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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-08 · Heft 14 (8.4.1898) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 14 (8.4.1898)
Date
1898-04-08
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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--158 -- Lehrsäle aufsuchen, oder er muß sich an einsames Denken gewöhnen oder über uralte Pergamente sinnen. Gemach, lehrt der Talmud, selbstsolch ein uraltes Pergament, wenn du offene Augen hast, wirst du den Elia sehen mitten unter Händlern und Handwerksleuten; es giebt eine Weisheit, die am goldenen Baume des Lebens wächst, es giebt eine Tugend, die in der geschäftigen Thätigkeit des Marktes am glänzendsten sich bewährt. Und dieser Elia auf dem Markte, diese Gottesweisheit auf der Gasse geht noch weiter: Witz und Humor sind gefährliche Waffen; bei unseren Nachbarn im Westen sagt man: die Lächerlichkeit tödtet, es ist vorgekommen, daß Fürsten von ihrem Throne, Geistliche von ihrem Altar hinweggelacht worden sind. Da haben denn schlaue Leute ein Mittel ausgedacht, um die Waffen des Witzes abzustumpfen; witzige Leute werden als leichtfertig verschrieen, eine Begabung des Geistes wird zlir Schwäche des Charakters umgedeutet. Als könnte nicht Einer auch unter der Miene und Maske des Ernstes frivol sein; wer z. B. auf die Menge wirken will und sonst nichts versteht, der wirkt, wie man sagt, durch wohlfeile Mittel auf die Thränendrüsen und ist ein gemachter Mann; so giebt es zweifellos billige und verächtliche Scherze, die der weise Mann verschmäht. Aber Elia selbst hat, als er gegen die Baalspropheten eiferte, die Waffe des Spottes nicht gering geachtet. Ein alter deutscher Dichter hat an die Spitze seines Werkes den Satz gestellt: „Es hat mir so wollen behagen, mit Lachen die Wahrheit Zusagen", und der deutsche Sänger spricht über das Verhältniß von Scherz und Ernst so schlicht als tief: „Wenn ich den Scherz will ernsthaft nehmen, so soll mich Niemand darum beschämen, und wenn ich den Ernst will scherzhaft treiben, so werde ich immer derselbe bleiben". Wer in diese Welt hineinschaut mit all ihrem Jammer, der wird es von vornherein als eine Befreiung und Erlösung preisen, so einer durch fröhliche Rede, und sei es auch nur für eine kurze Zeit, abruft von trübem Sinnen; wer Liebe im Herzen hegt, der wird heiteren Scherz als Erlöser senden zu Kranken und Trauernden, und sein guter Takt wird ihn schon davor hüten durch Uebertreibung die wunden Seelen zu verletzen. Welch eine versöhnende Kraft liegt in der geistreichen Rede; einem Witzwort am rechten Ort gelingt oft, das starre Eis zu brechen, was noch so gediegenen Betrachtungen nicht gelungen ist; wohl keiner großen Seele hat der Humor gefehlt, der die Krone und die Vollendung der Weisheit ist. Elia trifft zwei Witzbolde auf dem Markte und sagt dem Gelehrten: Sieh, das sind die Männer des ewigen Lebens. Es ist gar nicht zufällig, daß Elia sogleich zwei geistreiche Männer in schönem Bunde getroffen, die so fromm wirken. Denn die Gelehrsamkeit ist einsam, und der Humor ist gesellig; er verbindet leichter die Guten, daß sie vereint zu schönen Zielen streben. So hat Scherz und heiteres Spiel des Geistes stets im Ghetto eine Stätte gefunden, und die klugen Juden machten sich lustig über ihre tölpelhaften Dränger. Jüdischer Witz hat sich einen Platz in der Weltkultur erobert, und der jüdische Geist gilt als beweglich und einer fröhlichen Betrachtung der Dinge zugewendet. Dem Propheten Elia selbst legt der Talmud die Lehre in den Mund, daß Scherz und Witz vortreffliche Schlüffe! sind, um die Pforten des Himmels zu öffnen, daß sie sich recht wohl mit einer durchaus ernsten lind frommen Lebensanschauung vertragen. Und was uns der Talmud lehrt, das bestätigt uns Israels Geschichte auch selbst am Paffahseste, daß der Humor ein Erlöser, ein Tröster ist ein Sieger über den Hochmuth und ein trefflicher Herold der Wahrheit. Die Woche. Berlin, 5. April. lso auf eine halbe Million Stimmen rechnet die antisemitische Partei bei den nächsten Wahlen. So hat Herr Liebermann von Sonnenberg in einer der letzten Reichstagssitzungen feierlich versichert. Bei den letzten Wahlen im Jahre 1893 brachte es die Partei allerdings auf 250 000 Stimmen. Damals waren freilich andere Verhältnisse, die jetzt kaum noch maßgebend sein dürften. Es ist aber jedenfalls intereffant und wichtig, zu wissen, was die Gegner erwarten. Man wird sich darüber keiner Täuschung hingeben dürfen, daß auch selbst der Radauantisemitismus bei den nächsten Wahlen noch auf manchen Erfolg zu rechnen hat. Wer die letzten Reichstagssttzungen aufmerksam verfolgt hat, der wird gewiß mit Interesse beobachtet haben, wie Herr Ahlwardt sein Märchen von den Judenflinten geflissentlich wieder auftischte, und obwohl von Seiten der Regierung nochmals, und zwar sehr entschieden, die Unwahrheit der Ahlwardt'schen Behauptungen ausdrücklich konstatirt wurde, verkündigte dieser mit einer Unverfrorenheit ohne Gleichen unmittelbar vor versammeltem Kriegsvolk, daß er seine Behauptungen nichtsdestoweniger in öffentlicher Versammlung wiederholen werde. Nachdem Eugen Richter seine überaus fragwürdige Taktik kennzeichnete, wiederholte Ahlwardt seine Behauptungen, als ob nichts vorgefallen wäre. Ein solcher Mann muß in Dramburg, Schivelbein und Polzin Erfolg haben. Für uns aber ist es wichtig, diese Dinge im Auge zu behalten. Man darf sich ja keinen Illusionen hingeben, um nicht neue Enttäuschungen zu erleben. Zwei Telegramme, die die politischen Zeitungen in dieser Woche über Prozesse gegen die Juden brachten, haben wohl bei Allen, die sie gelesen, großes Interesse erregt, obwohl die Blätter nur die Urtheile brachten, ohne von den Prozessen selbst etwas zu wissen oder ihren Lesern mitzutheilen. In beiden Prozeffen handelte es sich, kurz gesagt, darum, daß die Juden sich gegen ihre Angreifer gewehrt haben. Daß man bei solcher Gegenwehr die Grenzen des Strafgesetzbuches nicht innehalten kann, ist nur zu begreiflich, aber die Antisemiten sollten sich am wenigsten darüber wundern, daß die Juden schließlich doch etwas von ihnen gelernt haben und sie gelegentlich mit ihren eigenen Waffen, d. h. mit Radau und mit Prügeln, angreifen. Zu billigen ist es natürlich keineswegs, aber begreiflich ist es, wie gesagt, nur allzu sehr in Baden sowohl wie in Rußland, wo sich die beiden Prozesse eben abgespielt haben. $ Von allen Ecken und Enden der „Kulturwelt" kommen in dieser Woche Nachrichten über „Ritualmorde"; dasPeßachfest ist eben im Anzuge, und unsere lieben Feinde wissen, daß diese Zeit die günstigste für ihre nichtswürdigen Verleumdungen ist. Die antiseniitischen Zeitungen wandern dabei dicht am Rande ^des Strafgesetzbuches vorbei. Sie erzählen die Nachrichten von dem Verschwinden christlicher junger Mädchen mit epischer Breite, sie schildern mit großem Behagen die Gerüchte, die sich darüber im Dörfchen verbreiten, aber sie verschweigen wohlweislich, wenn sich das Mädchen nach wenigen Tagen wiederfindet, oder die Spur eines Mordes gewöhnlich auf nichtjüdische Fährte führt. Ihre Spekulation ist dabei eine sehr richtige; denn etwas bleibt nach dem alten lateinischen Sprichwort immer hängen, und die ganze nichtswürdige Fabel hätte sich unmöglich länger halten können ohne die freundliche Nachhilfe perfider Gesellen, die sich von der Unwahrheit dieser Fabel selbst überzeugt haben, die sie aber für ihre Zwecke ununigänglich nothwendig brauchen.

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