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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-15 · Heft 15 (15.4.1898) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 15 (15.4.1898)
Date
1898-04-15
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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neuerdings auch in einer königlichen Töchterschule bezw. dem an sie angeschloffenen- Lehrerinnen-Seminar keine Jüdinnen mehr ausgenommen werden sollen. Einzelne der von der Zurückweisung betroffenen Eltern haben sich beschwerdeführend an die städtische Schulverwaltung gewandt. Eine allgemeine Versammlung der im Westen wohnenden Juden wird demnächst über die weiteren Maßnahmen in dieser Frage zu berathen haben. Nun ist aber die Thatsache keineswegs neu, wie die politischen Blätter glauben, sondern schon oft erörtert worden. Warm und eindringlich hat man empfohlen, die jüdischen Mädchen in keine Schule zu schicken, in welcher sie nur in beschränkter Anzahl Zulaß finden. Was hat es genützt? Da diese Unterrichtsanstalten lediglich Privatunternehmungen sind, so können die Leiterinnen oder Leiter ja nicht gezwungen werden, irgend welche Schülerinnen aufzunehme». Das einzige Mittel, derartige unliebsame Vorkommniffe zu verhindern, dürfte in den Konzessionsertheilungen zu finden sein, kraft deren die betreffenden Anstaltsleiter gehalten sein müßten, ihre Schulen allen Aufnahmesuchenden ohne Unterschied der Konfession zugänglich zu machen. Ganz anders gestaltet sich indessen die Frage, sobald es sich um eine Staatsanstalt handelt. Sollte es sich nämlich bewahrheiten, daß auch in einer königlichen Töchterschule, beziehungsweise in dem zu ihr gehörigen Lehrerinnenseminar, keine Jüdinnen mehr ausgenommen werden sollen, dann läge ein sehr triftiger Grund vor, einmal eine hierauf bezügliche Frage im Reichstag zu stellen. Es würde sich alsdann um eine Verfaffungsfrage in des Wortes eminentester Bedeutung handeln. Staatsschulen sind für alle Staatsbürger respektive deren Kinder da; diese Staatsschulen sind aus Staatsmitteln errichtet, welche von allen Staatsbürgern ohne Unterschied der Konfession aufgebracht werden. Es wird Sache der Unterrichtsverwaltung sein, möglichst rasch in diese Angelegenheit, welche allerdings ganz dazu angethan ist, große Kreise unserer Bevölkerung in eine berechtigte tiefe Aufregung zu versetzen, vollste Klarheit zu bringen. * Man muß unter diesen Verhältniffen für alles, auch für die selbstverständlichste Gesetzesauslegung dankbar sein. Eine solche ist neuerdings für die Anlage von Synagogen gegeben worden. Nach § 1 des Cirkularreskripts des Ministers des Inneren vom 26. August 1886 ist unter anderem die Errichtung von Gastlind Schankwirthschaften ausgeschlossen in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Pfarrhäusern, Kranken- und Unterrichtsanstalten. Anläßlich eines Spezialfalles ersuchte der Stadtalisschuß des Stadtkreises Frankfurt am Main den Berliner Stadtausschnß kürzlich um Mittheilung, wie die Praxis bezüglich der Synagogen Hierselbst gehandhabt werde. Die letztgenannte Behörde hat entschieden, daß die erwähnte Rücksicht auch auf benachbarte Synagogen, genau so wie bei Kirchen, zu nehmen sei. £ In einer Sammlung von Briefen und Aktenstücken aus der Zeit Bismarcks veröffentlicht H. v. Poschinger ein bisher unbekanntes Schreiben des preußischen Botschafters v. d. Goltz an Adolphe Cremieux vom Jahre 1868, welches auf Bismarcks Verhalten zum Antisemitismus ein merkwürdiges Schlaglicht wirft. Cremieux hat in der Eigenschaft des Präsidenten der Alliance Israelite Universelle um preußische Intervention zu Gunsten der rumänischen Juden ersucht. Der Botschafter antwortete: „Sie habe» schon aus dem Schreiben des Konseils-Prästdenten vom 22. Februar den lebhaften Antheil ermeffen können, den die Regierung des Königs an dieser Frage nimmt. Die Bereitwilligkeit, mit welcher Graf Bismarck dem in Ihrem Briefe vom 26. März kundgegebenen Wunsche Folge gegeben hat, ist hierfür ein neuer Beweis. Se. Exzellenz beauftragt mich, Sie davon in Kenntniß zu setzen, daß der preußische General-Konsul in Bukarest sofort auf telegraphischem Wege aufgefordert worden ist, dem Fürsten Karl die lebhaftesten Vorstellungen gegen die Gesetzvorlage, betreffend die Israeliten, zu machen, welche soeben der rumänischen Kammer unterbreitet wurde" Die Veröffentlichung dieses historischen Schriftstücks ist jetzt gerade wieder sehr zeitgemäß. * Wir werden also eine neue Auflage des Zola-Prozesses erleben. Aber wie er auch ausfallen wird — die Kost en werden nur die Juden zu tragen haben. Es ist wirklich intereffaut, zu lesen, was Henri Rochefort in seinem „Jntransigeant" über den im dritten Gliede von Juden abstammenden Präsidenten des Pariser Kaffationshöfes schreibt, der das Urtheil gegen Zola annüllirt hat. „Die drei Berräther, Msline, Billot und Milliard, hatten zum Vorsitzenden des höchsten Gerichts den Richter Loew gewählt, der ein Jude ist wie Judas und natürlich ein Dreyfusmann wie Reinach. Von einem Juden deutscher Herkunft zu verlangen, daß er in der Person Zolas zugleich Deutschland und Israel im Stiche lasse, das hieß, ihm im Voraus das Urtheil zu diktiren, das er thatsächlich gefällt hat. Die Heldenzeit ist vorbei, und man würde heute so wenig einen Brutus finden, der seinen Sohn aufs Blutgerüst schickt, wie einen Mauschel, der .seinen Glaubensgenossen verurtheilt. Umsoweniger, als dieser Borfitzende, der viel mehr nach dem Talmud als nach dem Gesetzbuch urtheilt, wohl wußte, daß der Minister Milliard ihn nur darum vor allen Anderen zum Vorsitz berufen hatte, damit er Zola dem Gefängniß entreiße, wozu die bösen Geschworenen, die dem Goldregen der jüdischen Jupiter wenig zugänglich find, ihn grausam verurtheilt hatten. Das Urtheil gegen Zola ist also auf Befehl des hohen und niederen Judenthums vernichtet. . . . Das höchste Gericht hat, wie gewöhnlich, der Regierung den Dienst geleistet, den sie von ihm verlangt hatte. Aber es wird ihn allem Anschein nach theuer bezahlen, noch theurer, als er ihm bezahlt wurde." * Die Stimmung in Algier wird immer erregter, und man fürchtete für die Feste die schlimmsten Ausschreitungen. Zur Charakteristik des algerischen Antisemitismus ist ein Bericht von hohem Interesse, den der gewiß wenig philosemitische Pariser „Figaro" ans der Landeshauptstadt bringt. Dort heißt es u. A.: „Alle Welt glaubte, die Januarwirren würden sich nicht wiederholen. Diese Hoffnung muß aufgegeben werden. Die Aufregung ist auf das Höchste gestiegen, und die von den Berufshetzern geschickt unterhaltene Bewegung gegen die Juden verbreitet sich auch auf das flache Land, die Dörfer, die einzelnen Gehöfte. Die jüdischen Hausirer, die sonst friedlich mit ihrem Kram von Ort zu Ort zogen, wagen sich nicht mehr hinaus, da einige von ihnen mit Tod bedroht und mißhandelt worden sind. In der Stadt hat die Bewegung eine unerwartete Wendung genommen. Die Frauen sind es jetzt, die die Kokarde der Empörung an ihren Hut heften und den Regierungspalast zu erstürme» drohen. Dieser Aufstand der Unterröcke hat in der Cantera begonnen, dem spanischen Viertel der Bab-el-Wed-Vorstadt. Um die Verfassung der Geister zu zeigen, kann ich nichts Besseres thun, als ein Gespräch zu wiederholen, das ich mit einem der bedeutendsten Cigarettenfabrikanten hatte, Herrn Mslia, der mehr als zweihundert Arbeiterinnen beschäftigt. „Vor den Wirren", sagte mir Herr Mölia, „hatte ich in der Fabrik gegen vierzig jüdische Arbeiterinnen und gegen 150 Spanierinnen. Nach den Kundgebungen wurde die Lage der Jüdinnen unhaltbar. Sie wurden auf jede mögliche Weise gequält. Man beschimpfte sie. Man versteckte ihnen die Kleider. Man stahl ihnen ihr Werkzeug. Man mißhandelte sie sogar, zuerst mit Faustschlägen, dann mit Messerstichen. Um Ruhe zu schaffen, entließ ich die jüdischen Arbeiterinnen und ersetzte sie durch Spanierinnen. ..." Die Carmencitas, Dolores, Vicentas predigen die Judenverfolgung in den Werkstätten von Algier und Mustapha und wissen nicht, was sie alles ausdenken sollen, um den Juden Unannehmlichkeiten zu bereiten. Sie kaufen nicht nur nichts bei Juden, sondern geben auch in ihren Blättern die christlichen Damen an, die sie dabei ertappen, daß sie in

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