Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1898)
- Date
- 1898-04-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 zu vier Wochen bis fünf Tagen Gefängniß verurtheilt. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Der von der antisemitischen Presse erhoffte große Erfolg dieses Prozesses ist somit ausgeblieben! Q Wien- 4. April. In der letzten Sitzung unseres Kultusvorstandes wurde mitgetheilt, daß der englische Finanzmann S. H. Golds hmit, ein Erbe von ca. vierundvierzig Millionen Gulden zurückließ, in welches sich nähere und fernere Verwandte zu theilen hatten. Unter den im Testamente Bedachten erschien auch ein Fräulein Henriette Wiener v. Welten, dem ein Zweiundzwanzigstel des Nachlasses zugedacht war. Im Laufe der Zeit hatte dieses Fräulein gleich ihren Geschwistern den Glauben gewechselt. Als dieser Vorfall Herrn Goldshmit bekannt wurde, verfügte er in einem Kodizill zu seinem Testamente, daß Fräulein Wiener v. Welten die Hälfte ihrer Erbschaft, also eine runde Million Gulden, an die Wiener israelitische Kultusgemeinde für wohlthätige Zwecke abzutreten habe. Bor Kurzem schied Herr Goldshmir aus dem Leben, und im Sinne seiner testamentarischen Bestimmung wird Fräulein Wiener von Welten auf eine Million Gulden zu Gunsten der. hiesigen israelitischen Kultusgemeinde verzichten müssen. — Eine gleichfalls sehr interessante Mittheilung aus derselben Sitzung: Die Freiherren Nathaniel und Albert von Rothschild haben aus Anlaß des fünfzigjährigen Regierung^- jubiläums des Kaisers 200 000 Kronen in vierprozentigen Raten zur Errichtung einer „Freiherrlichen von Rothschild'schen Künstlerstiftunä" gewidmet. Nach dem Stiftbriefe soll die Zuerkennung nur an österreichisch-ungarische Staatsbürger erfolgen, deren jüdisches Glauberwbekenntniß festsieht, und die ihr Domizil in Oesterreich haben; anspruchsberechtigt sind in erster Linie jene Künstler und Künstlerinnen, welche auf dem Gebiet der Architektur, Bildhauerei, graphischen Künstür, Malerei oder musikalischer Komposition Beweise ihres Talentes f^r schöpferisches Wirken gegeben haben, dann jene, die bereits die Fähigkeit erlangt haben, das betreffende Kunstfach selbständig auszuüben. Atzs den Zinsen gelangen Stipendien von wenigstens 300 Gulden bis höchstens 2000 Gulden in der Regel einmal jährlich zur Verleihung durch ein Kuratorium, bestehend aus dem jeweiligen Präsidenten der Kultusgemeinde, zwei vom Kultusvorstande, drei von dem Borstanhe der Gesellschaft für Sammlung und Konservirung von Kun^l- und historischen Denkmälern des Judenthums zu ernennenden Mitgliedern und einem von den Stiftern oder deren Rechtsnachfolgern ju nominirenden Mitgliede. Der Vorsitzende bemerkt hierzu, daß die erste Anregung zu dem hochherzigen Akte der Ober-Rabbiner Dr. Güdemar^n mit einem Vorträge in obgenannter Gesellschaft gegeben habe. — Äi den Gemeinderathswahlen im ersten Wahlkörper gelang es dech Fortschrittlichen, trotz der ungeheuren Agitation der Christlich-Sozialen, nicht nur ihre Mandate zu behaupten, sondern auch den AntisemitHi ein Mandat zu entreißen. Gewählt erscheinen u. A. die GemeinderätHe Baurath Stiaßny, Ritter v. Goldschmidt, Dr. Alfred Stern, Donat Zifferer und Lucian Brunner. - In dieser Woche ist wieder vchi Betrugsfakten zu berichten, die von christlichen Vereinsleitern durHh Unterschlagung der ihnen anvertrauten Gelder begangen wurden — so der Kirchendiener Alois Straßer, Kasstrer des Vereins „die Schwalbe", der zu zehn Monaten Gefängniß verurtheilt wurde, und ein gewisser Johann Malek. — In Budapest starb im siebzigsten Lebensjahre Frau Johanna v. Bischitz, eine wegen ihres Wirkens auf humanitäre^ Gebiete bekannte Dame. Sie hatte seinerzeit den Baron Hirsch aef* anlaßt, größere Stiftungen zu machen, und erhielt von ihm jährlich 120 000 Gulden zur Bertheilung an würdige Arme und Waisenhäuser. Frau v. Bischitz wurde für ihr Wirken vom Kaiser durch Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone ausgezeichnet. Zum Andenken an diese edle Frau hat nun Baronin Hirsch für israelitische Budapester Waisenkinder den Betrag von 300 000 Gulden gespendet. Von Nah und Fern. Wie der „Anhalt. Staatsanz." meldet, hat sich in Raguhn ein Radfahrerverein gebildet, dessen Statut die Bestimmung enthält: „Juden werden nicht ausgenommen". Wie sollen wohl Juden in den Radfahrerverein kommen, da es am Orte nicht einen einzigen giebt? — In Straßburg i. E. ist Jsaac Adler, Mitbegründer der Firma Adler & Oppenheimer und Mitglied des israelitischen Konsistoriums sM Unter-Elsaß nach langen und schweren Leiden am 29. v. Mts. gestorben. — Aus dem Städtchen Klasno in Galizien werden antisemitische Ausschreitungen gemeldet. Die von Juden bewohnten Häuser wurden theilweise demolirt und mehrere Juden dabei verwundet. — An der Universität in Budapest waren im abgelaufenen Jahre 1402 jüdische Hörer immatrikulirt, die Mittelschulen wurden von 11647 jüdischen Schülern besucht. Das Komitat Maramarofch mit nahezu 50 000 jüdischen Einwohnern hat keine einzige jüdische Volksschule. Für mehr als 10 000 schulpflichtige jüdische Kinder stehen nur einzelne Staatsschulen zur Verfügung, so daß kaum tausend Schüler ausgenommen werden können. Die übrigen erhalten wohl in den Winkelschulen Unterricht. — In Minsk begann am 31. v. Mts. der Prozeß gegen die Juden Gubitsch, Feimann, Arontschik, Rumanow, Frumkin u. A., die beschuldigt sind, am 27. April v. I. bei Gelegenheit einer Zusammenrottung an Militär- und anderen Personen christlichen Glaubens gemeinsam Gewaltthätigkeiten verübt und bewaffneten Jnfanteriepatrouillen gemeinsamen Widerstand geleistet zu haben. Am 4. d. Mts. wurde das Urtheil gefällt. Das Gericht befand, es liege keine Bethätigung des Hasses gegen Christen und Militär vor, sprach neun Angeklagte gänzlich frei und verurtheilte fünf wegen Widerstandes gegen Militärpatrouillen zu zweijähriger Gefängnißhaft. — Kürzlich hat der Zuschlag der Koschertaxe für die Stadt Odessa stattgefunden. Der Gesammtertrag wird jährlich 232 600 Rubel betragen. Gesetzmäßig istdiese Summe dazu bestimmt, um die Bedürfnisse der jüdischen Wohlthätigkeit zu decken; nun sehen wir aber unter den Einzelheiten der obligatorischen Kosten, die sie decken soll, 19 000 Rubel für die Polizei von Odessa vorgemerkt und 15 000 Rubel als Beitrag zu den Kanzleikosten des Gouvernements. — Nach dem „Univers israelite“ hat der Erzbischof von Brüssel, Kardinal Goossen, einem Journalisten erklärt, er sei vom Papste autorifirt, sich auf das Schärfste gegen den Antisemitismus auszufprechen. — Albert Levy, Premierlieutenant im 8. Artillerieregiment, ist zum Kriegsrath des 20. Armeekorps in Nancy ernannt worden. — Professor Ludwig Stein in Bern wurde als auswärtiges Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften kandidirt. — Ludwig Feld ermann, Redakteur der englischen Zeitschrift „Life", hat das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens erhalten. — In Algier fangen nun auch die Frauen an. Eine Abordnung von Frauen begab sich am 31. v. Mts. nach dem Platze vor dem Regierungsgebäude, um die Freilassung des antisemitischen Agitators Max Regis zu fordern. Es kam zu einigen Kundgebungen und einem Bolksauflaufe. Die Polizei trieb die Menge aus einander. In der französischen Deputirtenkammer fragte Beau re gard (Rechte) über die kürzlich in Algier erfolgte Präventivverhaftung des Journalisten Max Regis an und erhob gegen diese Maßnahme Widerspruch, da sie eine Verletzung der persönlichen Freiheit darstelle. Samary und Chiche schlossen sich seinen Ausführungen an. Der Justizminister rechtfertigte die Verhaftung damit, daß Regis die jüngsten Unruhen in Algier angestistet habe, und daß die dortigen Behörden dessen Inhaftnahme als unerläßlich zur Aufrechterhaltung der Ordnung erklärten. Ministerpräsident Meline verlangte die einfache Tagesordnung, die mit 308 gegen 170 Stimmen angenommen wurde. — Inzwischen gährt es auch in Tunis sehr bedenklich. Am 26. März wurde dort in der Rue Haffin ein Jude, der mit mehreren Arabern in Streit gerathen war, von diesen durch Messerstiche gefährlich verwundet. Tags darauf wurden in den arabischen Stadttheilen und im Judenviertel selbst alle auf der Straße befindlichen Juden von den Arabern angegriffen, verhöhnt und körperlich mißhandelt, auch mehrere Läden geplündert. Diese Vorfälle wiederholten sich drei Tage lang, ehe es den Behörden gelang, die Ruhe wiederherzustellen. Zahlreiche Verhaftungen und sofortige Berurtheilungen zu hohen Strafen fanden statt, schließlich mußte militärische Hilfe in Anspruch genommen werden, zumal da auf die Kunde von Unruhen in der Stadt zahlreiche Araber vom Lande in sie gezogen waren. — Als in Bombay am 9. v. Mts. die Unruhen gegen die europäischen Aerzte und deren Maßregeln gegen die Pest ausbrachen, wandten sich die Aufrührer, deren Schlachtruf „Gorako maro", Tod den Europäern, war, auch gegen die Juden. Unter Anderen wurde Jacob Sassoon ernsthaft bedroht, doch gelang es ihm, zu einem Militärposten zu flüchten, dagegen wurden die Herren Greenbaum und I. Sampson gemißhandelt, auch eine amerikanische Jüdin schwer verletzt. Unter den bei der Unterdrückung des Aufstandes schwer verletzten Soldaten befindet sich auch ein Jude Daniel Samuel, ein Bene Israelite. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.