Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 mehr und mehr wieder die Ueberzeugung Bahn brechen, daß — wie zu allen Zeiten und unter allen Völkern — auch jetzt nur in der Muttersprache das wahre Gebet zum Ausdruck kommen kann. Doch., das liegt in der Zukunft Schooß. Damals ist nach jenen Grundsätzen das Gebetbuch für die jüdische Gemeinde Berlins umgearbeitet, es ist seitdem im Gottesdienst der Gemeinde benutzt worden und hat vielen anderen Gemeinden für ihren Gottesdienst als Vorbild und Muster gedient. Die weitere Ausgestaltung des Gottesdienstes erforderte aber vor allen Dingen geeignete Prediger. Und da ließe sich nun ein ganzes großes Kapitel schreiben, um all die Kämpfe aufzuzählen uud zu bespreche», um all die Mühen und Sorgen zu schildern, die die Berufung geeigneter Rabbiner der Gemeindeverwaltung bereitet hat. Dazu ist aber hier nicht der Ort. Es sei nur daran erinnert, welche Mißhelligkeiten der Berufung Geigers voraufgegangen sind. Wer die Briefe mit Aufmerksamkeit gelesen hat, welche Veit und Sachs gewechselt haben, als es sich um die Berufung des Letzteren nach Berlin handelte, wird ungefähr ermeffen können, welche Verhandlungen nothwendig waren, um die Berufung Geigers durchzusetzen. Hat es doch vom Jahre 1866 bis^ zum Jahre 1869 gedauert, bis nach vielfachen resultatlosen Abstimmungen die Wahl Geigers endlich erfolgte. Die hervorragende Bedeutung dieses wahrhaft genialen Mannes, seine Kenntnisse und Fähigkeiten, seine glänzenden wiffenschaftlichen Leistungen alles, was ihn besonders zum Prediger der ersten jüdischen Gemeinde Deutschlands geeignet machte, mußte immer und immer wieder ins Feld geführt werden, bis es endlich gelang, seine Wahl zur Annahme zu bringen. Zugleich mit Geiger war Ungerleider gewählt worden; als Geigers Nachfolger — nach dessen leider gar zu früh erfolgtem Hinscheiden — Frankl, Maybaum, Rosenzweig,StierundWeisse —siealle waren nach und nach aufdieBerliner Kanzeln berufen worden— an allen diesen Beruflingen hat Makower mitgewirkt. Es wird wenig bekannt geworden sein, daß Makower von jedem zur Wahl stehenden Rabbiner alles las, was dieser je hatte drucken lasten, und vieles las, was er geschrieben, aber nicht dem Druck übergeben hatte. Es wird manchem der Berliner Rabbiner nicht zur Kenntniß gelangt sein, daß vor seiner Wahl Makower unerkannt seinen Predigten beigewohnt hatte und sich selbst durch Ohr und Auge, durch Kopf und Herz von den Leistungen des zu Berufenden Ueberzeugung verschafft hat. Wie er ein überzeugungstreuer Jude war, so wollte er ihre Auffaffung vom Judenthnm ergründen, und wie er ein wahrer Deutscher war, so wollte er feststellen, ob sie sich zur Lehre des Gotteswortes an der ersten deutschen Gemeinde eigneten. (Forts, folgt.) Was ist uns die Wissenschaft des Iudenthnms? Von Dr. Martin Schreiner. (Schluß., ^ir können nicht von den Ergebniffen der Wissenschaft des Judenthums sprechen, ohne Grätz zu erwähnen und sein Werk, die letzte größere Darstellung der ganzen Geschichte der Es wird an seinem Werke vieles getadelt, Jrrthümer im Einzelnen, seine Art, geschichtliche Vorgänge zu beurtheilen, seine Subjektivität. Das Werk verliert dadurch nicht seine Bedeutung. Grätzens viel gerügte Subjektivität erreicht lange nicht diejenige mancher anderen Historiker, er verschweigt nicht die Schattenseiten des jüdischen Lebens, wo sie sich gezeigt haben, und man kann sagen, daß sein Urtheil gewisse Persönlichkeiten eher unterschätzt als unverdienter¬ Juden. weise verherrlicht. Das ganze Werk ist aber niit großer Liebe zum Judenthum geschrieben, er suchte alles zu verwerthen, was ihm zugänglich war, seine Darstellung wird immer Diejenigen anziehen, welche der Vergangenheit des Judenthums kein Vorurtheil entgegenbringen, und das sichert dem Werke seine Bedeutung. Die mittleren Jahrzehnte unseres Jahrhunderts waren für die Wiffenschaft des Judenthums sehr ertragreich. Es war die Zeit der großen Konzeptionen, auf welche eine Zeit folgte, in der man sich gern auf die genauere Durchforschung eines kleineren Gebietes .beschränkte. Die Generation der Gelehrten, welche unsere Wiffenschaft .begründet hat, vertritt in unseren Tagen der Altmeister der jüdischen Litteraturgeschichte und Bibliographie, Moritz Steinschneider, besten Gebiet das umfangreichste war, und der mehr Thatsachen erniiltelt Hat als alle Forscher, die auf diesem Gebiete thätig waren. Er hat eine znsanimenfaffende Darstellung der jüdischen Litteratur gegeben, die reich ist an Ergebniffen eigener Forschung. In seinen Handschrifteuverzeichnissen und in seiner Zeitschrift, der „Hebräischen Bibliographie", überschüttete er uns mit häufig überraschenden Thatsachen. Von seiner reichen litterarischen Thätigkeit will ich nur zwei Schriften besonders hervorheben, weil die großen Gesichtspunkte, von denen aus Steinschneider gearbeitet, in diesen am meisten zur Geltung kommen. Die eine Schrift führt deir Titel: „Die polemische und apologetische Litteratur in arabischer Sprache zwischen Muslimen, Christen und Juden". Das Buch enthält einen geringen Theil seiner Forschungen über die- Kulturverhältnisie der Juden in der inuhammedanischen Welt und über ihre Beziehungen zum Islam. Darin hat er auch alles gesammelt, was sich auf die jüdische Polemik gegen den Islam bezieht, eines der merkwürdigsten Kapitel der mittelalterlichen Religionsgeschichte und eines der lehrreichsten für die Religionsphilosophie. Denn nirgends zeigt sich die Höhe der Gesittung. unverfälschter als darin, mit welchen Waffen der geistige Kampf geführt wird, und nirgends läßt sich die Eigenart der religiösen und sittlichen Auffassung so klar beobachten wie dort, wo zwei geistige Mächte auf einander stoßen. Ganz allein steht Steinschneider in der Erforschung der exakten Wissenschaften bei den Juden. Eine zusammen fassende Darstellung seiner Studien auf diesem Gebiet ist sein großes Werk über die hebräischen Uebersctzungen des Mittelalters. Es ist eine ruhmreiche Arbeit des jüdischen Volkes, von welcher Steinschneider darin berichtet. Sie beginnt mit der litterarischen Wirksamkeit jüdischer Philosophen, Astronomen, Astrologen und Aerzte, die in der muslimischen Welt gelebt haben. Es waren ganz merkwürdige Männer, der jüdische ArztJsakJsraeli, dessen medizinische Werke später auch ins Lateinische übersetzt worden, der größte Lehrer der Synagoge in der Zeit nach dem Abschluß des Talmuds. Moses Maimonides, der nach dem Bericht eines muslimischen Geschichtsschreibers in seiner Zeit einzig war in der Arzneikunde, und viele Andere. Dabei sind gewiß nur die Namen der berühmtesten jüdischen Aerzte auf uns gekommen. Wir hören von jüdischen Gelehrten, die auf Befehl des Königs Alfonso X. astronomische Tafeln anfertigen, die dann lange Zeit im Gebrauch waren, von Rabbi Jakob den Machir, dem gelehrten Uebersetzer mehrerer arabischer Werke ins Hebräische, der einen Quadranten erfindet und ihn in einer hebräischen Schrift unter dem Titel „Roba Jisrael", der Quadrant Israels, beschreibt. Die Schrift ist mindestens dreimal ins Lateinische übersetzt worden und scheint epochemachend gewesen zu sein. Es giebt Werke, die zu den bedeutendsten gehören, die im Mittelalter geschrieben worden sind, und deren Erhaltung wir nur der Uebersetzerthätigkeit und dem Studium der Juden zu verdanken habe».