Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1898)
- Date
- 1898-04-08
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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165 festhalteu, daß die Pharisäer in der Hauptsache, nur darauf ausgingen, die Gebote der Thora möglichst genau zu erfüllen. Alle Darstellungen werden aber an der Thatsache nichts ändern können, daß die Pharisäer keine stationäre Partei waren, daß sie. wie es zu jener Zeit anders nicht möglich war, mit Hilfe ihrer Methode der Schriftauslegung biblische Lehren und Gesetze, die ihrem religiösen und sittlichen Bewußtsein nicht mehr entsprachen, beseitigt haben. Geiger hat auch zuerst nachzuweisen gesucht, daß die Gesammtheit der gesetzlichen Bestimmungen des Judenthums — Halacha genannt — durch die Arbeit der Gesetzeslehrer von den letzten Jahrhunderten des zweiten Tempels bis zum Abschluß des babylonischen Talmuds wesentliche Veränderungen durchgemacht hat. Er sprach von einer „alten und neuen Halacha", die von einander durch eine dazwischenliegende Entwickelung getrennt werden. Von jüdischer Seite ist dem widersprochen worden, weil man annehmen möchte, daß die jüdische Tradition dem Hauptinhalte nach gleichzeitig mit der Thora geoffenbart worden ist, von christlicher Seite, weil man annimmt, daß das Judenthum der Gesetzeslehrer ein Petrefakt, jeder Entwickelung unfähig gewesen sei. Der Natur der Dinge entspricht aber nur die Anschauung Geigers, und es müßte erst nachgewiesen werden, daß es im Judenthum auch nur zwei Generationen gegeben habe, deren religiöses Bewußtsein und religiöses Leben absolut identisch wäre. Gewiß gab es schon im talmudischen Zeitalter eine „alte und neue", ja sogar eine neuere und neueste Halacha. Geiger hat durch seine Zeitschriften und Monographien unsere Wissenschaft auch sonst vielfach gefördert, ich habe aber nur die Ergebnisse hier hervorzuheben, die mir als die wichtigsten erscheinen. Während Zunz und Geiger, in Deutschland lebend und wirkend, die Erkenntniß des Judenthums und seiner weltgeschichtlichen Bedeutung gefördert haben, hat Salomon Munk dies in Frankreich gethan. Ein hervorragender Kenner der arabischen historischen und philosophischen Litteratur, hat er zuerst ihre Beziehungen zur zeitgenössischen jüdischen Litteratur dargelegt. Die Schicksale und schriftstellerische Thätigkeit mancher hervorragenden Persönlichkeit, die in muhammedanischen Ländern gelebt, sind zuerst von ihm dargestellt worden. Sein Hauptverdienst war aber, daß er die Kenntniß der jüdischen und arabischen Philosophie in außerordentlichem Maße gefördert hat, ja, ein wissenschaftliches Verständniß der jüdischen Philosophen ist zuerst von ihm angebahnt worden. Dadurch aber sind wir auch zur Erkenntniß ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung gelangt. Noch heute wird es häufig von nicht unbedeutenden Schriftstellern wiederholt, daß das Judenthum seit der Zerstörung' des zweiten Tempels, nach Anderen, nach dein Abschlüße des Talmuds keine Entwickelung durchgemacht habe, es war eben zu stumpfem Dahinsiechen verurtheilt. Munk und Diejenigen, die ihm gefolgt sind, haben nachgewiesen, daß zwei jüdische Autoren, Jbn Gabirol und Maimonides, auf die hervorragendsten Scholastiker einen bedeutenden Einfluß ausgeübt haben, ja, der letztere ist durch Albertus Magnus und Thomas von Aquino ausgeschrieben worden, und so mancher Gedanke, der als Beweis für ihre tiefsinnige Auffaffung angeführt wird'), steht unter der Einwirkung des religionsphilosophischen Werkes des 0 «In der That, — sagt Räumen ho ff (Religionsphilosophie S. 478 der deutschen Uebs.), mit Rücksicht auf die Lehre des Thomas von Aquino von der Unerkennbarkeit Gottes, — man könnte den „locus de’deo“ als Prüfstein des Tiefstnns mancher Richtungen und Systeme gebrauchen. Je größere Zaghaftigkeit in der Beschreibung Gottes, desto tieferes Nachdenken, die Regel wird nicht leicht trügen." Vgl. die Darstellung der Attributenlehre des Maimonides bei Kaufmann, I Maimonides. Durch Einfluß der Gelehrsamkeit der Muhammedaner, die von den Juden zugänglich gemacht worden ist, sind die Wissenschaften in Europa wieder aufgelebt. Dabei waren die Juden nicht etwa „Zwischenträger", wie Manche meinen, denn bei den jüdischen Philosophen sind durch die Verschmelzung der philosophischen Lehren mit denereligiösen Ideen des Judenthums ganz eigenartige Erzeugnisse entstanden. Bis auf Leibniz und Spinoza führen die Fäden der jüdischen Religionsphilosophie und durch den Letzteren münden manche ihrer Gedanken in die Philosophie der Neuzeit ein. (Schluß folgt.) Von den Orreüerr drr jüdischen Sittenlehre. Bon Prof. Dr. M. Lazarus. VI. 8 43. Schwieriger gestaltet sich die Frage nach der Natur und Verlässigkeit der Quellen der jüdischen Sittenlehre, wenn wir die zweifellose Thatsache beachten, daß die Lehren und Vorschriften, die wir aus ihnen schöpfen, oft sehr verschieden und zuweilen sogar einander widersprechend erscheinen. Zwar die historische und psychologische Erklärung dieser Thatsache liegt auf der Hand, stammen doch all jene Aussprüche und Regeln aus sehr verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Personen. Aber damit ist die ethische und methodische Frage nicht gelöst, wie angesichts der Verschiedenheit vieler Lehren und Lehrer gleichwohl eine einheitliche und harmonische Darstellung der Sittenlehre des Judenthums zu Stande kommen soll. Um zu zeigen, wie dies Problem sich löst, und welche Richtschnur dabei zu befolgen ist und in diesem Werk befolgt werden soll, müssen wir noch eine Betrachtung über das Wesen und die Beschaffenheit der Quellen, aus denen sie geschöpft ist, voranschicken. - 8 44. Bekanntlich ist die talmudische Weisheit durch mehrere Jahrhunderte im Großen und Ganzen nur in mündlicher Ueberlieferung fortgepflanzt. Als man dann in harten Zeiten, von der Furcht vor dein Erlöschen der Tradition durch aufreibende Zerstreuung und Verfolgung getrieben, die Sammlungen sowohl aller vereinzelten und sprunghaften Niederschriften als der mündlich vererbten Schätze des Geistes veranstaltete, herrschte die pietätvolle Sehnsucht, alles zu erhalten; alles, dessen man irgend habhaft werden konnte, wird zusammengetragen und schriftlich festgehalten; weit über jedes berechtigte Maß hinaus waltet zugleich die Bescheidenheit, an dem Ererbten Kritik zu üben, das Verschiedene zu sichten, irgend etwas als schechthin unterwerthig auszusondern. Man stellte — und gewiß mit Recht — die Menschen der vergangenen Zeiten so viel höher als die der eigenen Zeit, daß Keiner sich vermaß, irgend ein Ileberkommenes als geradezu verwerflich zu bezeichnen. Unzulänglichkeit schrieb man nur dem eigenen Urtheil und Verständniß zu, nicht dem überlieferten Inhalt.') 8 45. Dazu kam die längst in der Behandlung aller Tradition herrschende Methode einer schrankenlosen Harmonisirung derselben- Jeder Widerstreit, sei es der biblischen Worte unter einander oder ebenso der Rabbinen unter einander oder eines Rabbinen gegen die heilige Schrift, galt von vornherein und unbedingt als ausgeschlossen und nichtig. Alles dies wurde mit einander ausgeglichen oder ließ ist einer späteren Zukunft seinen Ausgleich zuversichtlich erwarten. Geschichte der Attributenlehre bei^ den jüdischen Religionsphilosophen des Äittelalters,S.369 ff., und die Nachweise Guttmanns, Das Verhältniß des Thomas von Aquino zum Judenthum und zur jüdischen Litteratur, S. 40ff. *) Bon der Uebertreibung dieser Pietät zeugt der zum Sprichwort gewordene Satz: Wenn die Altvorderen Engel waren, dann sind wir Menschen; waren jene Menschen, dann sind wir Esel.