Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Katowice 1× ep/1002406
- Oran 1× ep/1048048
- Tunis 1× ep/1048155
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-- lfÖ -- geneigt als die klerikale, denn an sie hatte sich eine Masse von Pöbel angeschlossen, dem gar nicht am Kampf gegen die Juden, nur an der Möglichkeit des Plünderns lag. Es giebt nicht wenige Personen, die da glaube», daß dit^ Agitation, welche sich an den Fall Dreyfus knüpft, die antisemitischen, Exzeße verursacht hat. Dies ist ein arger Jrrthum und ein Zeichen rascher Vergeßlichkeit. Im vorigen Mai, noch ehe die Dreyfnsaffäre in größerem Maße das öffentliche Interesse in Anspruch genommen hatte, brachen die Exzeffe in Oran aus, die durch die ganze Provinz liefen wie ein Feuer und die Juden an ihrem Leib und Leben bedrohten. Cambon verlor seinen Posten, die Truppen schritten ein, die Exzeffe verliefen verhältnißmäßig gutartig, und die Städte, in denen sie vorkamen, wurden erfreulicherweise zur, Schadloshaltung gerichtlich gezwungen. Aber das war nur das^ Vorspiel. Wir sahen das Drama der Dreyfus - Esterhazy - Zola- Prozeffe sich entrollen, die reaktionäre Partei im Generalstab, in der Preffe rc. sah ihren Einfluß bedroht durch die Stellungnahme der französischen Intelligenz zu Gunsten von Dreyfus, und sie beschloßt die Gegner um jeden Preis einzuschüchtern. Wieder stieg man auf die Straße herab, und wieder griff man zu dem altbewährten Mittel, alle Vertreter des Liberalismus als Juden zu verschreien. Dieses Geschrei zog in ganz unerwartetem Maße;- alle die alten Boulangisten, die Radikalen und Sozialisten der algerischen Färbung einigten sich, und es zeigte sich plötzlich überraschend, wohl auch für sie selbst überraschend, wie stärk sie waren, wie sie ganz Frankreich terrorisiren konnten. Von einem Ende Frankreichs bis zum anderen lief der Ruf: A bas les juifs; in Lothringen ging die von Alters judenfeindliche Bevölkerung zu Thätlichkeiten über, auch andere Distrikte folgten, aber immerhin sind im eigentlichen Frankreich die Inden zu wenig zahlreich, sie wohnen außerdem in Städten, in. denen meist die Liberalen und die eigentlichen Sozialisten, die Jaurss folgen, die Oberhand haben, kurz, die Bewegung richtete hier keinen ernstlichen augenblicklichen Schaden an. Auch in Frankreich sind, wie in Deutschland und Oesterreich, die judenfeindlichen Provinzen gerade solche, wo wenig oder gar keine Juden wohnen. Bei uns Sachsen, in Oesterreich die Alpenländer, in Frankreich die Bretagne,, sind in gleichem Maße beinahe judenrein und arg antisemitisch. In Algier freilich nahm die Bewegung jetzt einen ganz gefährlichen Charakter a». Die Exzeffe im Januar kosteten mehreren Israeliten das Leben, zahlreiche wurden verwundet, viele Millionen Schaden bei den Plünderungen angerichtet, in der Stadt Algier allein die Existenz von 1500 Familien ruinirt. Und schon greift die Bewegung immer weiter, in Tunis sind bei den letzten Ruhestörungen nicht weniger als 79 Personen, darunter allerdings 38 Juden, die sich zur Wehr gesetzt haben, verhaftet worden. Sogar Marokko ist in Mitleidenschaft gezogen, und die neuesten Berichte sprechen von Judenhetzen, die der neuerregte Fanatismus der Mauren; in vielen Plätzen veranstaltet hat. Wie weit Klerikalismus und Judenhaß in Frankreich schon zur Macht gelangt sind, hat uns mit erschreckender Deutlichkeit derZola- Prozeß gezeigt, er hat auch enthüllt, wie der Antisemitismus des geisteskranken Sandherr die Verhaftung und Verurtheilung von Dreyfus herbeigeführt hat. Man kann nicht behaupten, daß diese traurigen Verhältnisse in Frankreich zunächst eine Aussicht auf Befferung zeigen. Im Gegentheil, man wird darauf gefaßt sein müssen, daß die Wahlen eine; weitere Verschlimmerung der Situation bringen, denn unzweifelhaft wird eine ganze Anzahl von Antisemiten, sowohl klerikaler wie sozialistischer Spielart in das Parlament einziehen. Hat man doch Drumont geradezu königliche Ehren bereitet, als er jetzt in Algier ankam, um sich um das Mandat dieser Stadt zu bewerben. Die französischen Juden haben nichts Gutes von dem irächsten Abgeordnetenhause zu erwarten. Deshalb mag die Eingangs erwähnte Gründung eines Vereins zur Aufrechterhaltnng der Menschenrechte und der bürgerlichen Gleichheit heutzutage auch in Frankreich sehr nothwendig sein. < Wir wollen nur wünschen, daß sich ihm außer den Juden und dem kleinen Theile der Intelligenz, den sogenannten Intellektuellen, noch eine genügende Anzahl von Männern anschließt, damit der neue Verein wirksam zur Beruhigung der Geister und zur Bekämpfung des Antisemitismus beitragen kann. Nie Woche. Berlin, 12. April. ie wir vernehmen, wird die nächste Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes in Deutschland am 1. und 2. Juni in Berlin stattfinden. Diese Mittheilung ist sicher für weite Kreise von Interesse. Die Berathungen finden im Saale der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde statt. Auf der Tagesordnung stehen folgende, fast durchweg sehr wichtige Berathungsgegenstünde. 1. Bericht über die Thätigkeit des geschäftsführenden Vorstandes und über die Verbandskasse; 2. Die zionistische Bewegung (Referent: Horovitz- Frankfurt a. M., Vogelstein-Stettin); 3. Die Stellung des Rabbiners in Deutschland (Referent: Cohn - Kattowitz, Werner-München); 4. Gründung einer Relikten-Kaffe (Referent: Guttmann-Breslau, Rahmer-Magdeburg); 5. Obligatorischer Religionsunterricht (Referent: Bäck-Liffa, Prager-Cassel); 6. Die Einführllng einer Predigt am Freitag-Abend (Referent: Maybaum-Berlin, Plaut-Frankfurt a. M.); 7. Dimifforiale bei Trauungen (Referent: Salfeld-Mainz, Kopfstein- Beuthcn); 8. Stellung der Halacha zur Veterinärkunde (Referent: Auerbach-Halberstadt, Grouemann-Hannover); 9. Wahl des Centralausschnsses. Ohne Zweifel ein reichhaltiges und sorgsam ausgewähltes Programm, in dem die Zeitverhältnisse und Tagesfragen besonders berücksichtigt sind. Man darf den aufrichtigen Wunsch hegen, daß die Besprechung dieser Fragen zu segensreichen Resultaten für die deutsche Judenheit führen möge. Von unmittelbar praktischem Werthe erscheint uns besonders Punkt 4 des Programms. Wir haben es schon oft beklagt, daß die deutschen Rabbiner keine Pensions- und Wittwenkaffe besitzen, und wir zweifeln nicht einen Augenblick daran, daß alle darauf hinzielenden Bestrebungen allgemeine Theilnahme finden werden. $ Die wichtigste Thatsache, die wir aus dieser Festwoche zu verzeichnen haben, hat allerdings gar keinen festlichen Charakter, ist vielmehr ein trauriges Zengniß dafür, „wie wir's denn zuletzt so herrlich weit gebracht" am Ende des Jahrhunderts. Es ist die Thatsache der Zurückweisung jüdischer Mädchen von verschiedenen privaten höheren Töchterschulen in Berlin, namelstlich im Westen. Einzelne dieser Lehranstalten lehnen überhaupt die Aufnahme von Jüdinnen ab, andere laffen lediglich einen gewissen Prozentsatz jüdischer Mädchen zu und sind bemüht, diesen ängstlich einzuhalten. In einer Privat-Töchterschule soll die Vorsteherin den sich zur Aufnahme meldenden Mädchen jüdischen Glaubens die Frage vorgelegt haben: „Sind Sie denn immer noch Jüdin?" Große Erregung verursacht ferner die Mittheilung, daß