Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ädELt&iSbMix.* m einen Judrnladen treten. Letzten Dienstag erstürmte etwa ein Dutzend dieser Megären in Bab-el-Wed einen Pferdebahnwagen, wo zwei alte arme Jüdinnen saßen, rissen sie aus dem Wagen und überhäuften fie mit Schimpfworten und Püffen. Donnerstag verließ ein jüdischer Hochzeitszug das Rathhaus von Algier gerade als die weibliche Abordnung vorbeikam, die dem Gouverneur die „Beschwerden der Frauen von Algier, Bab-el-Wed und Mustapha" überbrachte; die Frauenzimmer lasen am Boden allen Mist auf, den fie finden konnten — und in Algier fehlt es daran nicht! — und bewarfen damit die Braut, deren weißes Hochzeitskleid besudelt wurde, und die Gäste, die die Flucht ergriffen und stch zu verbergen suchten. Als einige Zuschauer des Auftrittes sich unwillig über diese Rohheit aussprachen, bemerkte eine alte, sehr anständige Dame, die Wittwe eines Polizeikommissars: „Was wollen Sie! Schließlich sind das doch nur Juden und wegen dieser Leute ist der arrye Jesus im Barberousse-Gefängniß eingesperrt!" Jesus ist Max Rögis! Die Kinder folgen dem Beispiel der Eltern. Beim Verlassen der Gemeindeschulen laufen sie in den Straßen umher, heulen judenfeindliche Lieder und suchen kleine Juden, die sie verfolgen und prügeln. Im Gymnasium zu Algier sind bedauerliche Auftritte vorgekommen, und der Vorsteher mußte die ungeberdigsten Schüler mit Ausstoßung bedrohen, wenn die Auftritte sich wiederholen würden. . . . Das Barberousse- Gefängniß, für 500 Häftlinge bestimmt, enthält ihrer gegenwärtig mehr als 1000. Neulich bemerkte der Obergefangenwärter gewisse Anzeichen der Meuterei bei den meisten seiner Pflegebefohlenen. Er erkundigte sich und erfuhr, daß die Herren Strolche stch beschwerten, weil man ihnen die Gesellschaft einiger Juden aufnöthigte, die verhaftet worden warenweil sie auf der Straße der polizeilichen Aufforderung, weiterzugehen, nicht entsprochen hatten. Der Obergefangenwärter erstattete dem Präfekten Meldung, und dieser gab Befehl, die Juden in einem besonderen Flügel unterzubringen." Diese Darstellung ist so charakteristisch, daß es schade wäre, sie durch Hinzufügung von Erläuterungen abzuschwächen. Brief aus Oesterreich. April 1898. ie, Herr Redakteur, uud der Leserkreis Ihres Blattes wissen wahrscheinlich nicht, welche Bedeutung das Wort „Provokace“ bei uns hier zu Lande seit einigen Wochen erlangt hat? Etymologisch genommen, stammt es vom lateinischen „provoeatio", was, wie ja jedem Gymnasiasten und anderen mehr oder weniger mit klassischen Kenntniflen vollgesogenen Gebildeten und Halbgebildeten bekannt sein dürfte, soviel wie Herausforderung bedeutet. Die edlen Tschechen, die in unserer Mitte wohnen, haben nun dieses gut lateinische Wort mit einer slavischen Endung versehen und zu ihren, Schlachtrufe gemacht. Geht da ein stolzer teuto - germanischer Jüngling mit schwarz - roth - goldenem Bande durch die Straßen, auf dem wallenden Haupthaare sitzt keck das farbige Cerevis, im Bewußtsein seiner Unüberwindlichkeit, im Bewußtsein, daß das ganze große deutsche Volk hinter ihm steht, schreitet er einher, und siehe, plötzlich sammelt sich um ihn die tschechische Meute, drohende Rufe werden laut, man macht Mene sich auf ihn zu stürzen und aus der Menge heraus ertönt der Schlachtruf „Provokace“, d. h. Deutschland fordert Tschechien und das ganze Slaventhum heraus zum Kampfe. Und so ist die Sprachenfrage, welche uns im Jahrhundert der Humanität in so seliger Eintracht findet, eigentlich zu einer Mützenfrage geworden; wie weiland irtt seligen Byzanz die Blauen und Grünen, bekämpfen stch im modernen Oesterreich die Weiß-Roth-Blauen und Schwarz-Roth-Goldenen. Wie man sieht, liegt doch ein Fortschritt in dieser Trias. — Und dieses Kämpfen hat s. Z. zur Schließung der nieisten deutschen Ho^- schulen geführt. Denn wir leben in einer Zeit, die man soziale nennen kann. Streiken die Arbeiter, denen die Arbeit zu viel und der Lohn zu gering ist, so sagten sich die Arbeiter im Weinberge der Wissenschaft, warum sollten wir es nicht auch thun, wenn es den Germanen in Prag verboten wird farbige Mützen und Bänder zu tragen? Und sie gingen bin. die deutschen Studenten in Prag, Wien. Brünn, Graz und Innsbruck, und setzten einen regelrechten Streik in Szene, und die Regierung fand sich dadurch veranlaßt, die Fabriken — um Verzeihung, die deutschen Hochschulen — zu schließen. So durchsetzt heute die soziale Frage alles, die Litteratur, das Theater, die Wissenschaft und ihre Stätten. Die so beliebten „Heil"- und „Nazdar"-Rufe ertönen nun nicht mehr auf dem geheiligten Boden der Wissenschaft, sondern auf den Straßen, wo es der löblichen Hermandad obliegt, die feindlichen germanischen und slavischen Brüder zu — versöhnen, indem sie, ohne Rücksicht auf Sprache und Abstammung, deutsche und tschechische Brüder gemeinsam in den Kotter steckt. — Wir haben schon öfter in diesen Blättern darauf hingewiesen, daß uits Juden der Bruderzwist sehr wenig interessirt. Ob ein Deutscher „Nieder mit den Juden" ruft oder ein Tscheche „Pojdme na zidi“ („Gehen wir gegen die Juden los"), es zeigten diese Rufe, daß die edlen Germanen und die nicht minder edlen Tschechen auf einem Gebiete sich doch einträchtig zusammensinde», es ist das der Judeufresserei, welche älter ist als Germanen und Slave». — Im Uebngen sorgten der Wiener Gemeinderath und der niederösterreichische Landtag dafür, daß wir nicht glauben, die jüdischen Bäume könnten in den Himmel wachsen. Der Herr Dr. Lueger, welcher zur Kräftigung seiner durch das endlich zu Stande gekommene Gasanlehen tief erschütterten Gesundheit nach Nizza fahren mußte — wie man sieht, versteht dieser gewesene Demokrat und noch immer ganz „arme" Bürgermeister von Wien ganz gut zu leben — also, der Generalgewaltige der Reichshaupt- und Residenzstadt und seine Mameluken ohne und mit Kutte, ließen kaum einen Tag vorübergehen, an dem sie sich nicht an den Nachkommen vom Stamme Sems rieben. Sie machen dabei ein ausgezeichnetes Geschäft. Ja, der Antisemitismus ist bei uns eine schier unerschöpfliche Ausbeutungsquelle geworden. Lueger fährt nach Nizza, außerdem besitzt das „arme" Kind armer Eltern eine prächtige Villa, die ich mir durch meine Zeitungsartikel kaum werde erschreiben können. Und sie alle, die Gregorigs und Scheichers lind Schneiders und Geßmanns, sie haben mit dem Antisemitismus ein Riesengeschäft gemacht. Sie, welche früher an dem so weitbekannten Hungertuche nagten, an dem es doch so wenig zu nagen giebt, befinden sich heute in fetten Stellungen, oder sie sind fette Lieferanten geworden. Man denke, Schneider, welcher das jüdische Kapital so haßt, daß er täglich einige jüdische Kapitalisten verspeisen möchte, wenn dies nicht seine gesunde Verdauung störte, ist nun selbst Kapitalist und Lieferant von Gasmessern geworden; Eingeweihte erzählen, der Wackere werde stch bei diesem Geschäft ein rundes Milliönchen „erwerben". Ja, unsere Antisemiten Haffen das Kapital, so lange sie es nicht besitzen, und nehmen Geld, ob es nun beschnitten oder nicht beschnitten ist. Auch eine kleine Hausse in Wiener Tramwayaktien haben sie zu arrangiren verstanden und verzehren nun behaglich die Früchte, welche auf dem „Giftbaume", genannt Börse, wachsen; sie fürchten gar nicht, sich durch diesen Genuß zu vergiften. So sind auch die Antisemiten „verjudet", denn auch ihnen schmeckt eine Million auf der Börse „erworben" besser, als das im Schweiße des Angesichts erkämpfte Brod der Arbeit. Es war aber doch erbaulich und urdroüig zugleich, als ein ^DDeiser und antisemitischer Wiener Gemeinderath wissen wollte, ob der Dr. Georg Siemens, der Vertreter der Deutschen Bank, welche Lueger die Millionenanleihe gewährte, ein „getaufter oder un-