Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228273--54516-3290656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
173 getaufter Jude fei". Die Frage ist eine ebenso delikate als unter Umständen schwer zu beantwortende. Denn man erzählt, daß das uralte Erkennungszeichen des Juden, das ihn aufnimmt in den Bund Abrahams, bei vielen wirklichen jüdischen Kindern nicht mehr gefunden wird. Es hätte also das Nichtvorhandensein dieses Zeichens wenig bewiesen. Und so mußte sich der schwer besorgte Wiener Stadtvater mit der Aussage Luegers begnügen, Siemens sei ein Arier, denn, und nun kommt der klassische Ausspruch, der es verdient, künftigen Geschlechtern aufbewahrt zu werden, er, nämlich Lueger, habe schon viele Juden gesehen, welche wie Arier aussehen, aber keinen Arier, der einein Juden ähnlich sehe. Wir empfehlen diese Worte, die der geneigte Setzer auch mit gesperrten Lettern drucken kann, der Beachtung der in unserer Zeit so blühenden anthropologischen Wissenschaft. Vielleicht findet sich ein Virchow, der sie zum Gegenstand besonderen Studiums macht. Die Weltgeschichte schweigt darüber, ob sich der besagte, so besorgte Gemeinderath mit diesen vom Geiste reinster Menschlichkeit erfüllten Worten zufrieden gab. Aber man erzählt, es hätte dieser pyramidale Ausspruch, wie bei weiland den Prüfungskommiffaren des Kandidaten Jobses, bei manchem Zuhörer ein „bedenkliches Schütteln des Kopfes" bewirkt. Die „Barrierestockmajorität" des Wiener Bürgermeisters beschwert sich zwar nicht viel mit dem Ballast des Denkens, aber manchmal wird der Denkträgheit selbst der „verstocktesten" Wiener Hausherren doch gar zu viel zugemuthet. — Wir wollen von Lueger nicht scheiden, ohne ihn noch durch einen Ausspruch zu verewigen. In einer der vielen Versammlungen, welche der „fromme" Bürgermeister abhält, sprach er auch über den Glauben — und seinen Nutzen. Und da sagte er: „Warum sollte ich kein guter Katholik jein, mein Katholizismus hat mir noch nie geschadet, nur genützt". — Wir stimmen zwar selten in uufcrcn Ansichten mit Lueger überein, aber da müssen wir dem Manne Recht gebe», für ihn bedeutet der Katholizismus wirklich ein gutes Geschäft. Wie weit hat es auch mancher Jude gebracht — der katholisch wurde, und sothaner Jude war vielleicht nicht einmal so begabt wie der, welcher dem Glauben der Väter treu blieb und deshalb schön unten bleibe» mußte, während der findigere Bruder lustig die Leiter der Stellen emporklomm. Wie kann man sich nach Luegers Theorie darüber wundern, daß es so viele schlechte Juden gicdt; ihnen hat eben ihr Judenthum mehr geschadet als genützt. Und wenn sie dennoch Juden bleiben, so ist ihr Idealismus keinen Schuß Pulver werth; Schneiders Geschäftssinn aber und Luegers Genie, Gregorigs Redegabe und Geßmanns diplomatischer Geist, die sind zu bewundern, ihnen hat ihr Katholizismus geuützt, sie sind Gasmesserlieferanten und Bürgermeister und Reichsraths- und Landtagsabgeordnete und Landesausschußmitglieder geworden, mit fetten Diäten und noch fetteren Gehältern, und der Pater Scheicher — gut dotirtes Landesausschußmitglied von Niederöslerrcich — giebt ihnen seinen priesterlichen Segen. So werden Frömmigkeit und Glauben schon hienieden belohnt. Jwri. r-ÄM Hermann Makower. Von Bernhard Breslauer, Rechtsanwalt und Notar. (Fortsetzung.) ls Makower in das öffentliche Leben eintrat, war die Stellung der Juden in Deutschland, insbesondere in Preußen, eine freiere geworden. Das Gesetz vom Jahre 1847 hatte ihnen eine gewiffe Selbständigkeit, ihren Vorständen sogar gewiffe Eigenschaften öffentlicher Behörden gegeben. Dazu kam, daß ein allmäliger Kulturfortschritt zu verzeichnen war. An den Freiheitskriegen hatte eine nicht unbeträchtliche Anzahl, Viele darunter mit Auszeichnung, theilgenommen. In den späteren politischen Kämpfen waren sie zwar .wieder zurückgedrängt worden, auch das Jahr 1848 hatte nur wenig ihre äußere Stellung gefördert. Immerhin hatte seit 1847 eine gewiffe Anzahl Juden sich öffentlich bethätigen können, der allgemeine Bildungsstand hatte sich gehoben, überall begannen die Gemeinden an der Verbefferung ihrer Verwaltung zu arbeiten. Mit der Hebung der sozialen Stellung wurde der Wunsch allmäliger .'Ässimilirung immer fühlbarer. Ueberall traten Führer an die Spitzen deutscher Geineinden, welche den Zug der Zeit verstanden und mit reicher allgemeiner Bildung ein warmes Herz für das Judenthum und die Juden vereinten. Makower war ein ehrlicher und überzeugter Jude. Nicht allein, daß er die rituellen Vorschriften durchweg kannte, und daß er die hebräische Sprache beherrschte, hatte er sich umfangreiche Keimtniß von der Geschichte der Juden und ihrer Entwickelung erworben. Vor allem hatte er ihre Entwickelungsfähigkeit erkannt, und so entschloß er sich denn, wie viele Gleichgesinnte, für die Juden einzutreten und an ihrer Hebung in staatlicher und sozialer Beziehung mitzuarbeiten. Er kannte, wie gesagt, ja sogar er liebte die hebräische Sprache. Zwar war ihm jedes mechanische Herleiern hebräischer Gebete zuwider, aber das Wesen und die Bedeutung der heiligen Sprache war auch ihm bedeutungsvoll. Nichtsdestoweniger empfand er es als ein Erforderniß der Zeit, ihren Gebrauch einzuschränken. Nicht als ob er das Hebräische vollständig aus den Gebeten entfernt wiffen wollte. Aber er fühlte sich als Deutscher; wußte, daß die Gebete in keiner Sprache inniger empfunden werden können als in der Muttersprache und fand nichts die Religion Schädigendes darin, wenn der Deutsche in deutscher Sprache seinen Gott anrief. Und als Deutscher, der mit allen Fasern an seinem Vaterlande hing, wollte er insbesondere mit dahin wirken, daß die Juden in Deutschland immer mehr und mehr Deutsche jüdischen Glaubens wurden. Man muß die heutige Zeit mit ihren abscheulichen Kämpfen und Widerwärtigkeiten vergessen, wenn nian diesen Standpunkt begreifen und verstehen will. Die damaligen Kämpfe bewegten sich — wenn sie auch zeitweise gleiche Heftigkeit erreichten wie die heutigen — auf einem anderen Gebiete. Nachdem die staatliche Gleichberechtigung erlangt war, verstand es sich von selbst, daß die Juden bemüht sein mußten, sie ins praktische Leben zu übertragen. Das Gesetz gab nur die Möglichkeit der Gleichberechtigung, sie zu verwirklichen, war Pflicht und Aufgabe der Jude»! selbst. In den heutigen Kämpfen wollen die Gegner den Juden die erlangte Gleichberechtigung wieder nehmen, in den früheren sollten die Juden diese Gleichberechtigung sich erst verschaffen, und nachdem sie erlangt war, sie für sich befestigen. Und wenn die heutigen Kampfesjahre vorüber sein werden, dann erst wird erkannt werden können, welch wichtige Aufgabe die früheren Männer gelöst haben, welche segensreiche Erfolge ihnen die Juden in Deutschland zu danken haben. Damals hieß es eben für die Juden, daß sie die Gleichberechtigung „erwerben" müßten, „um sie zu besitzen". Und von diesem Standpunkt aus betrachtet, reiht sich die Thätigkeit Makowers für die Juden würdig derjenigen der Männer an, welche in der zweiten Hälfte des vorigen und der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts in Berlin für die Hebung der Juden überhaupt und die würdige Ausgestaltung der jüdischen Gemeindeverwaltung gewirkt und gekämpft haben. Zwar im Parlament hat er nicht für seine Glaubensgenossen auftreten können. Er gehörte der Nationalliberalen Partei und später der Freisinnigen Vereinigung an. Als er aber einmal zum