Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1898)
- Date
- 1898-04-08
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228272--54505-3290644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
67 UILLETON Aus bangen Tagen. historische Erzählung aus der römischen Raiserzeit. Von Carl Griot. XI. er anbrechende Morgen traf die vier Rabbinen noch im Gotteshause. Sie hatten die Nacht wachend im Tempel verbracht, um aus dankerfülltem Herzen heiße Gebete zum Höchsten emporzusenden, und die Gnade des Herrn auch für fernerhin zu erflehen. Denn, wenn auch durch das heldenmüthige Opfer des edlen Flavins Clemens, dessen Andenken sie segneten, die augenblickliche Gefahr beseitigt war, so bestand diese immerhin, und es war leicht vorauszusehen, daß der grausame Domitian seine Rachepläne gegen die Juden nicht ungestillt lassen werde. Die Gefahr war nur beseitigt, nicht gehoben, das wußten sie, und mochte das kurzsichtige Volk auch frohlocken und jauchzen ob der glücklichen Errettung aus drohender Todesnoth — diese Gefahr bestand trotzdem. So lange ihnen in Domitian ein sicherer Feind lebte, so lange schwebte das Schwert der Vernichtung drohend über ihrem Haupte. Die Augen, die das grelle Sonnenlicht schmerzte, mit der Hand beschattend, das Haupt in ernstem Sinnen zur Erde gesenkt, verließen die Rabbinen das Gotteshaus. Doch da stellte sich etwas ihren Schritten hemmend in den Weg. Die ganze Breite der Straße war von einer wogenden, heftig erregten Menge erfüllt. Alles schrie, tobte, schwatzte durcheinander. Lachen und fröhliche Reden wechselten mit allerlei übermüthigen Scherzen, Ausbrüche zügelloser Freude mit heiteren glückstrahlenden Geberden. Im wirren Durcheinander der entfesselten Menge befanden sich einzelne Menschen, die von den Andern umringt und ausgefragt wurden. Erregt tönten die Stimmen durcheinander. Es war unmöglich, etwas zu verstehen, nur einzelne abgerissene Laute drangen an ihr Ohr. Befremdet wandte sich Rabbi Gamaliel an seine Gefährten, und gerade wollte er Rabbi Eleasar beauftragen, nach der Ursache dieser sonderbaren Straßenszene zu fragen, als mitten in das brausende Stimmenmeer hinein laut und deutlich ein Ausruf an sein Ohr drang. „Domitian ist tobt! Es lebe Nerva!" „Heil Nerval" brüllte die Menge nach, „Heil ihm, dem Befreier Roms! Nieder mit den Bildsäulen des Tyrannen! In den Staub mit ihnen! Sein Abbild verschwinde, wie sein verruchtes Andenken! In den Koth mit ihm!" „Lange genug hat er Rom mit den Füßen getreten, nun wollen wir ihn zertreten! Kommt, kommt, alle Statuen, die das Bildniß des Tyrannen tragen, zu zerschmettern!" „Kommt, kommt Alle, dem edlen Nerva unsere Huldigung üarzubringen!" „Rom ist befreit! kommt den Göttern danken!" Bleich vor innerer Erregung hatten die Gesandten des heiligen Syrrhedrion diese Nachricht vernommen, in stummer Verzückung richtete sich ihr Auge himmelwärts, und ihre Hände falteten sich zum Gebet. Dann wandten sie sich von dem lärmenden Treiben der wilderregten Menge hinweg lind lenkten ihre Schritte aufs Neue zum Gotteshause, in dem sie betend die Nacht zugebracht hatten. Nun erst war Israel befreit, nun hatte der Herr des Weltalls das Füllhorn seiner göttlichen Gnade über sein Volk ausgeschüttet, nun durften die Kinder Israels wieder stolz ihr Haupt erheben und frei zu dein Ewigen beten. Nun war auch ihre Mission beendet, und sie durften wieder ruhigen Herzens an die Heimkehr denken, zu ihren verwaisten Lehrstühlen zurückkehren in ihr stilles Jabne, zu ihren Jüngern, aus deren Mitte sie ein böses Schreckbild gerissen hatte, hierher in diese lasterhafte Stadt, zu den Füßen dieses elenden Despoten, den seine Strafe jetzt ereilt hatte und der jetzt vor einem höheren Richter Rechenschaft ablcgen mußte für all seine Greuelthaten. Ihre Aufgabe war erfüllt, und war es auch nicht ihrer Fürbitte gelungen, die Stammesbrüder zu befreien, — nein, ein Edlerer, Besserer hatte für sie den Tod gewählt, statt der Kaiserkrone, die ihm winkte — so war dennoch ihre beschwerliche Fahrt vom fernen Jabne hierher nicht vergebens gewesen. Noch heute wollten sie dem neuen Imperator ihre Huldigung darbringen. Die Welt preist in Coccejus Nerva den edlen Menschen, den weisen Staatsmann, nun, so würde er auch dem jüdischen Volke ein gütiger Herrscher sein, wenn er sich erst davon überzeugt hatte, wie grundlos die Beschuldiguitgen und Verdächtigungen waren, mit denen sie sein grausamer Vorgänger Domitian verfolgt und bedroht hatte. Erst wenn der neue Herrscher die Unschuld der Juden klar erkannt hatte, dann erst war ihre Aufgabe erfüllt, und sie konnten leichten Herzens und frohen Muthes heimziehen, das Wort Gottes zu lehren. * Im kaiserlichen Palast herrschte grauenhaftes Schweigen. Der wilden Erregung, der gräßlichen Verwirrung, die in den Morgenstunden den Palast erfüllt hatte, als die Nachricht sich verbreitete, der Kaiser sei von Mörderhand gefallen, war jetzt lähmende Erstarrung gefolgt. Regungslos, einer Marmorstatue vergleichbar, verharrte Domitin in ihren Gemächern. Niemand hatte Zutritt, Keiner durfte es wagen, der Wittwe des Kaisers zu nahen. Stundenlang saß sie, den Kopf in beide Hände gestützt, in finsterem Hinbrüten da. Das war also das Ende. Dahin war sie mit all ihrer Weltweisheit gekommen, dahin hatten sie ihre ehrgeizigen, hochfliegenden Pläne gebracht! Dazu hatte sie Ränke gesponnen, dazu ihren verderblichen Weg langsam und verborgen zurückgelegt, um nun Halt zu machen an den Stufen des Thrones! Sie hatte Raum geschaffen für jenen weißhaarigen Greis, dem sie jetzt zujubelten und ihn priesen mit begeisterten Worten, und sie, die gehofft hatte, als Roms Kaiserin allein der Welt zu gebieten — was hatte sie nun von all den Kabalen, die ihr den Kopf verwirrt und das Herz bedrückten? Was nützte ihr das nun, da sie zusehen mußte, wie ein Anderer den Thron der Cäsaren bestieg? Nun war Calpurnia todt, die sie gehaßt hatte, auch Ascletarion war der Wuth des Cäsars zum Opfer gefallen, er selbst, der mächtige Cäsar, was war von all seiner Macht geblieben? Ein Häuflein Asche, den Winden preisgegeben, und ein fluchbeladenes Andenken — sie aber, Domitia, die so stolze Hoffnungen genährt, sie, die es sich zugeschworen, den Römern eine gerechte und menschenfreundliche Herrscherin zu sein — sie war nun nichts als ein einsam Weib, die Wittwe eines Domitian. Er freilich, der thierische Despot, er hatte sterben müssen. Sein Tod rettete ihr das Leben, darum hatte schnell zur That werden müssen, was bereits lange ihren Geist beschäftigt, darum hatte ihr treuester Diener Stephanus die That, die sie lind die Welt erlöste,