicht verachtet, weil sie alt geworden ist. Es ist mit dem Operiren eine so heikle Sache, ein Patient geht manchmal darauf, wenn man ihn gar zu gesund will machen, und er hätte noch lange lustig und in Freuden gelebt, wenn man ihm sein Gebrechen gelaffen hätte. Das sollten die Reformatoren bedenken. Dies englische Judenthum, auf das wir so stolz sind, das auf sich selbst so stolz ist, ist, wenn wir Zangwill glauben, am Ende doch nicht so tadellos; wir haben über das amerikanische Judenthum oft gespottet, es schien uns sonderbar, wenn zuweilen ganz zweifelhafte Subjekte sich als Rabbiner aufthateu, wenn Rabbi und Pastor ihre Kanzeln vertauschten, wenn bei religiösen Neubildungen oft aller Zusanimenhang mit dem geschichtlich Gewordenen und durch die Zeit gleichsam Geheiligten fehlte. Aber es muß doch wohl in diesem Hauche der Freiheit, der die nordamerikanischen Freistaaten durchweht, eine Lebenskraft walten, während in dem wohlgeordneten Europa die altgewordenen Einrichtungen ihren Werth einbüßen. Auch Zangwill knüpft seine Hoffnungen an die Entfaltung eines neuen Lebens in den jüdischen Gemeinden Amerikas. Die Kinder des Ghettos, die uns mit der Fülle der Gestalten am meisten im Gedächtniß bleiben und am tiefsten unsere Theilnahme erregen, wandern übers Meer, um dort ihre Ideale zu suchen. Gleichsam durch das ganze schöne Buch flüstert der Zweifel an der Lebensfähigkeit des Judenthums seine bangen Fragen; aber so lange die jüdische Gemeinschaft Männer in ihrer Mitte hat, die, wie Zangwill, bei aller kritischen Schärfe doch die Treue gegen das Judenthum, wenn auch manchmal etwas verschämt, in jeder Zeile bekunden, sind die Zweifel nicht berechtigt. Dies Buch enthält manche Anklage gegen das starre Herkommen, das aufrecht zu halten oft nur unter den schwersten und ganz zwecklosen Opfern möglich ist; „Opfer fallen hier, tveder Lamm noch