Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-08 · Heft 14 (8.4.1898) · p. Seite 163

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 14 (8.4.1898)
Date
1898-04-08
Page
Seite 163 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228272--54501-3290640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

163 Leistungen hatte er es zu danken, daß er zur Begutachtung neuer Gesetze, u. a. in die Kommission zur Berathung des Entwurfs einer neuen Civilprozeßordnung und in die Kommission zur Berathung des Entwurfs einer deutschen Gemeinschuldordnung (Konkursordnung), berufen wurde, daß er Jahrzehnte hindurch als Schriftführer des Deutschen Juristentages fungiren konnte, daß er zum Mitglied der Prüfungskommission für die erste juristische Prüfung beim Kammergericht erwählt wurde, daß eine große Anzahl deutscher und ausländischer Juristen (von denen als größter deutscher Jurist nur Gneist genannt werden mag) seinem Gutachten ein entscheidendes Gewicht beigelegt haben. Nicht minder aber fand seine praktische Thätigkeit als Rechtsanwalt Anerkennung. Er hatte kaum seine Amtsthätigkeit begonnen, als ihm schon einer der höchstgestellten Beamten des Staates auf direkte Empfehlung des Justizministers Bornemann seine Rechtsangelegenheiten zur Bearbeitung übertrug. Und wenige Jahre vor seinem Dahinscheiden war es der spätere deutsche Reichskanzler, der sich seiner Mitwirkung bei der Erledigung seiner Privatangelegenheiten bediente. Ebenso aber wie die höchstgestellten Persönlichkeiten, so haben unzählige Andere sich vertrauensvoll seiner Hilfe bedient; sie wußten, daß sie in guten Händen waren, und daß eine Sache, die Makower zu führen übernahm, nicht schlecht sein konnte. So wirkte Makower als Jurist, so war er als Rechtsanwalt. Und wie seine Klienten, so haben auch seine Kollegen seiner Thätigkeit die verdiente Anerkennung nicht fehlen lasten. Jahre hindurch war er Mitglied des Vorstandes der Berliner Anwaltskammer, zuletzt ihr stellvertretender Vorsitzender. Gehörte dieser Theil seiner Thätigkeit dem öffentlichen Leben an, so sind seine pädagogische Fähigkeit und seine Leistungen als Erzieher, um mich so auszudrücken, weniger in die größere Oeffentlichkeit gedrungen. Es würde aber ein besonders charakteristischer Zug aus dem Lebensbilde Makowers fehlen, wenn seine Lehrthätigkeit nicht besprochen werden sollte. Sein ganzes Leben hindurch hat Makower nicht nur eine besondere Vorliebe für die Erziehung gehabt, sondern er hat diese Vorliebe auch mit Erfolg bethätigt. Wer seine beiden, anonym erschienenen kleinen Werke: „Zwei Briefe an meine Kinder" und „Des Korbmachers Lebensgeschichte" liest, findet darin gefestigte, pädagogische Grundsätze und die Fähigkeit, sie mit erzieherischem Erfolge zu verwerthen. Auf Pestalozzi gründete sich seine Anschauung vom Unterricht, ihm folgte er, seine Vorschriften brachte er zur steten Anwendung. Zunächst ging allerdings Makower davon aus, daß der Lehrer durch seine eigene Lebensführung lind Lebenshaltung für den Schüler vorbildlich sein müffe. Deshalb ließ er sich niemals, auch nicht im intimsten Kreise, gehen, deshalb verpönte er jede saloppe Haltung und Ausdrucksweise. Gegen sich selbst unerbittlich streng, wollte er lieber zu förmlich als ungenirt erscheinen. Peinlich sauber in seiner äußeren Erscheinung und seinem inneren Wesen hielt er sich, um auch hierdurch auf seine Umgebung, seine Schüler, seine Mitarbeiter zu wirken. Dabei hielt er seinen Sinn stets auf die Zukunft gerichtet. Was er auch vornahm, worin er unterwies und worauf er hinwirkte, stets prüfte er seine Maßnahmen, Vorschläge und Lehren unter dem Hinblick auf die Dauer. So ausgerüstet, war es ihm eine Freude zu unterrichten und zu belehren, mochte er nun wirkliche Schüler vor sich haben oder seine Mitarbeiter und seine Gegner, ohne daß sie es merken sollten, unterweisen. In dem Erziehungshause und dem Mädchenhause zu Pankow konnte er stundenlang vor seinen Schülern und Schülerinnen sitzen, um sie in den ersten Anfangsgründen zu unterweisen. Mit unermüdlicher Geduld, mit Freundlichkeit und Milde brachte er den Kleinen die ersten Kenntniffe bei, und förderte er die. Fortgeschritteneren. Er lehrte die Kinder erst sehen und hören, dann sprechen und denken, und dann erst führte er sie in die Elemente der Wissenschaft ein. Dabei verfehlte er nicht, ihnen eine freiere Auffassung von den Dingen, die sie umgaben, und von den Erscheinungen des täglichen Lebens beizubringen. Und wie auf die Kinder, so suchte er auf die Erwachsenen einzuwirken. Die jungen Juristen, welche das Glück hatten, seiner Ausbildung überwiesen zu werden, wissen alle zu erzählen, mit welch liebevollem Eifer er sich ihrer angenommen, wie sorgfältig und gewissenhaft, wie unermüdlich er bestrebt war, sie in ihren Kenntniffen zu fördern und in ihrer Entwickelung zu vervollkommnen. In gleicher Weise suchte er auf seine Kollegen einzuwirken. Seine Thätigkeit im Vorstand der Anwaltskammer bestand zum guten Theil darin, durch freundliche Fingerzeige diejenigen Herren, über welche begründete Beschwerden eingegangen waren, auf den richtigen Weg zu führen, ihnen zu zeigen, daß und warum der eine oder andere Schritt ein unrichtiger gewesen, sie darauf hinzuführen, daß und wie sie in in Zukunft ihr Verhalten und die Vertretung der Jnteresten ihrer Klientel einzurichten hätten. Nur selten war hierbei das Lehrhafte seiner Unterweisung zu merken; scheinbar wie ein guter Freund, in Wahrheit wie ein wohlmeinender Lehrer wollte er einwirken, und wußte er einzuwirken. Dieser seiner Neigung entsprechend, gehörte er auch der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung seit ihrer Begründung an und bethätigte sich in ihr eifrig durch Wort und Schrift. Deshalb hing er mit ganzem Herzen an der Lehranstalt sür die Wissenschaft des Judenthums, der er durch offenen Rath und durch geheime That sich nützlich zu machen wußte. Deshalb ging sein eifriges Streben dahin, wie für die Ausbildung deutscher Rabbiner, auch eine Schule zur Ausbildung deutscher Kantoren ins Leben zu rufen. Deshalb widmete er einen nicht fleinen Theil seiner Zeit und Aufmerksamkeit den Schulen der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Unerwähnt soll hierbei nicht bleiben, daß Makower die Ausbildung des Geistes von der Ausbildung des Körpers nicht trennen wollte, daß er vielmehr beides als im innigsten Zusammenhang stehend erachtete. Deshalb hat er, der sich freute, daß er seiner Militärpflicht mit Auszeichnung hatte genügen können, mit Eifer dahin gewirkt, daß seine Schüler und Diejenigen, auf welche ihm ein Einfluß vergönnt war, die körperliche Ausbildung unausgesetzt pflegten. Wo er konnte, richtete er Turn- und Exerzierunterricht ein, und es war ihm eine innige Genugthuung, als er berichten durfte, daß er bei einer Revision die Turneinrichtungen der Schulen der jüdische» Gemeinde zu Berlin in ausgezeichnetem Zustand gefunden habe. Bei alledem suchte er bei seinen Schülern den Sinn und die Freude an der Natur zu wecken. Auf kleinen Spaziergängen und größeren Ausflügen suchte er sie der Natur näher zu bringen. Jeder Baum und Strauch, jede Blume und jede Frucht gab ihm Anlaß, die Naturgesetze zu erklären. Er zeigte ihnen, wie cs im Wald und Feld, auf dem Lande und im Wasser lebt und webt, und er ließ seine Schüler gern einen Einblick in den Bau des menschlichen Körpers und die Funktionen des Geistes nehmen. Wo es anging, hat er auch den jungen Lehrern die Möglichkeit eröffnet, auf Sommerreisen und Ausflügen sich an der schönen Natur zu erfreuen. So hat er — trotz aller wissenschaftlichen und neben aller Berufsthätigkeit — stets Zeit gefunden, seiner pädagogischen Neigung gerecht zu werden und sie mit Erfolg zum Nutzen Anderer zu verwerthen; so hat er als Jurist und als Pädagoge gewirkt und Großes geleistet. Mehr aber noch als auf diesen Gebieten war ihn: vergönnt, für seine Glaubensgenossen thätig zu sein. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.