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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-08 · Heft 14 (8.4.1898) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 14 (8.4.1898)
Date
1898-04-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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ä schule hat er in jeder Beziehung Mustergiltiges geleistet. Der hiesige Litteraturverein vermißt seinen Begründer und die Mitglieder ihren meisterhaften Lehrer; der Verein der Chewra Kadischa empfindet schwer dm Verlust ihres höchsten Gönners. Das Hinscheiden Dr. Pleßners, dieses überzeugungsfesten Seelenhirten, wird lange, lange eine fühlbare Lücke in unserem Gemeinwesen hinterlassen. Möge ihm die Erde leicht sein! (Auch wir haben in dem Entschlafenen einen unserer ältesten Freunde verloren, dessen Gelehrsamkeit, Geist und Charakterfestigkeit wir stets aufrichtig bewundert haben, und dessen Gedächtniß wir immer in Ehren halten werden. Die Red.) X. Hannover, 2. April. Eine ausgedehnte Klage wegen Beleidigung und groben Unfugs wird in nächster Zeit vor der hiesigen Strafkammer verhandelt werden. Wie regelmäßig vor Weihnachten, wurde auch dieses Jahr seitens der Antisemiten ein Flugblatt mit der Devise „Kauft nicht bei Juden" in die Welt geschleudert; der Verein zum Schutze jüdischer Interessen veranlaßte seinerzeit die Beschlagnahme desselben durch die Staatsanwaltschaft und die Erhebung der Beleidigungs- und Grobenunfugsklage auf Grund des Inhalts des Flugblattes gegen die Verfasser und den Drucker. Nach Prüfung des Sachverhalts hatte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wieder eingestellt. Die Interessenten beruhigten sich nicht mit diesem Entscheide und wandten sich an die Oberstaatsanwaltschaft Celle, die dann ihrem Anträge gemäß die Wiedereröffnung des Prozesses angeordnet hat. Die hiesige Staatsanwaltschaft hat nun das Hauptverfahren gegen die zwölf Beschuldigten beantragt, und das Landgericht soll diesem Anträge stattgegeben haben. X Celle, 3. April. Am vergangenen Mittwoch fand unter reger Betheiligung in der hiesigen Synagoge die 100 jährige Gedenk- und Seelenfeier für den am 23. März 1798 hier verstorbenen Hofagenten Isaak Jacob Gans statt, einen edlen Wohlthäter, Begründer und Erhalter verschiedener segensreich wirkender Stiftungen. Außer dem Festredner, Herrn Lehrer Löwenstein, sprach auch, einer Einladung freundlich Folge gebend, Herr Landrabbiner Dr. Gronemann und von der Administration Herr Justizrath Jüdell aus Hannover, so daß sich die Feier zu einer sehr erhebenden gestaltete. Möge das Andenken des edlen Stifters in der Gemeinde fortdauern! W. Elberfeld, 4. April. Unsere Glaubensgemeinde ist von einem großen Verlust heimgesucht worden. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf gestern Nachmittag die Kunde ein, daß Frau Ober- Regierungsrath Meyer, welche auf einer Reise nach dem gelobten Lande, das zu sehen und kennen zu lernen ihr sehnlichster Wunsch war, in Kairo infolge Herzschlages ihre edle Seele ausgehaucht habe. Mit Frau Ober-Regierungsrath Meyer ist ein Biederweib in des Wortes edelster Bedeutung dahingegangen. Was sie als Gattin, was als Mutter, was sie ihrer Familie gewesen — zu schwach ist mein Wort, dies zu schildern. Sie war die Sonne ihres sie zärtlich liebenden Gatten, der Leitstern ihrer tief trauernden Kinder, das Glück und die Freude ihrer ganzen Familie. Hingebende, aufopfernde Liebe und Treue, gegenseitige Schonung und Nachsicht — das waren die herrlichen Blumen, welche sie in ihrem schönen Familiengarten allezeit pflegte. Aber ihr Heimgang hat in unserer ganzen Gemeinde die aufrichtigste Trauer hervorgerufen. Abgesehen von ihrem seltenen Wohlthätigkeitssinn, der sich bei jeder Gelegenheit in überreichem Maße bewährte, so daß ungezählt die Thränen Derer sein werden, denen sie so oft und so gern die Bürden des Lebens erleichtern half, hat sie neben ihrem bescheidenen liebevollen Wesen sich auch dadurch die Herzen Aller gewonnen, daß fie bei allen die Gemeinde irrteresfirenden Angelegenheiten sich stets mit Freuden betheiligte. Sabbath für Sabbath war fie in der Synagoge zu finden. Ihr gutes Herz beschränkte sich aber nicht nur auf ihre Familie und ihre Glaubensgemeinde, nein, ihre Menschenliebe ließ fie allen Menschen angedeihen, mit denen sie auf ihrer Pilgerfahrt zusammentraf, ohne Unterschied des Glaubens und des Standes. So wird denn auch ihr Andenken in ihrer Familie, in unserer Gemeinde überall ein gesegnetes bleiben für alle Zeiten. E. Darmstadt, 30. März. Am 28. d. M. waren es vierzig Jahre, daß Herr Heinrich Oppenheimer als Lehrer und Kantor in der israelitischen Gemeinde wirkt. In dieser langen Zeit hat sich Herr Oppenheimer die Sympathie nicht nur der ganzen Gemeinde,von der ein großer Theil seine Schüler waren, erworben, sondern auch die Anerkennung weiter Kreise der christlichen Bevölkerung erlangt, die ihn in seiner langjährigen Thätigkeit als Lehrer am Mauerffcheu Institut, als aktives und Jahre lang als Vorstandsmitglied im Mozartverein und im Mustkverein und als Dirigent verschiedener anderer Vereine schätzen gelernt hat. Infolgedessen wurde denn auch sein Jubiläum unter allgemeiner Theilnahme gefeiert. Bon Sr. königlichen Hoheit wurde Herr Oppenheimer durch Verleihung des silbernen Verdienstkreuzes des Philippsordens ausgezeichnet, das dem Jubilar von dem Herrn Provinzialdirektor Geh. Rath v. Marquardt mit sehr ehrenvollen Worten überreicht wurde. Im Namen des Vorstandes gratulirte Herr Ludwig Tribe, im Namen der Gemeinde Herr Dr. Selver, und eine Deputation der früheren Schüler überbrachte eine künstlerisch ausgestattete Mappe, welche eine Adresse und ein namhaftes Geldgeschenk enthielt. Die jetzigen Schüler schenkten einen silbernen Becher, und im Aufträge des israelitischen Lehrervereins im Großherzogthum Hessen und des Verbandes der Lehrervereine im Deutschen Reich gratulirte Herr Jnstitutsvorsteher Elias und überreichte einen werthvollen silbernen Pokal mit Widmung. Auch der Mozartverein, der Muflkverein und viele Privatpersonen sandten Glückwünsche und zum Theil recht werthvolle Geschenke. Möge der Jubilar, der insgesammt jetzt 45 Jahre im Schuldienst thätig ist, in gleicher körperlicher und geistiger Frische auch das fünfzigjährige Jubiläum feiern. — In der zweiten hessischen Kammer beantragte der antisemitische Abgeordnete Köhler die Aufhebung des Erlasses, der die Beamten vor politischen Agitationen warnt und im Besonderengegen die antisemitische Agitation gerichtet zu sein scheine. Staatsminister Finger erklärte, den Erlaß nicht zurückziehen zu wollen. Der Ausschuß der Kammer beantragte, an die Regierung das Ersuchen zu richten, sich künftighin jedes Einflusses auf die Parteistellung der Beamten zu enthalten. Dieser Antrag ward angenommen. ** Mannheim, 31. März. Der Walldorfer Wahlkrawall hat heute das Schöffengericht in Wiesloch beschäftigt. Angeklagt sind sechzehn Personen. Die Hauptangeschuldigten sind der 29 Jahre alte israelitische Lehrer Samuel Liesberger, der 31 Jahre alte israelitische Kaufmann Bernhard Kramer, der 29 Jahre alte israelitische Hopfenhändler Herz, genannt Heinrich Sternweiler, und der 24 Jahre alte israelitische Kaufmann Hermann Kramer; die übrigen Angeklagten sind theils Tagelöhner, theils Cigarrenarbeiter. Die Anklage lautet auf groben Unfug, Ruhestörung, Körperverletzung und Hausfriedensbruch. Der Umstand, daß die ganze Angelegenheit nicht dem Schwurgericht, sondern dem Schöffengericht zur Aburtheilung überwiesen worden ist, beweist, daß der Wahlkrawall seinerzeit von antisemitischer Seite furchtbar aufgebauscht worden ist. Hat doch sogar der damals in Heidelberg erscheinende antisemitische „Deutsche Volksbote" am Tage nach dem Krawall ein Extrablatt herausgegeben, worin von einem Mordanschlag auf den Reichstagsabgeordneten Bindewald und den Konsul Karl Köster berichtet wurde. Anfänglich glaubte man deshalb, daß eine Anklage wegen Landfriedensbruchs erfolgen werde. Im Laufe der Untersuchung stellte sich aber heraus, daß eine mildere Beurtheilung der Angelegenheit gerechtfertigt war. Aus Anlaß der Landtagswahlen war am 20. Oktober Abends in Walldorf im Gasthaus „Zur Post" eine antisemitische Versammlung anberaumt worden, in welcher der antisemitische Reichstagsabgeordnete Bindewald und der Landtagskandidat für Wiesloch-Heidelberg, Herr Konsul Köster, sprechen sollten. Bernhard Kramer, Hermann Kramer und Sternweiler sollen nun die Abhaltung dieser Versammlung dadurch unmöglich gemacht haben, daß sie unter die Anwesenden Geld, Bier und Cigarren vertheilten, um sie zu veranlassen, die Redner nicht zum Wort kommen zu lassen. Dieser Plan gelang auch, so daß sich die Antisemiten genöthigt sahen, nach dem Gasthaus „Zum Lamm" zu ziehen, um dort ihre Versammlung fortzusetzen. Dort soll nun Liesberger den Redner Bindewald durch fortwährende Zwischenrufe in seinen Ausführungen gestört haben. Heinrich Sternweiler wird beschuldigt, den Landtagsabgeordneten Pfisterer an der Brust gepackt zu haben. Ferner soll ein Theil der Angeklagten in die im zweiten Stock des. Gasthauses „Zum Lamm" befindlichen Zimmer eingedrungen und diese durchsucht haben, weil man glaubte, daß sich Antisemiten in ihnen versteckt hätten, und schließlich sollen sie, theilweise mit Prügeln bewaffnet, das Hofthor des „Lamm" bewacht haben, um den noch im Gasthause befindlichen Antisemiten aufzulauern. Die Beweisaufnahme durch zahlreiche Zeugen hat aber von all diesen Behauptungen eigentlich nur die Vertheilung von Freibier und Cigarren sicher festgestellt. Es wurden deshalb acht der Angeklagten wegen groben Unfuges bezw. Ruhestörung

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