Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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zehnte, so könnte in unseren Tagen dem Muthlosen und Kurzsichtigen die Lebensarbeit der Mendelssohn, Rießer und Geiger zwecklos, die Bücher, die sie herausgegeben, als ein Ruf in der Wüste erscheinen. Wir aber wollen tapfer bleiben; auch unser Schiff wird den Hafen erreichen!" Die letzte der Skizzen dieses Buches, die sich auf jüdische Verhältnisse bezieht, führt uns schon aus dem Ghetto heraus. Es ist die Geschichte von den „Lateinischen Mädchen", die sich aus eigener Kraft zu neuem Leben emporringe». Das Buch von Franzos ist ein Stück Kulturgeschichte des östlichen Judenthums. Es ist objektiv gehalten und von einem Realisnius, der kaum wirklich verletzen kann. Ueberall herrscht Wahrheit, Einfachheit und jene Wärme der Theilnahme, die von der gleichgestimmten Empfindung des Erzählers immer auf seinen Gegenstand übergeht. Die Form ist, wie bei allen Erzeugniffen dieses Dichters, eine schöne und geschmackvolle, die Darstellung eine abgerundete, klare und durchsichtige. Wer Unterhaltung sucht, kann sie hier finden, aber auch, wer sich nach Belehrung sehnt, wird durch das Studium dieses Buches belohnt. Darüber hinaus hat es, wie gesagt, eine große kulturgeschichtliche Bedeutung. In dem Kampfe zwischen Licht und Finsterniß, der jetzt auch in Halb-Asien tobt, wird sich nicht leicht Jemand zurechtfinden ohne die Führerschaft dieses Autors. Karl Emil Franzos beherrscht die „große Ebene" mit souveräner Machtvollkommenheit, und er gleicht darin jenem Helden der griechischen Sage, der aus der Berührung mit dem Mutterboden immer neue Kraft schöpft. G. K. EUILLETON Aus bangen Tagen. historische Erzählung aus der römischen Aaiserzeit. Von Carl Griot. X. ^n ihrem prunkvollen, hellerleuchtetcn Gemache saß Domitia, die Kaiserin. Sie war bei der Toilette, und geschäftige Dienerinnen eilten ab und zu, mn, den Befehlen der obersten Kammerfrau gehorchend, noch ein Geschmeide oder irgend ein kostbares Kleidungsstück vor den Augen der Herrin zu entfalten, damit sie daraus dasjenige erwähle, das ihr für den heutigen Abend besonders geeignet erschien. Sie wählte lange, prüfte, hörte auf den Rath der Dienerinnen, erwog und verwarf. Endlich hatte sie sich für das golddurchwirkte, purpurumsäumte Gewand entschieden, das mit seinen malerischen Falten ihre wahrhaft königliche Gestalt so trefflich umrahmte. Dazu wählte sie das Halsband von schimmernden, wachsbleichen Perlen, und im schönen, reichen Haar glitzerte ein strahlendes Diadem von feurigen Rubinen und in sattem Grün erglänzenden Smaragden, das ein Geschenk ihres kaiserlichen Gatten war. Sie wollte schön sein heute, galt es ja, den wüsten Domitian zu bezaubern und ihn durch Zärtlichkeit und geschmeidiges Wesen in Sicherheit zu wiegen, ehe sein Argwohn auch sie traf, wie er bereits auf seiner ganzen Umgebung mit lähmendem Drucke lastete. O, wenn er geahnt hätte, der gewissenlose Domitian, wie sehr berechtigt sein Mißtrauen gerade ihr gegenüber gewesen wäre, er hätte sich wohl gehütet, sie für heute Abend zu Gast zu bitten — viel eher hätte er mit seinen teuflischen Plänen nicht länger gezögert, und die Sonne Roms hätte für sie heute zum letzten Male geleuchtet. Welch ein Glück für sie, daß sie die Absichten ihres Gatten kannte! Und daß diese keine allzu zärtlichen waren, dafür bürgte» ihr sichere Nachrichten. Sie wußte es: der Cäsar hatte beschloffen, sich von dem verhaßten Anblick seiner Gattin zu befreien. Allein die Verbannung unter irgend einem erfundenen Vorwand genügte ihm nicht mehr. Früher oder später konnte sie ja wieder an den Hof zurückkehren, und das mußte vermieden werden. Deshalb trug sich der Cäsar mit anderen grausamen Plänen in Bezug auf ihre Person, und kalter Schauer rüttelte ihre Glieder, wenn sie der Absichten dachte, die Domitian für sie hatte. Noch war sie Domitia, noch gehorchten ihr ihre Diener mit wahrhaft hündischer Treue, noch harrten sie zu jeder Stunde ihres Winkes, wenn es galt, Jemanden zu treffen, und wäre eS selbst de» Cäsar! Und wahrlich, sie wollte nichts schonen. Nichts sollte sie in der Ausführung des geplanten Schrittes hemmen — galt es ja, ein den Göttern und Menschen wohlgefälliges Werk zu vollbringen. Da wird leise und hastig an die Thür geklopft. „Oeffne," gebot die Kaiserin, „ich erkenne Stephanus. Laßt mich allein!" „Erhabene Domitia," kam es athemlos von den Lippen des Eintretenden, „vergieb, wenn ich zu dieser Stunde hier eindringe..." „Was bringst Du?" unterbrach die Kaiserin den heftig Erregten. „Ganz Rom ist in fieberhafter Erregung. Du weißt, göttliche Domitia, daß heute im Senat über ein wichtiges Gesetz verhandelt wurde..." „Die Vertilgung eines ganzen Volkes, ich weiß — nun ..." „Nun ja, das Gesetz wurde auch, wie zu erwarten war, angenommen, aber dann ereignete sich Schreckliches: Einer der anwesenden Senatoren wurde plötzlich von einem unerwarteten Tode ereilt . . ." „Unerwartet, das pflegt wohl in Rom nicht allzu häufig der Fall zu sein — zumeist hat man früher sichere Kunde über sein bevorstehendes Ende, der Beschluß ist nach dem alten Gesetze dadurch ungiltig geworden —" setzte die Kaiserin mit heiterer Miene hinzu — „aber wie heißt der Senator?" fügte sie gleichgiltig hinzu. „Der Vetter Domitians, FlaviuS Clemens!" „Clemens!" rief erbebend die Kaiserin, „Domitians Nachfolger auf dem Thron der Welt! — Er war nicht siech! Ein plötzlicher Tod, sagst Du?" Und durch seinen Tod ist der Senatsbeschluß zunichte geworden, der ein ganzes Volk ausrotten sollte? O! ich erkenne das Walten der Gottheit! O edler, nnn zu den, Göttern versammelter Flavius, wie beschämst Du uns durch Deine That! Doch, bei der ewigen Göttin gelobe ich es: Dein Opfer soll nicht vergebens sein! Auch ich, Domitia, will Dir gleich sein, auch ich will durch eine kühne That jenes Ungeheuer an ferneren Missethaten hindern. Die Götter verleihen mir den Sieg! Sie verharrte einige Augenblicke hindurch in trübem Sinnen, dann rief sie Stephanus ganz nahe an sich heran, und in hastig hingeworsener, leidenschaftlich geflüsterter Rede sprach sie zu ihm, in deffen Zügen es aufleuchtete, wie von innerem Triumphe. Lange, lange flüsterten sie, die erlauchte Kaiserin und der seiner Herrin in unerschütterlicher Treue ergebene Freigelaffene, dann erhob sich Domitia. In ihren Augen blitzte der Triumph, und in ihrem Antlitz glänzte die Röthe fieberhafter Spannung. Noch einen Blick warf sie nach dem Bilde hin, das ihr der blank polirte Spiegel strahlend entgegenwarf, dann schritt sie hocherhobenen Hauptes in die Gemächer des Cäsars. *