Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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t 1!l| tl : } '! || i! \\ t 2 Negirung der in den Eidesworten enthaltenen Betheuerungen hinauslaufen. Als solche stelle sich aber das Bedecken des Hauptes in diesem Falle nicht dar. Der Zeuge, ein orthodoxer Jude und Rabbinatskandidat, könne beanspruchen, daß ihm eine Formalität zugestanden werde, welche seine Religion für alle sakramentalen Handlungen vorschreibe. Das Gericht müsse einem frommen Juden ebenso gestatten, bei der Eidesleistung sein Haupt zu bedecken, wie es kein Bedenken tragen dürfte, einem frommen Katholiken bei der Eidesleistung das Niederknieen oder das Auflegen der Hand auf das Eoangelienbuch zu erlauben. In Uebereinstimmung mit diesen Ausführungen hat die 15. Civilkammer dahin entschieden, daß das Bedecken des Hauptes nicht als ein Zusatz anzusehen ist, der mit dem Wesen des Eides nicht vereinbar ist, sondern nur eine nach den Vorschriften der Civilprozeßordnung überflüssige Bestärkung der im Eide enthaltenen Betheuerung darstellt, die dem Zeugen auf sein Verlangen zu gestatten ist. n. Graudenz, 24. März. Durch das nach zweitägiger Krankheit plötzlich erfolgte Ableben des Herrn Stadtraths Joseph Herzfeld in Wiesbaden, woselbst er wegen eines Gichtleidens weilte, hat unsere Stadt und unsere Gemeinde einen sehr herben Verlust erlitten. Als Mitbegründer der im Jahre 1862 hierorts errichteten Eisengießerei und Ofenthürenfabrik, unter der Firma Herzfeld L Bictorius, sah er das Werk nach und nach gedeihlich emporwachsen. Durch sein mildes Wesen und seine anspruchslose Bescheidenheit hatte er sich bald das Ansehen seiner Mitbürger ohne Unterschied der Konfession in hohem Maße erworben. Mehrere Jahre Vorsteher der Gemeinde und des israelitischen Wohlthätigkeitsvereins zeigte er sein echtes jüdisches Herz. Dem Judenthum hing er mit allen Fibern und Fasern seines Lebens an. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger erst zum Stadtverordneten gewählt, bekleidete er das Amt eines Stadtraths und Mitglieds der städtischen Schuldeputation seit 20 Jahren. Tie allgemeine Bestürzung über seinen Tod und die Theilnahme der ganzen Bürgerschaft an seinem Begräbniß zeigte, welche Lücke durch sein Ableben in Gemeinde und Stadt gerissen worden. Am 18. d. Mts. fand hier das Begräbniß bei einer Theilnahme statt, wie sie sich hier wohl selten gezeigt hat. Im Hause dankte Herr Rabbiner Dr. Rosenstein dem edlen Mann für sein Verhalten in Haus, Familie, Gemeinde und Stadt, und auch am Begräbnißplatz schilderte er in warmen Worten das Wirken dieses Trefflichen. Das Andenken des Gerechten bleibe zum Segen. N, Memel, 19. März. Ein schwerer Verlust steht unserer Gemeinde bevor durch den Fortzug des Rabbiners Dr. Rülf. Von den 48 Jahren seiner Thätigkeit als Lehrer und Prediger hat er32 Jahre der Arbeit in unserer Gemeinde und unserer Stadt gewidmet, ja, weit über deren Grenzen hinaus reichte seine Wirksamkeit. Nur ungern sieht ihn daher unsere Gemeinde scheiden. Alle wetteifern, ihm ihre Liebe und Anhänglichkeit zu bekunden. Eine große Zahl Andächtiger hatte sich heute in unserem Gotteshause versammelt, wo ihr Seelsorger zum letzten Male zu ihnen sprechen wollte. Dichtgedrängt stand die Menge, Kopf an Kops. Anknüpfend an das Schriftwort: „Isaak säete in dem Lande, da er wohnte, und der Herr gab ihm in diesem Jahre hundertfältigen Ertrag, so hatte ihn der Herr gesegnet" (Genesis 26, Vers 12), entrollte unser ehrwürdiger Rabbiner ein Bild seiner Thätigkeit hier am Orte, besonders die Schwierigkeiten hervorhebend, die sich ihm bei seiner Wirksamkeit in unserer verhältnißmäßig jungen Gemeinde entgegenstellten, und die ihm so manche schwere Stunde bereitet hatten, daß aber nach all der Mühe, nach allen Sorgen er sich jetzt des Erfolges freuen könne, des Segens, den Gott ihm zutheil werden ließ. Wir versagen es uns heute, auf den Inhalt weiter einzugehen. Der treffliche Mann hat es verdient, daß diese seine Wirksamkeit in unserer Gemeinde, wie fürs Judenthum überhaupt — wohl allen Lesern dieses Blattes ist sein Eintreten für unsere bedrängten russischen Glaubensgenossen im Gedächtniß — ausführlicher gewürdigt wird. Andachtsvoll lauschte Alles den von tiefer Bewegung und Thränen oft unterbrochenen Worten des Scheidenden. Man fühlte, wie schwer es ihm wurde, seine Gemeinde zu verlassen. Er nahm dann Abschied von derselben und allen ihren Angehörigen, von den Bewohnern der Stadt, ihren Behörden und mit dem Gebete für König und Vaterland als letzter Amtshandlung auch Abschied von seinem Amte. Nachdem er seinen Hörern noch den üblichen Priestersegen ertheilt, verließ er die Kanzel, von der aus er so oft zu seiner Gemeinde gesprochen, —An demselben Tage fand in der von ihm begründeten Elementar-(Armen-)Schule, für russische Kinder geschaffen, eine Abschiedsseier statt. Nachdem die Feier durch Gesang (Psalm 92, Vers 13—16) eröffnet war, wies der Lehrer Arndt auf die Wichtigkeit dieser Institution für die armen russischen Glaubensgenossen und das Verdienst des Begründers der Schule hin. Gesang und Deklamation folgten; ein Kind überreichte eine von den Schülerinnen angefertigte Handarbeit, frühere Zöglinge bekundeten ihren Dank durch Ueberreichung einer Adresse. Mit dem Gesänge des 23. Psalm schloß diese Feier. Allen, allen seinen Kindern reichte Herr Dr. Rülf noch einmal die Hand zum Abschied, nachdem er zuvor in kurzen bewegten Worten die Kinder an ihre Lebensaufgabe gemahnt. Noch nie hatte die Schule bei einer Feier einen so stattlichen Kreis von Gästen in ihren Räumen gesehen wie an diesem Tage. Stand sie doch bisher fast als Waisenkind da, dem außer dem Begründerderselben fast Niemand Interesse entgegenbrachte. Wir bemerkten unter den Gästen die Vorsteher und Repräsentanten unserer Gemeinde, Angehörige der Kinder und frühere Zöglinge der Schule, die ihrem Wohlthäter noch einmal die Hand drücken wollten. In der Schule wurde zur dauernden Erinnerung an ihren Begründer dessen Bild aufgehängt, versehen mit der hebräischen Unterschrift des Verses: „Kommt, ihr Kleinen, hört mir zu, die Gottesfurcht werde ich euch lehren". Z. Bielefeld, 25. März. Wie schon wiederholt in diesen Blättern berichtet wurde, hat der letzte Gemeindetag des westfälischen Verbandes den einstimmigen Beschluß gefaßt, in Westfalen ein Asyl für jüdische Kranke und Altersschwache zu errichten. Schon die starke Nachfrage nach dem im Druck erschienenen Vortrag des Herrn Ostwald- Witten über die Nothwendigkeit der Gründung des Asyls — der Vortrag war in kurzer Zeit in zwei Auflagen vergriffen — ließ auf eine günstige Ausnahme des Projektes schließen. Die jetzt erfolgenden Zeichnungen bestätigen diese Annahme. Denn es zeigt sich in der ganzen Provinz eine so freudige Opferwilligkeit, daß an der baldigen Verwirklichung des Gedankens nicht mehr gezweifelt werden kann. Die erheblichen Zeichnungen der Gemeinde Neuenkirchen wurden in diesem Blatte schon rühmend hervorgehoben. Auch in Dortmund ist das vorläufige Ergebniß ein sehr ansehnliches gewesen, da bereits annähernd 14 000 Mark dort gezeichnet sind. In Bielefeld und anderen größeren Gemeinden sind die Zeichnungen noch nicht abgeschlossen. Aber auch kleine Gemeinden haben eine für ihre Verhältnisse große Opferwilligkeit bekundet. Uebrigens sei hier besonders erwähnt, daß die geplante Pensionskasse für die Beamten innerhalb der Synagogen-Gemeinden des Verbandes durch die Errichtung des Asyls nicht beeinträchtigt wird. Sobald das Statut der Kasse der Verbandsleitung von dem Oberprästdenten wieder zugegangen ist, werden die weiteren Schritte in der Angelegenheit gethan werden. — Schließlich dürfte für weitere Kreise noch die Mittheilung von Interesse sein, daß die Bearbeitung des Lesebuches für jüdische Schulen bereits im Manuskripte fertiggestellt und von einer autoritativen Persönlichkeit unserer Provinz sehr günstig beurtheilt worden ist. Das Buch wird im Herbst im Buchhandel erscheinen. Bonn, 24. März. Störung des Gottesdienstes und Beleidigung des Predigers führten gestern den Kaufmann Jakob Wolff aus Euskirchen vor die Schranken der Strafkammer. Wolff, der bereits sechsmal wegen Beleidigung und einmal wegen Urkundenfälschung vorbestraft ist, lebte mit dem Prediger der israelitischen Gemeinde Euskirchens, Dr. Heilberg, auf gespanntem Fuße. Er nahm daher die erste Gelegenheit wahr, um Jenem Unannehmlichkeiten zu sagen. Es war am Neujahrstag, an einem Sonnabend Nachmittag. Kurz vor Beginn des Nachmittagsgottesdienstes ließ er durch den Kirchendiener dem Vorsteher der religiösen Gemeinde, Kaufmann Andreas Wallach, mittheilen, er habe die Berechtigung zum Thoraaufruf eingelöst. Als nun Dr. Heilberg den Segen sprechen wollte, rief dieser, nachdem er schon vorher in unehrerbietiger Weise und mit einem gewissen cynischen Lächeln dem Allerheiligsten den Rücken zugewendet hatte, aus: „Ich verzichte auf Ihren Segensspruch!" Gleichzeitig rief er dem Handelsmann Moses Schweizer zu, dieser solle den Segen über ihn sprechen. Durch diese peinlichen Vorgänge gerieth der Prediger begreiflicherweise in große Aufregung. Er mußte die gottesdienstliche Handlung abbrechen. Auch die Gemeinde war über das Benehmen Wolffs empört. Zu der gestrigen Gerichtsverhandlung war als Sachverständiger der Rabbiner und Prediger Dr. Cohn