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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-08 · Heft 14 (8.4.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 14 (8.4.1898)
Date
1898-04-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Ar. 14. Berlin, 8. April 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. --■—--- Begründet von Diese Zeitung erscheint -wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redactenr: G«st«»> Karpeies. s Verlags-Expedition: löerliir, Jerufalemerstr. 48/49. Nabbiner Dr- Ludwig Philippfon-Sonn Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. 3ttl)aÜ. Leitartikel: Der religiöse Humor. — Die Woche. — Selbstverwaltung der Synagogen in Elsaß-Lothringen. Von Dr. Heinrich Lewh. — Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. — Hermann Makower. I. Von Bernhard Breslauer. — Was ist uns die Wissenschaft des Judentums? (Fortsetzung.) Von Dr. Martin Schreiner. — Von den Quellen der jüdischen Sittenlehre. VI. Von Prof. Dr. M. Lazarus. — Feuilleton: Aus bangen Tagen. (Schluß.) Von Earl Griot. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Ostrowo, Hannover, Celle, Elberfeld, Darmstadt, Mannheim, Men. — Bon Nab und Fern. — Geschäftliche Notizen. — Miseellen. Der religiöse Humor. Berlin, 5. April. s sind nicht Alle frei, die ihre Ketten nicht spüren, wie nicht Alle gesund sind, die sich für gesund halten; oft kündigen mannigfache Anzeichen den Ausbruch einer Krankheit dem Kundigen, während Der, den es am nächsten angeht, mit seiner Kraft prahlt, bis ein starker Stoß unversehens ihn niederwirft. Ist nicht der Hochmuth überhaupt eine Sklavenfessel! Es giebt sogar in der Frömmigkeit einen Hochmuth; es hat Jeniand mit Gebet den Tag begonnen und keine Gelegenheit vorübergehen lasten, um die zahlreichen Ceremonien auszuüben, mit denen die religiöse Satzung das Dasein umsponnen hat; am Abend, wenn er zur Ruhe geht, möchte er womöglich sich selbst küsten und preist den Gott, der einen so trefflichen Kostgänger auf Erden herumwandern läßt; er vergißt, wie viel edlere Formen des Gottesdienstes es giebt, wenn Einer, unbekümmert um das eigene Wohl, von einem Kranken zum andern geht und Dem Heilung und Jenem Linderung bringt und dem Dritten, dem er beides nicht schaffen kann, durch ein freundliches Wort noch das Licht der Hoffnung anfacht, wenn das Licht des Lebens zu Ende geht; er vergißt den Dulder, der unter tausend Qualen weiterarbeitet und von dem Platze nicht weicht, auf den die Pflicht ihn gestellt hat; da müht sich ein gedrückter, armseliger Mann und läßt sich oft Schmach und Kränkung gefallen, nur weil er an Weib und Kind, die Leidenden, die Darbenden denkt; welch ein Heldenthum, welch ein Gottesdienst! Ist der nicht ein Sklave des Hochmuths, der, satt und gesund, seinen an sich keineswegs werthlosen Ceremoniendienst höher stellt als diesen heißen Kampf mit einem eisernen Schicksal? Wie viel Edle giebt es, die von den Menschen gering geachtet sind und von Gott erhoben werden! Der Talmud hat darüber eine interessante Legende: Ein weiser Mann ging einst über den Markt eines Ortes, in dem er fremd war; da begegnete er dem Propheten Elia; der nach der jüdischen Sage nicht gestorben ist, sondern sehr häufig sich zu den Frommen gesellt, um ihnen tiefsinnige Lebensräthsel zu stellen und zu lösen; wie sie nun über den Markt gingen, trafen sie zwei lustige Leute, die geradezu den Eindruck von Possenreißern machten. Zum großen Erstaunen des gelehrten Mannes sagte der Prophet Elia, diese Beiden haben vollen Antheil an der ewigen Seligkeit. Der fromme. Mann eilte nun den Leuten nach und fragte doch noch einmal, um sich zu vergewiffern, nach dem Berufe dieser Männer: „Spaßmacher sind wir, nichts mehr; aber wir sind glücklich, wenn es unseren harmlosen Scherzen gelingt, die Traurigen zu erheitern, die Bekümmerten aus ihren Sorgen zu reißen; wir haben auch nichts dagegen, wenn irgend eine Lebenswahrheit, die, in ernsten Worten vorgetragen, vielleicht unbeachtet bliebe, durch die scherzhafte Form leichter Eingang findet und die Menschen aufklärt; wir sehen Menschen in heftigem Zanke entbrannt, flugs sind wir da, treiben unsere losen Streiche, machen uns lustig über den meist nichtigen Streit und die Zänker schämen sich und versöhnen sich; haben wir doch gelernt, daß Frieden stiften auf Erden erfreut und im Jenseits selig macht, o, wir treiben unseren lustigen Beruf sehr ernst und glauben damit unter Umständen mehr Gott zu dienen als Andere, die mit durchfurchter Stirn und hocherhobenen Augenbrauen nur zornige, strafende Weisheit im Munde führen." Da erkannte der gelehrte Mann, der bisher nur vor der ernst gefalteten Weisheit Respekt gehabt hatte, daß ihn wohl doch der Prophet Elia auf die rechte Fährte geführt habe, als er diese Männer der ewigen Seligkeit würdig genannt hatte^ Wie lehrreich sind die einzelnen Züge dieser Legende! Wie sehr hatte sich Elia der Prophet geändert, seitdem er als ein Sterblicher durch die Erde geschritten war. Damals war er der düstere Eiferer gewesen, der freilich das Beste wollte, aber mit Strenge und Zorn wider die Sünder auffuhr; es liegt eine feine Kritik dieses herben und ernsten Charakters dakin, daß unsere Weisen sagen, Elia habe, als er aus dem Jenseits wiederkehrte, zwei Spaßmacher als würdig des ewigen Lebens gepriesen. Ferner: der Elia, den wir aus der Geschichte kennen, sucht die Einsamkeit; durch sein rauhes Büßergewand unterscheidet er sich von allen Anderen, er war offenbar im Jenseits zu der Einsicht gekommen, daß nicht immer die ernsten Sinnenden die Besten sind, daß auf dem Markt des Lebens in einfachem Kleide oft die Menschen wandeln, welche ein Recht haben auf die Freuden der ewigen Seligkeit. Daß er dort mitten im Lärm des Verkehrs einen jüdischen Gelehrten findet, gereicht dem ganzen Stande wahrlich nicht zur Unehre. Ist das ein seelisch freier Mann, der vom Gelehrtenhochmuth geplagt wird, ist das pathetische Wort jenes Römers: ich Haffe die gemeine Menge und halte sie fern, nicht eigentlich eine Narrheit? Ein Weiser Jn Israel steigt wie jener Grieche hinein in die alltägliche Arbeit schlichter Menschen und er begegnet dort dem Elia. Wer möchte das glauben! Wer den Elia treffen will, wer Weisheit wie aus Himmelshöhen erkunden will, der muß wohl die

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