Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1898)
- Date
- 1898-04-08
- Page
- Seite 161 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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161 in Leeds (England) ein jüdischer Schneidergeselle, der vor einigen Jahren als rassischer Exulant, ohne irgend einer Sprache mächtig zu sein, freund- und mittellos daselbst anlangte, und der sich seitdem einen solchen fließenden klassischen Stil in der englischen Sprache angeeignet hat, wie man ihn nur recht selten, selbst bei geborenen, klassisch gebildeten Engländern zu finden pflegt. Beweise davon giebt der fragliche Schneidergeselle, Herr Dy che (Deutsch) mit Namen, in einem Artikel über die Arbeiterfrage in England, der in der laufenden Nummer der in London erscheinenden Monatsschrift ersten Ranges „Contemporary Review" abgedruckt ist. Aber nicht allein der schöne Stil, sondern auch der gediegene Inhalt der besagten Artikels macht auf den Leser deffelben den Eindruck, als habe er die Arbeit eines Mannes vor sich, der tiefe Bildung und reiche Menschen- und Weltkenntniß besitzt, und der daher auch vollständig berechtigt ist, vor die Oeffentlichkeit zu treten, und seine eigenen Ansichten hinsichtlich wichtiger Tagesfragen auszudrücken. Bedenkt man nun, daß Herr Dyche niemals eine reguläre Schulbildung genossen, und daß er sein jetziges respektables Wissen sich nur unter den schwierigsten Verhältnissen aneignen konnte, so muß man ihn als eine seltene Erscheinung erklären, die allgemeine Bewunderung verdient. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier größere Auszüge aus dem fraglichen Artikel bringen, obschon, da der Verfasser daselbst meist pro äomo spricht, seine Ansichten einiges Interesse für die Leser dieser Blätter haben dürften. Ich will hier blos kurz bemerken, daß er darin bemüht ist, nachzuweisen, daß seine jüdischen Landsleute in England, die namentlich die Schneiderkunst betreiben, nicht allein dem Staate keinen Schaden durch den Betrieb ihres Handwerkes verursachen, sondern daß sie ihm vielmehr auch verschiedenartigen Nutzen bringen. Sie haben, meint er, jedenfalls mehr Schönheitssinn als die christlichen Handwerker gleichen Ranges in ihrer Umgebung; sie seien frugaler, friedlicher und mehr loyal gesinnt als diese, und ihr inniges Familienleben könnte so mancher christlichen Familie als Muster zur Nachahmung dienen. — Heinrich Heines hundertjähriger Geburtstag wurde seiner Zeit von verschiedenen englischen Blättern mehr oder weniger ausführlich besprochen, und namentlich war es die Londoner „Cosmopolis", die nicht weniger als vier lange Artikel über Heine abdruckte, nämlich zwei in englischer und je einen in französischer und deutscher Sprache. Einer dieser englischen Artikel hatte den bekannten Autor der „Childreu of the Ghetto“, Mr. Zangwill, zum Verfasser, enthielt jedoch nichts Originelles. — Aus der vor Kurzem in London erschienenen Biographie des vor wenigen Jahren Hingeschiedenen englischen Dichters Lord Tennyson (Poet Laureate) erfahren wir, daß Letzterer das alte Testament im hebräischen Original lesen und übersetzen konnte, und daß die poetischen Stücke deffelben heiligen Buches ihn oft zur dichterischen Thätigkeit inspirirt haben. Aus derselben Biographie entnehmen wir auch die Mittheilung, daß Tennyson zu seinen intimsten Freunden einen anderen unlängst verstorbenen englischen Dichter Namens Palgrave zählte, dessen jüdische Abstammung und ursprünglicher Name, Cohen, ihm recht gut bekannt waren. — Die Bibliothek des hiesigen Montefiore College, dem ich jetzt attachirt bin, enthält nebst verschiedenen anderen werthvollen Werken, die ins Bereich der jüdischen Wissenschaft und Litteratur gehören, auch die interessanten Werke, welche sich einst in der Hallsbibliothek des seligen Leopold Zunz befanden, da dieselben durch Ankauf Eigenthum der Trustees des besagten College geworden sind. Jeder Band dieser in verschiedenen Sprachen abgefaßten Werke enthält das Namensverzeichniß und hier und da auch einige Bemerkungen des Nestors der jüdischen Wissenschaft und Litteratur. Vielleicht habe ich späterhin Gelegenheit, einige dieser Bemerkungen und Notizen, die wohl Interesse haben dürften, in diesen Blättern zil veröffentlichen. — Wie von Heinrich Heine, so wird auch von Disraeli oft gesagt, daß er sich nämlich, trotz seiner Taufe, stets zur jüdischeil Raffe hingezogen fühlte. Dies geht namentlich aus einem jüngst in London erschienenen Buche hervor, worin Mittheilungen über den berühmten englischen Ministerpräsidenten zu finden sind, namentlich über dessen Reisen nach Italien oder vielmehr nach Venedig, der Geburtsstadt einiger Mitglieder seiner Familie. So oft Disraeli nach Venedig kam, soll er das alte Ghetto daselbst besucht haben, wo er stundenlang träumerisch hin- und herging und häufig mit den jüdischen Schönen der Nachbarschaft ernste und heitere Gespräche anknüpfte. „Die jüdische Raffe," heißt es daselbst an einer anderen Stelle, „war für Disraeli ein Thema, wovon er oft mit Begeisterung sprach, und das ihn momentan höchst dichterisch stimmte". — In der Oktobernummer der „Jewish Quarterly Review" bespricht Professor Ludwig Blau in Budapest die in verschiedenen hebräischen Werken alten und neueren Datums sich vorfindende rabbinische Approbation (Haskamah) und meint, daß diese christlichen Ursprungs sei, da Papst Clemens VIII. eine solche im Jahre 1592 zum ersten Male in lateinischer Sprache ertheilt hat. Letztere, im Originale gelesen, klingt wirklich wie eine regelrechte rabbinische HaSkamah, worin das Publikum sogar mit der Bannstrafe (Chereni) bedroht wird, falls es das Eigenthumsrecht des Verfassers oder des Verlegers außer Acht lassen würde. Das Januarheft derselben Revue jedoch enthält eine Notiz von Professor Kaufmann, worin er auf die Bemerkung des seligen Dr. Perles hinweist, der zufolge schon im Jahre 1518, also etwa 74 Jahre vor Clemens VIII., eine jüdische Approbation existirt hat. Diese befindet sich nämlich im „Bachur" des Elia Levita, die vom zeitigen Rabbinerkollegium in Rom im Jahre 1518 zum Schutze des Eigenthumsrechts des Autors und der Verleger — der Gebrüder Jsaac Nomtob und Jacob Levi — ertheilt worden ist. Eine größere und ausführliche Behandlung des fraglichen Themas, das bis jetzt von Seiten jüdischer Gelehrter fast gar nicht berücksichtigt worden ist, dürfte manche wissenschaftlichen Resultate zu Tage fördern. — Im Lager der Londoner Juden Missionäre haben sich jüngst Stimmen gegen die Ausführung der Pläne der modernen Zionisten hören lassen, und zwar wahrscheinlich nicht aus religiösem, sondern vielmehr, wie es scheinen möchte, aus einfachen pekuniären Gründen. Bekanntlich werden jetzt die Judentaufen in England immer seltener und kostspieliger, und die guten Leutchen, die von der Judenbekehrung leben, sehen nicht ohne Schrecken einer Zukunft entgegen, worin sie alle ihre besten Kunden nach und nach verlieren und ihre eigene Existenz bedroht sehen werden. Ist dies nicht eine wahre und offene Ironie des Schicksals? Die folgende wahre Geschichte dürfte dem Leser ein Lächeln abgewinnen. Ein russischer Jude taufte sich unlängst hier zu Lande für Geld und gute Worte und wurde Protestant. Da die Missionäre aber ihn nach der Taufe liegen ließen und sich nicht weiter um ihn kümmerten, so wurde er Katholik und bekam zum Geschenk dafür ein goldenes Kreuz, das er aber des Glückes wegen in einer Kartengesellschaft auf eine Karte setzte und — verlor. Der pechbehaftete Täufling will jetzt wieder Jude werden, und hofft er, auf dem Wege der Schnorrerei sich ein respektables Auskomnien verschaffen zu können.