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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-08 · Heft 14 (8.4.1898) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 14 (8.4.1898)
Date
1898-04-08
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
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-- 159 - Wie unsere Leser bereits aus den Tageszeitungen wissen, hat der Pariser Kassationshof das Urtheil gegen Zola kassirt, ohne die Angelegenheit vor ein neues Schwurgericht zu verweisen. Das bedeutet also die Freisprechung Zolas und die — Verurtheilung des Prozesses gegen ihn, sowie die kommende Revision des Dreyfus- Prozesses, falls nicht das Wuthgeheul der Antisemiten die schwächliche Regierung doch noch zu einer neuen Klage zwingt. Rührend ist es, zu sehen, wie die deutschen Antisemiten mit ihren französischen „Brüdern" jetzt gemeinsame Sache machen. Und doch Haffen diese letzteren die Deutschen noch viel mehr als die Juden. Ja, noch mehr: die Juden in Frankreich haben gerade wegen der Deutschen am Meisten zu leiden. Selbst die gewiß nicht voreingenommene „Kölnische Volkszeitung" bemerkt diese Thatsache, indem sie sich aus Paris Folgendes schreiben läßt: „Als Wirkung und Folge der Dreyfus-Geschichte haben wir die neueste Juden- und Fremden-Hetze. Es ist merkwürdig. Die Juden schmiegen sich hier den nationalen und gesellschaftlichen Verhältnissen aller Stände so sehr an als in irgend einem Lande, halten entschieden zu Frankreich, selbst wenn sie nicht hier geboren sind. Kurz, sie verhalten sich in sozialer Hinsicht so, daß keine gerechtfertigte i Klage gegen sie geltend gemacht werden kann. Und wenn es sich! um nationale, gemeinnützige und wohlthätige Zwecke handelt, lassen sie sich nicht lumpen. Bon dem Sabbath merkt man nichts in Paris, trotz der 45 000 Juden. Das Einzige, wodurch sie sich bemerkbar machen, besteht in ihren kennzeichnenden deutschen Namen — sofern sie dieselben nicht französistrt haben — sowie in der Beibehaltung der Sprache, die sie selbst offen an der Börse gebrauchen. Es ist in der That ein einziger Anblick, wenn hier Juden aus Frankreich, Belgien, Holland, England, Deutschland, Rußland, Oesterreich, Rumänien, der Türkei und selbst aus Palästina und Afrika sich deutsch unterhalten. Nur die portugiesischen und spanischen Juden aus den türkischen Küstenstädten verstehen kein Deutsch. Diese Kenntniß unserer Sprache ist der einzige greifbare Grund, oder vielmehr Borwand, daß die Juden hier als Deutsche verfolgt, als Werkzeuge j Deutschlands angeklagt werden." * | Die zionistische Bewegung hat wieder einen recht unan- > genehmen Erfolg zu verzeichnen. Hebräische Blätter bringen eine! Drahtmeldung aus Jeffa, die folgendermaßen lautet: „In dieser! Woche kam aus Konstantinopel die behördliche Anweisung, das i Verbot der Einwanderung der Juden nach Palästina mit der größten Strenge zu handhaben." An eine Mystifikation, an eine tendenziöse Falschmeldung ist hier nicht zu denken. Die Befürchtung aller ehrlichen Männer, daß die lärmende judenstaatliche Agitation die jahrelangen Bestrebungen zur Kolonisation Palästinas j durch die Juden ernstlich gefährden werde, zeigt sich leider als allzu , begründet und hat wieder eine traurige Bestätigung erfahren.! *! Fast jede neue Regierungsmaßregel in Rußland richtet ihre! Spitze gegen die armen Juden. Selbst, das Alkoholmonopol des j Finanzministers Witte ist ihnen zum Verderben geworden. Es wäre j unmöglich, zu sagen, so wird von objektiver Seite berichtet, wie viele ' Tausende israelitische Familien ihr Brod durch die Einführung des Alkohol-Monopols in den Distrikten des Territoriums verloren haben. Nach einer Abschätzung, die allem Anschein nach übertrieben ist, hätte diese Reform 30000 Israeliten zu Grunde gerichtet! Niemand wird behaupten, daß sie zu dem Zweck, die Juden zu ruinire», eingeführt worden ist, die mit der Einführung des neuen Regimes betraute Behörde bemüht sich aber, die Juden bei Seite zu schieben und auszuschließen, nicht nur bei den zahlreichen Funktionen, die sich an den Alkoholbetrieb knüpfen, sie versagt sogar den Israeliten das Recht, alkoholische Getränke zu verkaufen. So findet man Städte mit 30000 israelitischen Bewohnern, wo man nicht ein einziges jüdisches Restaurant antrifft, das das Recht besäße, Spirituosen zu verkaufen oder auch nur Wein oder Bier. Um Wein und Bier zu trinken, müssen die Kunden in nicht jüdische Restaurationen gehen. Es ist dies ein Mißbrauch, auf den alle Zeitungen Hinweisen, und gegen den sie protestiren. In Kischinef, dessen jüdische Bevölkerung nahezu 75 Prozent der Gesammtbevölkerung ausmacht, also etwa 45000 Seelen, hat ein einziges jüdisches Gasthaus die Berechtigung, Spirituose» zu verkaufen. Hiermit ist deutlich gesagt, in welch übelwollender Art und Weise die Behörden in dieser Beziehung Vorgehen und die Juden schädigen. Die Deputation, die unter Führung von Hirsch Rabbinowitsch in Kowno in Petersburg weilte, ist übrigens vom Minister des Innern empfangen worden, der ihr sehr freundlich entgegen kam. Auf alle Beschwerden über die fast unerträgliche Lage der Juden antwortete der Minister freilich nur, daß die Regierung diese Situation kenne, und daß sie die Schritte erwäge, in welcher Weise eine Besserung zu erreichen sei. Alle geeigneten Schritte sollten geschehen. Nun, wir werden abwarten müssen, ob diese Versprechungen schöne Worte bleiben oder mehr bedeuten. * Die Verfolgungen gegen die Juden in Marokko beginnen schon wieder, und zwar ist es diesmal die judenfeindliche Bewegung in Algier und Tunis, die sich über die Grenzen des scherifitischen Kaiserreiches fortpflauzt. Die Mauren sind rasch bereit, die Juden auszuplündern, und es bedarf dazu nur eines leichten Anstoßes. Niemand, der die Verhältnisse kennt, wird sich daher wundern, jetzt von neuen Judenexzeffen zu hören. Aus Tazza, einer Stadt drei Tagereisen östlich von Fez, kommt die Nachricht, daß die Ghiatti- Mauren in die Stadt eingebrochen sind, mehrere Juden getödtet und verwundet und einige Jüdinnen in die Harems reicher Muselmänner geschleppt haben. Selbstverständlich ist das ganze Judenquartier vollkommen ausgeplündert worden. In ihrer Angst flüchteten viele Israeliten in die Heiligthümer der Muhammedaner, aber die Räuber verfolgten sie auch dorthin. Der Vizekönig von Fez. Muley Arafa, hat zwar eine kleine Truppe von Soldaten nach Tazza geschickt, aber diese vermochte die Ordnung nicht herzustellen. Es heißt, daß der Sultan Muley Abdul Aziz demnächst nach Marrakisch kommen und von dort aus die Seehäfen seines Gebietes besuchen will. Dieser Besuch wird eine Gelegenheit bieten, um für eine Erleichterung des Looses der dortigen Juden vorstellig zu werden. Selbstverwaltung der Synagogen in Elsaß-Lothringen. Von Dr. Heinrich Lewp, Gymnasialoberlehrer in Mülhausen. 0>4n Nr. 13 dieses Blattes hat Herr Regierungsrath a. D. T$ Geige l eine Abänderung der reichsländischen Synagogen- Cj& Verfassung vorgeschlagen, dabei sich aber bedauerlicherweise, und zwar ohne erkennbaren Grund, auf einen einzelnen Punkt beschränkt. Für die Verbefferungsbedürftigkeit unserer Synagogenverfassung auch noch in anderen Punkten darf ich nicht nur auf meinen eigenen Aufsatz in diesen: Blatte 1895 S. 191 f. verweisen, sondern auch aus den Entwurf des Herrn Geigel von 1895. In Betracht kommen ferner die (von anderen, mir unbekannten Seite» stammenden) Artikel.

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