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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-15 · Heft 15 (15.4.1898) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 15 (15.4.1898)
Date
1898-04-15
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
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So z. B. das große medizinische Werk des Arzics Muhammed ibtt Zakarja al-Razi, das in der lateinischen Uebcrsetzung eines Inden den Titel Continens führt. Dasselbe ist der Fall bei mehreren medizinische» Schriften des Averroös. Die Kulturarbeit, die wir durch Steinschneider kennen lernen, schließt mit einer Menge hebräischer Uebersetzungen von Schriften christlicher Autoren. — „Nimm an die Wahrheit von Jedem, der sie ausspricht", lautete ein Spruch, der von mittelalterlichen jüdischeil Autoren angeführt wird. Das Judenthum, das ist die Erkenntniß, die das Werk Steiüschneiders eindringlich lehrt, hat im Alterthum die hellenische, sin Mittelaller die arabische Kultur überwunden, indem es das Beste von denselben sich angeeignet hat. In beiden Fällen ist das Resultat des Prozesses der allgemeinen Kultur zu gute gekommen, — Mit Inden aber hat Niemand dafür Dank gewußt. Endlich möchte ich noch auf die Fortschritte unserer Wissenschaft in einer Disziplin Hinweisen, die in religionsgeschichtlicher Beziehung besonders wichtig ist. Dies ist die Geschichte der hebräischen Sprachwissenschaft und der jüdischen Schriftauslegung. Die jüdischen Gelehrten in den muhammedanischen Ländern des Mittelalters kannten die drei Hauptdialekte des semitischen Sprachstammes und waren die Ersten, die sich mit vergleichenden Sprachstudien beschäftigt haben, und zwar mit solchem Erfolg, daß erst die neueste Zeit über sie hinauszugehen im Stande war. Und ebenso bedeutend wie auf dem Gebiet der hebräischen Sprachwissenschaft, waren ihre Leistungen in der Auslegung der heiligen Schrift. Im Berständiiiß des einfachen Sinnes der Schrift haben wir den Schriften Abulwalids, Abraham Jbn Ezras und Kinichis unendlich mehr zu verdanken als allen anderen Hilfsmitteln, über welche die wiffenschaftliche Schriftauslegung der Gegenwart verfügt. Ihre Arbeiten sind neben anderen Thatsachen der Religionsgeschichte des Judenthums ein Beweis dafür, daß die wahre Fortsetzung und Erfüllung der biblischen Religion das Judenthum ist, welches nicht nur den Urtext unserer biblischen Schriften für das Menschengeschlecht bewahrt hat. sondern mit ihren Lehren immer im organischen Zusammenhang gestanden, sie nie durch fremde Zuthaten zerstört hat, vielniehc zu gewisien Zeiten von hindernden Einflüssen der Religionsentwickelung sich befreiend, zum ursprünglichen Sinn der Schrift zurückzukehren im Stande war. Daraus ist es zu erklären, daß, als z. B. Hugo Grotius in der Schriftauslegung eine Methode befolgte, welche dem wahren Sinn der Schrift noch lange nicht so nahe kam wie die der großen jüdischen Exegeten, er als „ckuckairans" verschrieen wurde. Ich habe die Wandlungen zu zeichnen gesucht, welche die Wissenschaft des Judenthums durchgemacht, wie sie zur geschichtlichen Erkenntniß des Judenthums geworden ist, und habe in der kurzen Charakteristik der Leistungen ihrer älteren Vertreter einige wichtigere Ergebnisse vorzuführen gesucht. Mit der Erkenntniß unserer Vergangenheit ist die Aufgabe der Wissenschaft des Judcnthums aber noch nicht erschöpft. Es gehört vielmehr noch zu den Aufgaben eines jeden Geschlechtes im Judenthum, den vollkommenste» und reinsten Ausdruck für all das zu finde», was unsere religiösen Urkunden an Wahrheiten enthalten, was sie über die sittlichen Güter, über die höchsten Lebensziele lehren. Das kann wohl nur auf Grund einer objektiven Erkenntniß unserer Vergangenheit geschehen, aber es gehört auch die systematische Beaibeitung der religiösen Ideen und die Würdigung unserer Einrichtungen dazu. Die Wissenschaft des Jndenthums sagt uns nicht nur, was das Judenthum in der Vergangenheit war, sondern auch, was es für unser religiöses und sittliches Leben ist. Nun meinen allerdings Manche, daß für sie die Religion nicht mehr viel zu bedeuten hat, also kann auch die Lehre des JudenthumS in ihrem inneren Leben keine größere Rolle spielen. Aus diesem Grunde hat ja die Wissenschaft des Judenthums in unserem Jahrhundert vielfach mit einem zweifachen Vorurtheil zu kämpfen, mit dem Vorurlheil, das ihr als der Wissenschaft von der jüdischen religiösen Wahrheit, und mit demjenigen, das dem Judenthum entgegengebracht worden ist. Ich kann an dieser Stelle mich mit dem antitheologischen Vorurtheil nicht beschäftigen und setze voraus, daß, die verehrten Leser mit mir an die Zuknnst der Religion glauben, daß sie mit Mir annehmen, daß im Menschengeschlecht der Glaube an die unerkennbare weltbeherrschende Macht immer vorhanden sein wird, daß die Beschaffenheit dieses Glaubens und sein Verhältniß zur Sittlichkeit immer ein großer Faktor im Leben der Menschen bleiben wird. Von dieser Ueberzeugung ausgehend, kann bie betreffende Disziplin unserer Wiffenschaft, die Religionsphilosophie, an ihrer Aufgabe vollkommen frei arbeiten. Hat sie ja auch das kostbare Gut der Freiheit des religiösen Denkens, das uns seit den jüdischen Philosophen des Mittelalters abhanden gekommen ist, wieder errungen. In dem Buche, das wir als den Anfang der gegenwärtigen Phase der Wiffenschaft des Judenthums bezeichnet haben, in den „Gottesdienstlichen Vorträgen" von Zunz, finden sich bibelkritische Untersuchungen, die durch ihren Ton und ihre Resultate es schon damals verkündet haben, daß der Wissenschaft des Judenthums Freiheit geziemt, und unsere Religion die Resultate der biblischen Wissenschaft nicht zu scheuen hat. Ich vermag nicht, im Rahmen dieser Arbeit Ergebnisse religionsphilosophischer Untersuchungen vorznführen. Nur auf augenfällige Thatsachen möchte ich die Aufmerksamkeit der Leser lenken. Das Judenthum zeigt sich in seinen hervorragenden Vertretern als die Religion, in welcher der Mensch unmittelbar seinem Gotte gegenübersteht. Keine Persönlichkeit, sei sie noch so vollkommen, darf sich zwischen Gott und den Menschen stellen. Das ist die richtige Folgerung des prophetischen Monotheismus, der da fordert, daß der Mensch vor keiner Macht in dieser Welt sich fürchtet und von Niemandem etwas erhofft als von Gott, dessen höchste Forderung ist, daß der Mensch gerecht und gütig sei. Das Judenthum ist die Religion, welche die Weltflucht und Weltverachtung verurtheilt und ein Heiligkeitsideal aufgestellt hat, dessen Wesen sittliches Thun und das Meiden der Sünde bildet. Das Judenthum ist die Religion, welche den Menschen auf sich selbst gestellt, daß er selbst an seiner Erlösung vom Uebel und von der Sünde arbeite und das größte Ereigniß im sittlichen Leben des Menschengeschlechts nicht in die Vergangenheit setzt. Das sind Lehren, welche nur imJudenthum also beisammen sind. Ich will nun auch auf einige Prinzipien Hinweisen, welche sich auf die religiösen Einrichtungen, Sitten oder Gebräuche beziehen. Die religiöse Einrichtung ist der nothwendige Ausdruck des religiösen Gedankens. Es giebt kein religiöses Thun, das ohne einen entsprechenden Gedanken Werth besitzen würde, und es giebt andererseits keinen religiösen Gedanken, der ohne entsprechende Bräuche seine Herrschaft im Geiste des Menschen behaupten könnte. Der Werth der religiösen Einrichtung wird nicht durch den ästhetischen Eindruck, sondern durch die Tiefe der Bedeutsamkeit bestimmt. — Diese und ähnliche Grundsätze gestatten uns eine gerechte Würdigung unserer religiösen Einrichtungen. In Betreff der Gesammtheit derselben gelten die treffenden Worte Wellhausens, mit welchen er das Streben der Juden nach Selbst- Heiligung charakterisirt: „Aus zerstreuten Elementen war das Judenthum gesammelt, es beruhte auf der Arbeit des Einzelnen, sich selbst zum Juden zu machen, das ist das Geheimniß seiner Selbstbehauptung auch in der Diaspora." „Mit Ernst und Eifer ohne Gleichen erzogen die Juden sich selber, um bei der Abwesenheit

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