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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-08 · Heft 14 (8.4.1898) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 14 (8.4.1898)
Date
1898-04-08
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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- 166 -- Es schien deshalb nicht blos erlaubt, sondern geboten, auch Verschiedenes. Abweichendes, sogar Widersprechendes zu dauerndem Bestände gn bringen und zu überliefern. (Vorbildlich schon in Edujoth I, 4, weshalb man die abweichende Tradition festhält.) 8 46. Die spätere ethische Litteratur der Juden zeigt deutlich, wie die historische Entwickelung eine Scheidung lind Sichtung dennoch vollzogen und eine wahrhafte Harmonie des Widerstreitenden herbeigeführt hat. Dies war dadurch und nur dadurch möglich, daß die Prinzipien wandellos geblieben, insbesondere das Grundwesen der ethischen Gesinnung niemals erschüttert wurde. In der Ausgestaltung der Sittenlehre wirkte die Individualität mit üppiger Triebkraft. Scharfsinn und dialektische Feinheit verbinden sich mit Zartheit des Gewissens und Sehnsucht des sittlichen Gehorsams, um nach idealer Vollkommenheit zu ringen und eine immer reichere uttb feinere Anwendung der Prinzipien herbeizuführen. Die Prinzipien selbst aber beharren in Gleichheit und Unerschütterlichkeit und haben für Alle Geltung. 8 47. War die ursprüngliche Sammlung kritiklos, so wurde und wird in der späteren Litteratur desto strenger kritisch gesichtet. Von der eigentlichen Lehrmeinung unterscheidet man billig und scheidet aus alles, was nur als gelegentliche Aeußerung ans historischen oder persönlichen Umständen erkennbar ist; also Tischreden, Schulbeispiele, scherzhafte Uebertreibungen, Stoßseufzer und dergleichen mehr. 8 48. Mit allem Nachdruck muß darauf hingewiesen werden, daß auch der Humor in den Hallen des Talmuds von Jabneh bis Pumbeditha und Sura heimisch gewesen und seinen erfrischenden Einfluß allsgeübt hat. Heißt es doch von Rabbah ausdrücklich, daß er seine Vorträge mit Scherzreden einzuleiten pflegte (Pesachim 117). Und warunl sollte sich R. Mäir, vollends auf der Reise, nicht einen Calembourg auf den Wirth gönnen? Dieser nannte sich und R. Möir schloß daraus, daß er ein Spitzbube sei (— vielleicht wegen der Hotelrechnung —) denn es heißt: N121DN?! *VfT '2 (Joma 83). Eine solche wohl beglaubigte, aber sonst kaum glaubliche satirische Verwendung des Bibelwortes sollte zur Vorsicht mahnen, nicht jedes Wort eines Talmudisten auf die Goldwaage des bitteren Ernstes zu legen. In der großen Kontroverse über die Behandlung des Amhaarez, in welcher die Mällner von Jabneh durch hohe Gesinnung und klaren Einblick in die für die Kultur nothwendige Theilung der Arbeit sich hervorgethan/) kommen Dinge vor, welche schlechterdings nur als Scherzreden und Schulspäße zu verstehen sind. Nllr in der von Leidell der Verfolgung müdegehetzten Seele konllte die bornirte Pedanterie Platz greifen, auch solchen Worten einen ernsthaften Sinn oder eine halachische Bedeutung beizumesseu. 8 48. In den überlieferten Aussprüchen also findet sich der weite Abstand von dem, was alle Welt dachte, glaubte, wußte und deshalb als Aeußerung des Gesammtgeistes in geflügelten Worten?) aussprach, bis zu dem verschollenen Citat eines Satzes, den nur eine individuelle Person, bei spezieller Gelegenheit, vielleicht sofort als *) Sie hatten den Wahlspruch (Berachot 17, 9): „Ich bin ein Gottesgeschöpf, und der Andere ist ein Gottesgeschöpf; ich habe mein Gewerbe in der Stadt, er hat es auf dem Felde; ich bin früh auf für meine, er ist früh auf zu seiner Thätigkeit (= ich bin fleißig in meinem, er in seinem Werk) wie er sich nicht überhebt wegen seiner (weltlichen, materiellen) Beschäftigung, so darf ich mich nicht überheben wegen meiner (geistigen); meinst du aber, ich leiste viel mit meiner Arbeit, er aber wenig, so haben wir gelernt: gleichviel ob Einer viel oder wenig leistet, wenn nur seine Gesinnung dem Höchsten (dem Ideal) zugewendet ist." V Wie z. 3S.>0"7 Unauffällige Meinung in besonderem Kreise vorgebracht. Daraus folgt eine nothwendige Stufenleiter der Geltung, über welche die Geschichte entschieden und die Darstellung des Systems zu entscheiden hat. Den Leitfaden zur Gerechtigkeit in der Beurtheilung findet man schon in der Beachtung der Sprichwörter aller Völker; wie diese einander oft widersprechen, leiden sie auch bei den sittlich am höchsten stehenden Völkern häufig an moralischer Härte. Kein Wunder! denn sie stammen wohl meist aus sehr frühen Zeiten noch mangelhafter sittlicher Entwickelung. Ueberschätzung des Nützlichen, Begünstigung des Eigennutzes, peinliche Vergeltung sind da gewöhnliche Erscheinungen. Schöpft man also das Urtheil über den sittlichen Charakter eines Volkes aus seinen Sprichwörtern, so kommen nur die am höchsten stehenden in Betracht, welche als die Frucht der allmäligen ethischen Entwickelung anzusehen sind. 8 49. Besonders hervorzuheben sind aber diejenigen Worte, die gelegentlich der Unmuth über Verfolgung, Klage über schreiendes Unrecht, Kummer und Gram über Gewalt und Bedrückung ausgepreßt haben. Wie oft hat man den heftigen Ausspruch des Simon ben Jochai vorgerückt: „auch den Besten der Heiden erschlage". Man hat vergeffen, daß Simon bis aufs Blut von den Römern verfolgt und gezwungen war, 13 Jahre in einer Höhle verborgen sein Lebeit thatlos und freudlos zu fristen, — um keines anderen Vergehens willen, als weil er aus der heiligen Schrift gelesen und gelehrt hat. Die Deutschen und die Franzosen unseres Jahrhunderts sind hochstehende sittliche Nationen; wollte man aber die Ausbrüche des Zornes und des Rachedurstes bei jenen während der Freiheitskriege, bei diesen im Jahre 70 prüfen, die Worte der Nothwehr des unglücklichen ben Jochai erschienen zahm dagegen. Kriege. Guerillakriege besonders, lind rechtlose, ruchlose Verwaltung dlirch feindliche Machthaber verwildern die Gewiffen der Duldenden. Man muß dann Ausbrüche maßlosen, verzweifelten Zornes begreifen, muß den Grundsatz des Talmuds befolgen: „Niemand ist für Worte verantwortlich, die das Leid (der Verfolgung) ihm ausgepreßt" (Baba Batra 16); aber wie man sie weder beschönigen noch entschuldigen darf, so darf man sie noch weniger dem Volke oder den Urhebern als Inhalt ihrer dauernden Gesinnung anrechnen. Thorheit wäre es und offenbares Unrecht zugleich, wenn man die Wuthausbrüche auch der edelsten Deutschen und Franzosen im Jahre 1807 oder 1870 als Grundsätze der deutschen und franzöfischen Ethik citiren wollte. Der gerade zu den erleuchtetsten Männern seiner Zeit gehörende Simon ben Jochai wird am wenigsten gedacht haben, seines herben Grames und heftigen Grimmes hartes Wort zll einem Lehrsatz zu stempeln. Gegen die Urheber solcher Worte muß man gerecht sein, die Worte selbst aber muß man ebenfalls gerecht richten. Die Bornirtheit unbedingter Apologeten ist zuweilen für die Erkenntniß der Wahrheit ebenso nachtheilig wie die Verblendung und Verlogenheit fanatischer Feinde. 8 50. Das Wichtigste aber, was die Ethik aus solchen Ueberlieferungen zu lernen und zu lehren hat, ist dieses: Auch in solchen verwerflichen Extremen der Leidenschaft verleugnet sich ja die ethische Gesinnung nicht ganz: aus einer an sich berechtigten Idee, als einer gesunden Wurzel, sprießt aber kein krankhaftes, giftiges Gewächs, Der Patriotismus, oft noch unterstützt von dem Sinn für peinlich strenges Vergeltungsrecht, beide getäuscht über die Grenzen ihrer ethischen Berechtigung, überwuchert und überwältigt die anderen sittlichen Ideen. Man mag die Gluth des Patriotismus rühmen; aber niemals darf sie dergestalt um sich greifen, daß andere sittliche Ideen von ihr verzehrt werden. ( < ei ei CI li U 4' u d b 1c il b d n 9i äi Z d ti v ö1 sc § b 5 v n b d Z r z' e G

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