Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
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- 177 aller natürlichen Bedingungen ein heiliges Volksthum zu schaffen, , das dem Gesetze, dem konkret gewordenen Ideale der Propheten entspräche." Daraus ergiebt sich, daß man nicht alles Heil von Aenderungen im religiösen Leben erwarten darf, und daß keine Bewegung im Judenthum auf Erfolge im religiösen Leben Aussicht hat, wenn sie nicht auf der Arbeit und dem Eifer des Einzelne», sich selbst zum Zeugeil der jüdischen religiösen Wahrheit zu machen, beruht. , Die Wissenschaft des Judeuthums hat so manchen Jrrthum in Betreff des Judenthums berichtigt, manches Vornrtheil beseitigt. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Lehre einer Gemeinschaft, an der auch andere Religionen ein Jntereffe haben, von diesen anders dargestellt und daß ihre Geschichte anders betrachtet Und . beurtheilt wird als von ihren Anhängern. Wenn man noch be- - achtet, wie wenig das Mittelalter und zum Theil die Neuzeit in Sachen fremder Religionen die Tugend der Wahrheitsliebe geübt haben, Io wird man ermeffen, mit welchem Wüste von Vorurtheilen die Wiffenschaft des Judenthnms zu kämpfen hatte. Diese Vorurtheile sind aber noch lange nicht verschwunden. So äußerte z. B. ein Historiker vor nicht gar langer Zeit: Die Basis des Judenthums wäre derjenige Theil der Thora, welchen man in der Wiffenschaft Priesterkodex nennt und der zumeist Opfervorschriften und Reinheitsgesetze enthält, und daß das Judenthmn seit der Zeit Ezras völlig unverändert existire. Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein ernster Geschichtsschreiber aus irgend einem anderen Gebiete ähnliche Behauptungen wagen würde. Daß eine geschichtliche Erscheinung wie das Jndenthum 2200 Jahre völlig unverändert geblieben sei, ist a» sich ein ungeheuerlicher Gedanke, und thatsächlich hat das Judenthum nach der Zerstörung des Tempels den geringsten Theil von dem erhalten können, was der Priesterkodex fordert. Unsere religiösen Ueberzeugungen beruhen aber nicht auf dem Priesterkodex, sondern auf den religiösen Ideen der Propheten, der alten Gesetzeslehrer, der mittelalterlichen Philosophen und auf den Thatsachen der großen Entwickelung des Judenthums, welche von den Begründern unserer Wiffenschaft ermittelt worden sind. Die Bestrebungen der Männer, ans deren Leistungen ich hingewiesen habe, hatten allenthalben einen großen Erfolg. In einem jeden Kulturstaat erwachte das Jntereffe der Besten unserer Glaubensgenossenfür unsereWiffenschast, und überall hat sie Pflege und Förderung gefunden. Eine Wochenschrift berichtete vor längerer Zeit über ihre Berbreitung und Wanderung solgenderinaßen: „Vor einigen Jahrzehnten war Deutschland beinahe die einzige Stätte der Gelehrten, welche die Pflege der jüdischen Geschichte und Litteratur sich zum Ziel setzten, und wer die in deutscher Sprache erschienenen jüdischen gelehrten Werke gelesen hat, der konnte beinahe sagen, daß er die Litteratur der Wisienschast des Judenthums kennt. I» unseren Tagen, so scheint es, hört Deutschland auf, das klassische Land der Wissenschast des Judenthums zu sein, es sind ihm zwei Wettbewerber erstanden in zwei anderen Ländern, wo die Zahl der Juden zwar klein ist, . . . aber die Intensität ihrer Arbeit auf unserem Gebiet um so größer." Der Bersaffcr des Artikels schildert nun die Thätigkeit der Gesellschaft für jüdische Studien zu Paris und der Jüdischen historischen Gesellschaft von England und weist darauf hin, daß bei uns zur Erhaltung und Förderung der wiffeuschastlichen Bestrebungen nichts Aehnliches geschieht, und schließt, daß es nicht unmöglich sei, daß Deutschland nach einigen Jahrzehnten seine führende Rolle auf diesem Gebiet vollständig verliert. Es läßt sich gegen die Ausführungen des Verfaffers vieles einwenden, aber charakteristisch ist es, daß bei einem unparteiischen Beobachter solche Ansichten entstehen konnten, denn ganz unbegründet sind diese nicht. Ohne Zweifel ist unserer Wissenschaft gegenüber mancher Fehler begangen worden, es sündigt aber Niemand ungestraft gegen den eigenen Lebensgeist. Die geehrten Leser könnten nun mit Recht sagen, daß eine solche Anklage unbegründet sei, denn ich hätte die Frage: „Was ist uns die Wissenschaft des Judenthums?" noch nicht beantwortet. Die Antwort liegt schon in den vorangegangenen Ausführungen, in dem, was wir von ihrer Vergangenheit, von ihren Ergebnissen und Aufgaben gesagt haben. Sie ist die historische Kenntniß des Judenthums, die Wiffenschaft von seinen religiösen Ideen, von deren Offenbarungen in den großen Individualitäten des jüdischen Volkes, in seiner Litteratur, in seinem religiöse» und sittlichen Leben. Sie ist anch die Wiffenschaft von den jüdischen religiösen Ideen und Einrichtungen, wie sie eingeordnet erscheinen in unsere Weltanschauung, daß sie sich in uns und an uns als lebendige sittliche Mächte bewähren. Sie ist das große Zeugniß von den Thaten des Judenthums in der Vergangenheit, von seinem Rechte in Gegenwart und Zukunft, sie ist unser Schutz gegen tausendjährige Vorurtheile, gegen alle geistigen Waffen, die gegen uns und unsere Lehre geschmiedet werden. Sie hütet die großen Thatsachen der Vergangenheit, sie sammelt die Strahlen, die den Urkunden des Judenthums entströmen, daß sie für die Gegenwart und die Zukunft leuchten. Ohne sie wären wir ein Körper ohne Seele, ein Schiff ohne Steuermann. Nur sie vermag uns jene Selbständigkeit des Geistes zu verleihen, welche einst die Propheten unsere Väter gelehrt haben, daß ihr Geist in der großen Welt sich nicht verwirre, daß keine politische Macht und keine Kultur mit ihrem Glanze sie blende. Sie ist die Geistesarbeit, durch welche unsere Vergangenheit wiederbelebt wird. Aiif ihrenHamnierschlag sprüht auch aus dem alten Gestein in unserer Litteratur das Feuer der jüdischen religiösen Wahrheit. Wer zählt sie. die Gedanken, welche von ihr zu neuem Leben erweckt worden sind, all die weisen und frommen Männer, die für unsere Lehre gelebt und gestorben, deren Andenken sie wieder belebt hat, die Schriften, die sie der Nacht der Vergessenheit entrissen hat? Sie hat das Erbe der wunderbaren Vergangenheit des jüdischen Volkes angetreten, darum harrt ihrer noch die schwere Aufgabe, alle guten Geister unseres Stammes mit kräftigem Worte wachzurufen gegen die Zerstörung, welche von der Kurzsichtigkeit, Unwiffenheit und Gleichgiltigkeit angerichtet worden ist, ein Ende zu bereiten der Schlaffheit, mit welcher die Lehren des Judenthums dem jüngeren Geschlechte überliefert wurden. Es harrt ihrer die Aufgabe, Allen, die es angeht, zum Bewußtsein zu bringen, welche Aufgabe das Judenthum erfüllt hat, indem cs unter unerhörten Kämpfen und Leiden seiner Bekenner die Religion der Propheten und der Thora vor allerlei Trübungen bewahrt hat, und sie wird auch die Pflicht haben, gegen das Beginnen, durch Aufnahme fremder Institutionen unsere Religion zu einem synkretistischen Gebilde zu machen, — der Synkretismus ist die schlimmste Krankheit, von der eine Religion befallen wird, — Stellung zu nehmen. Darum nehmen wir kein Wort zurück von all dem, was die Alten von der Thora gesagt haben. Das alles gilt auch von der Wiffenschaft des Judenthums, in der ja die Thora mit inbegriffen ist. Durch sie erstrahlt unsere Lehre in neuem Glanze, denn unseren Vätern ist nur die jüdische religiöse Wahrheit bekairnt gewesen, uns ist es aber auch vergönnt, zu erkennen, welche Wege sie im Laufe der Zeiten gewandelt, wie sie uns erzogen und in einer feindseligen Welt gehütet hat.