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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-15 · Heft 15 (15.4.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 15 (15.4.1898)
Date
1898-04-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 15. ine Berlin» 15, Kpril 1898. Gin nnparteiisches Mrgan für alles Jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.' Abonnements-Preis: Durch Buchhandel. Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Begründe/ von Uabbiner 29?- Ludwig Philippson-Bonn Vertags-Grpediiion: GerlingJerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind, an d.ie Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deä Judenthums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Jm 3ttl|Itlt. Leitartikel r Der Antisemitismus in Frankreich. — Die Woche. — Brief aus Oesterreich. — Hermann Makower. Von Bernhard Breslauer. — Was ist uns die Wissenschaft des Judeuthums? Von Dr. Martin Schreiner. (Forts.) — I. Zangwill. Von Dr. B. Rippner. (Forts.) — MertUletorl r Der Narr. Erzählung vonIda Oppenheim. — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Memel, Aus der Provinz Posen, Inowrazlaw, Bomst, Samotschin, Breslau, Sohrau, Soest, Wien. — Non Ratz und Kern. — Geschäftliche Notizen. Der Antisemitismus in Frankreich. Berlin. 12. April. <^^n Paris ist dieser Tage ein Aufruf erschienen zur Gründung einer Liga zwecks Vertheidigung der Menschenrechte und der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Wenn man dies liest, saßt man sich unwillkürlich an den Kopf, man fragt sich, ist in der französischen Republik hundert Jahre nach der großen Revolution noch ein solcher Verein nothwendig oder auch nur möglich? Hat die Republik, nicht wenigstens diese Errungenschaft des vorigen Jahrhunderts, an der auch die schwärzeste Reaktion des unsrigen zur Zeit Karl X., des letzten Bourbonen, kaum zu rütteln wagte, hatte die dritte Republik, die die Vollendung der ersten und zweiten zu sein behauptet, diese Fundamente eines freien Staatslebens nicht über allen Zweifel sicher gestellt? Zwanzig, fünfundzwanzig Iahte hat man es fest geglaubt, und noch vor kurzer Zeit, vielleicht noch vor einem Jahre, hätte man Den für unzurechnungsfähig gehalten, der im Ernste eine antisemitische Gefahr für Leib und-Leben der Juden in Frankreich prophezeit hätte. Aber Frankreich ist das Land der Ueberraschungen. und staunend sahen wir, wie seit einigen Jahren die Anzeichen sich mehrten, daß eine Reaktion in Frankreich, die sich des Antisemitismus bediente, sich vorbereitete, wie die energische Thätigkeit des klerikalen und des sozialistischen Antisemitismus dazu gelabt war, die Gemüther gegen die Juden zu verhetzen. In vielen Kulturstaaten sehen wir die Reaktion eifrig am Werk, und es ist keine neue Erscheinung, daß sie sich des Antisemitismus als Vorspann bedient. In Deutschland sind es die Konservativen, Agrarier, Zünftler rc., die das Volk zu gewinnen trachten, indem sie ihm einzureden suchen, daß die Juden das deutsche Volk sittlich verderben, materiell ausbeuten, politisch beherrschen rc. In Oesterreich ist es schon viel schlimmer, da hat der Klerikalismus mit gutem Erfolg den Judenhaß beinitzt, um seinen Einfluß zu stärken, und die Erregung der Bevölkerung gegen die Juden hat manche alten liberalen Positionen in die Hände der Klerikalen und Jndenfeinde feinerer und gröberer Tonart gebracht. Ganz neuerdings sehen wir dieselbe Bewegung mit Erfolg von gleichem Werthe in Galizien, während in Ungarn ihre Bestrebungen bisher nur Mißerfolge geerntet haben. Der Antisemitismus in Frankreich zeigte zuerst die gleichen Züge. Drumont, sein erster und stärkster Wortführer, war ein Erzreaktionär, ein Vorkämpfer des Klerikalismus; der erste Abgeordnete, der offen den Antisemitismus in der Kammer vertrat, war ein Klerikaler Beauregard, der in dem äußersten Winkel der dunkeln Bretagne gewählt worden war. Er wagte zum ersten Mal die Einbringung eines Antrages in der französische» Kammer, der einen Unterschied machen sollte zwischen de» Juden, die als Fremde gelte» sollten, gleichviel durch wie viele Generationen sie dort heimisch sind, und den Fran^ais de France. Aber mit dieser Bewegung, die genau im gleichen Fahrwaffer wie in den anderen Ländern verlief, ging seit einigen Jahren eine neue Richtung Hand in Hand, wenn cs gegen die Juden galt hie Volksmassen zu errege». Es war die radikal-sozialistisch-antisemitische, deren Hauptsitz Algier war. Als der Boulangisinus unter klerikaler Leitung gegen die Republik gehetzt wurde, lehrte man seine Redner den Judenhaß als eines der stärksten Mittel, um die Maffen zu verführen, denen niau die Riesenkapitalien der Rothschilds und einiger anderer Israeliten zeigte uyd ihnen sagte, daß 'all das Geld zusammengestohlen sei. Der Beweis dafür war für die blöde Menge gegeben, denn in dem Panamaprozeß hatten allerdings einige Juden eine üble Rolle gespielt. Als dann der Voulangismus an der Unzulänglichkeit seines Helden scheiterte, als die Partei zerfiel, da gingen die alten Radikalen und Sozialisten wieder in ihre frühere» Lager zurück, aber sie hatten gelernt, wie leicht auch in Frankreich die Massen der Judenhaß verblendet. In der Provinz Algier waren wahlberechtigt nur die eiugewandcrten Franzosen und die naturalisirten Fremden, meist Spanier, außerdem aber die Juden seit 1870. Diese Elemente entzweiten sich nun bei den Wahlen, die Fremden und viele Franzosen, besonders die flottircnden Elemeine der Hafenstädte, wählten radikal oder sozialistisch, die Juden und ,die geringere Zahl der sranzösischcn Kolonisten, besonders in de» Binnenstädte» und ans dem Lande, wählten liberal, in Frankreich opportunistisch genannt. Das war das Zeichen für die radikalen und sozialistischeil Wähler, von denen viele ehemalige Boulangisten, andere Fremde waren (der jetzt vielgenannte Rsgis ist der Sohn eines in Algier naturalisirten Italieners und heißt eigentlich Milano), gegen die politischen Feinde mit der Jndenhetze vorzugehen, umsomehr, als sie an der auf die Israeliten neidischen, noch nicht natnralisirlen Bcrbernbevölkerung, die nian fälschlicherweise Araber nennt, eifrige Bundesgenossen hatten. So entstand der Antisemitismus in Algier, de» der ehemalige Generalgonvernenr Camdon, selbst ein Radikaler und politischer Feind der Juden, zu lange gewähren ließ. Diese Abart der antisemitischen Bewegung war viel mehr zu Exzessen

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