Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1898)
- Date
- 1898-04-08
- Page
- Seite 164 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Was ist uns die Wissenschaft des Iudenthums? Bon Dr. Martin Schreiner. (Fortsetzung.) ls den Begründer unserer Wissenschaft müssen wir Leopold Zu n z betrachten. Er hatte wohl einen Vorgänger an dem gelehrten Rabbiner von Tarnopol und Prag, Salomo Löb Rappoport, aber dessen erste Schriften waren nicht von so tiefgehendem Einflüsse wie das erste größere Werk von Zunz: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden". Das Werk war sowohl wegen seiner Methode als auch wegen seiner Resultate von epochemachender Bedeutung. Es ist ein Buch, mit unvergleichlicher Gelehrsamkeit und unbestechlicher Wahrheitsliebe geschrieben, das zum ersten Male ein großes Gebiet der jüdischen Litteratur in geschichtlichem Zusammenhänge darstellt und dadurch jüdischen Forschern den Weg gewiesen hat, wie unsere Litteratur zu bearbeiten ist. Das große religionsgeschichtliche Resultat desselben ist, daß die Predigt eine jüdische Institution ist, daß also, wo auf dieser Welt in Kirchen und Moscheen den Gläubigen religiöse Belehrung zutheil wird, dies nach dem Beispiele des Judenthums geschieht. Denn das klassische Alterthum kennt wohl eine politische und forensische Beredsamkeit, aber das Bedürfniß, die Menschen auf Grund der religiösen Urkunden öffentlich über ihre religiösen und sittlichen Aufgaben zu belehren, sie zu ermahnen und zurechtzuweisen, ist nur bei dem Volke vorhanden gewesen, dessen Geistesrichtung in seiner Mitte die Propheten erstehen ließ. Ein zweites Hauptwerk Zunz' führt den Titel: „Zur Geschichte und Litteratur". Der größte Theil des Werkes beschäftigt sich mit mittelalterlichen Schriftstellern Frankreichs und Deutschlands, mit ihrer litterarischen Thätigkeit und Sittenlehre. Sie stehen nicht auf der Höhe, auf welcher ihre Zeitgenossen in muhammedanischen Ländern standen, denn sie hatten von ihrer Umgebung gar nichts zu lernen, so daß sie auf sich selbst und auf ihr angestammtes Schriftthum angewiesen waren. Und doch hat ihre Geistesarbeit Erzeugnisse zu Tage gefördert, die unsere Bewunderung erregen. Das Studium der Bibel und des Talmuds hat eine naive Frömmigkeit, eine Reinheit der Gesinnung erzeugt, die allen Zeiten verkünden wird, daß die ältesten religiösen Urkunden des Judenthums allein genügen, um ein gottergebenes, sittliches Leben zu sichern. Die Auszüge, die Zunz aus den alten Sittenbüchern giebt, haben noch den Vorzug, daß sie uns ein im Wesentlichen von fremden Einflüssen unberührtes Judenthum zeigen. Ebenso wie die „Gottesdienstlichen Vorträge", haben auch andere größere Werke von Zunz die gottesdienstlichen Einrichtungen der Juden zum Gegenstände. Sie sollten ursprünglich der Umgestaltung des Gottesdienstes zur wissenschaftlichen Grundlage dienen. Ueber die leitenden Gesichtspunkte hat sich Zunz selbst in der Vorrede zur Litteraturgeschichte der synagogalen Poesie folgendermaßen ausgesprochen: „Die synagogalen Dichtungen sind die Denkmäler der Vorfahren, und der von ihnen erfüllte Gottesdienst wurde das in tausendjährigen Gefechten emporgehaltene Panier Israels. Aber von den Denkmälern sind die Erbauer nicht zu trennen, die Urheber nicht von den Gesängen und Gebeten. In dem Urheber tritt die Vorzeit persönlich vor uns; das Dichterheer, liebend und blutend,, wird ein mit uns verwandter Theil des Menschengeschlechts, der uns belehrt und erfreut, mit uns lacht und mit uns weint." Wir können hinzufügen, die synagogale Poesie ist die Geschichte der jüdischen religiösen Erfahrung, ein Zeugniß dessen, wie unsere Vor?, fahren die über sie verhängten Leiden ausgenommen haben. Zunz hat für seine Schriften eine große Anzahl von Handschriften durch-, forscht, aber er hielt sein Material nicht für vollständig. Seitdem ist besonders durch aus dem Orient stammende Handschriften das unbearbeitete Material in ungeahntem Maße vermehrt worden. Die Hunderte von Dichtern, die Zunz uns vorgeführt, werden die späteren Bearbeiter dieses Gebietes beträchtlich zu vermehren haben, auch mit solchen, die nicht in hebräischer Sprache gedichtet haben. Während Zunz seine Aufmerksamkeit den unmittelbaren Aeußerungen des religiösen Lebens, den synagogalen Einrichtungen und ihrer geschichtlichen Erkenntniß zugewendet, hat Abraham Geiger die Forschung auf einem Gebiete ganz anderer Beschaffenheit angeregt. Seine Erstlingsschrift behandelte die Preisfrage: „Was hat Muhammed aus dem Judenthum ausgenommen?" Seine Untersuchungen führte:! zum Resultat, daß der Stifter des JslLms Lehren, Sagen und Einrichtungen in gleichem Maße dem Judenthum entlehnt hat, daß seine Religion in erster Reihe unter dem Einfluß des Judenthums entstanden ist, ein Resultat, das man nicht unterschätzen darf. Denn der Islam ist eine große Religion, nicht wegen der Zahl seiner Anhänger, sondern weil er große Gedanken verkündet hat. Als das Hellenenthum untergegangen ist, nicht durch den Islam, sondern durch das Byzantinerthum, hat das Studium der griechischen Litteratur, die ins Arabische übersetzt worden ist, unter den Arabern eifrige Pflege gefunden, so daß die arabischen Aerzte, Mathematiker und Philosophen im 9. und 10. Jahrhundert ihren byzantinischen Zeitgenossen weit überlegen waren. Der Islam hat religiöse Anschauungen, die aus dem Judenthum stammen, nach dem Westen bis zu den Pyrenäen, nach Osten bis zur Grenze Chinas getragen, jüdische Sagen wurden von ihm überallhin verbreitet. Von Wichtigkeit für die Geschichte des Judenthums und für die Religionsgeschichte überhaupt sind die Untersuchungen Geigers über die innere Entwickelung des Judenthums zur Zeit des zweiten Tempels. Diese Untersuchungen förderten Ergebnisse von bleibender Bedeutung zutage, von denen ich einige hervorheben will. Geiger hat die ältesten Berichte unserer Litteratur über den Text der heiligen Schrift untersucht, welche auch von gewissen Aenderungen sprechen, die von den Schriftgelehrten am Texte der Bibel vorgenommen worden sind. Ferner beobachtete er die Abweichungen der alten jüdischen Bibelübersetzungen von dem überlieferten hebräischen Text und fand, daß diese Aenderungen und viele Abweichungen und Umschreibungen die Folge des Fortschrittes im jüdischen religiösen Denken sind. Was Geiger zuerst in Betreff der Bibel nachgewiesen hat, läßt sich auch in den religiösen Urkunden anderer Religionen Nachweisen. Thatsächlich haben die Gesichtspunkte, welche Geiger aufgestellt, auch Jslamforscher angeregt, und sie haben sich auch auf diesem Gebiete als fruchtbar erwiesen. Die Thatsachen, auf welche Geiger zuerst aufmerksam gemacht, sind eben die Folge eines Gesetzes der Religionsentwickelung, auf dessen Erörterung wir nicht weiter eingehen können. Ein noch wichtigeres Ergebniß betraf das Parteiwesen im Judenthum zur Zeit der Entstehung des Christenthums. Die Pharisäer galten auf Grund der Urtheile der Evangelien als eine Partei, deren Wesen Heuchelei und Scheinheiligkeit bildeten. Geiger hat das Wesen dieser Parteien richtig erkannt. Nach ihm sind die Sadducäer, die Partei des Priesteradels, eine weltliche Partei, die sich überdies an den Buchstaben des pentateuchischen Gesetzes hielt, die Partei der Pharisäer war diejenige, welche das Heiligkeitsideal des Judenthums dem ganzen Volke zugänglich machen wollte, welches die Gesetzesgelehrsamkeit höher stellte als alle Vorzüge des Priesteradels, und deren Hauptvertreter nach der Zerstörung des zweiten Tempels und dem Zusammenbruche des jüdischen Staatswesens, das Judenthum vom Untergange gerettet haben. Wohl ist gegen manche Ergebnisse Geigers Einspruch erhoben worden. Trotz gewisser Zugeständnisse möchte man daran