Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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\ I! I - 154 - Aus der großen Mene. as Karl Emil Franzos unter der großen Ebene versteht, ist ziemlich bekannt. Es ist die Gegend jenseits der schlesischen Grenze und jenseits der Karpathen, die slavischrumänische Osthälfte unseres Welttheils, jene Länder, in welchen sich europäische Bildung und astatische Barbarei, europäisches Vorwärtsstreben und asiatische Intoleranz, europäische Humanität und wilder nationaler Glaubenshaß seltsam begegnen. Dieses Halbasien kennt Franzos wie wenig Andere, und er hat es auch treuer und wahrer als irgend ein Anderer bisher geschildert. Aus diesem Grunde findet jede Publikation dieses Schriftstellers, die uns neue Kulturbilder aus jenen Ländern bringt, so viele Leser: dankbare und undankbare, solche, die mit der Tendenz des Verfasiers einverstanden sind, nnd solche, die sie häufig bekämpfen; aber beide müsse» gleichwohl zugestehen, daß Franzos ein glänzender Schilderer, ein ausgezeichneter Erzähler ist. Das Buch: „Aus der großen Ebene"/) bildet den fünften Band der Schilderungen von Land und Leuten des östlichen Europa, die Franzos unter dem von ihm sehr glücklich erfundenen Titel: „Halb- Asien" herausgegebcn hat. Die erste Auflage ist 1887 erschienen. Innerhalb dieser zehn Jahre hat sich manches verändert, und so hat Franzos sehr richtig gehandelt, als er die nothwendig gewordene zweite Auflage wesentlich umgearbeitet hat, die deshalb auch eine besondere Besprechung verdient. Es ist natürlich, daß uns dabei hier nur die jüdischen Verhältnisie jener Länder interessiren. Wie früher schon, so erklärt der Autor auch diesmal ausdrücklich: „Ich trete für die Juden ein, weil sie geknechtet sind, aber ich greife die Knechtschaft an, welche die orthodoxen Juden selbst den Freisinnigen ihres Glaubens bereiten." Viel Erfreuliches hat Franzos nicht zu melden. Nirgends ist ein Fortschritt zum Besiern zu verzeichnen, ja, in Galizien hat sich der Rasien- und Glaubenshaß noch bedeutend vermehrt. Die Polonisirung der Juden in Galizien erscheint ihm nicht als ein Vortheil, da der Jude sich dort früher der deutschen Kultur innig angeschlossen hat. Gleichwohl sieht er mit Kennerblick ruhig und zuversichtlich der Lösung der Judenfrage entgegen. Sein Bekenntniß nach dieser Richtung ist sehr intereflant: „Mag der Antisemitismus noch so wüst emporflackern, im Westen wird er die vollständige Assimilation der Juden nicht mehr zu hindern vermögen. Die Zeit, wo man nicht mehr von deutschen, englischen oder französischen Juden, sondern von jüdischen Deutschen, Engländern und Franzosen sprechen wird, wie man von katholischen und evangelischen Deutschen spricht, und genau nur in demselben Sinn wie von diesen, wird kommen, und gleich unerschütterlich ist meine Ueberzeugung, daß auch im Osten aus dem nationalen Juden dereinst ein gleichberechtigter und treuer Sohn jenes Volkes werden wird, unter dem er lebt und dem er sich anschlicßt. Daß Hindernisse sich diesem Endziel entgegenthürmen, verkenne ich nicht; es wird Jahrhunderte währen, bis es erreicht ist. Aber erreicht wird es werden, denn die Judenfrage ist lediglich eine Kultnrfrage; sie hört auf, eine Frage zu sein, sobald die Kultur zu vollem Siege gelangt ist. Jedes Land hat die Juden,' die es verdient. So lange der Jude wie ein Paria behandelt wird, müssen in seinem Wesen einige Züge hervortreten, wie sie eine unterdrückte und mißhandelte Raste im Kampf ums Dasein entwickelt. Aus den Juden gute und nützliche Staatsbürger zu machen, ist nicht blos ein Gebot der Menschlichkeit oder der Gerechtigkeit, sondern auch weit ') Karl Emil Franzos: Aus der großen Ebene. Neue Kulturbilder aus Halb-Asien. 2. ganz umgearbeitete Auflage. 2 Bde. Berlin 1897. Concordia, Deutsche Verlagsanstalt. mehr ein Gebot der Staatsklugheit; menschlich gerecht, staatsklug können Barbaren oder Halbbarbaren nicht handeln, aber auch im anderen Sinne muß jenes Wort als ein Mahnwort gelten; der Jude ist bildungsfähig und kann bis zu einem gewiffen Grade aus eigener Kraft sortschreiten; die rechte Kraft und der rechte Fortschritt kommen ihm nur aus der Kultur der Völker, unter denen er lebt. Die Zustände des östlichen Judenthums lasten sich nur leicht begreifen und gerecht beurtheilen, wenn man sie im Zusammenhang mit der gesammten Kulturentwickelung Halb-Asiens betrachtet." Mit diesem Programm kann sicherlich jeder Freund des Fortschritts einverstanden sein, auch selbst, wenn er nicht zugeben möchte, daß man nur von katholischen Deutschen spricht, sondern im Gegentheil einwenden wird, daß der Sprachgebrauch viel eher von deutschen Katholiken redet und ebenso gut nach wie vor sich an die deutschen Juden halten kann. Von den einzelnen Aussätzen des Buches hat fast Jeder irgend eine Beziehung zu jüdischen Verhältniffen. Die Mehrheit derselben beschäftigt sich fast ausschließlich mit diesen. Die Geschichte von dem „Bart des Abraham Weinkäfer" ist eine Tragikomödie aus dem südrussischen Gouvernement, die im Jahre 1871 spielte, die aber trotz ihrer Unwahrscheinlichkeit noch heute ebenso gut möglich ist wie damals. Ganz reizend ist die Geschichte von dem „Galilei von Barnow", Josef Singmirwas, der wegen seiner astronomischen Ketzerei in den Bann gethan wird. Ein trauriges Nachtbild aus dem Leben der Juden in Galizien ist die Geschichte des „Fehlermachers", der die Befreiung der stellungspflichtigen jungen Leute vom Militär zu seiner Lebensaufgabe macht. Es ist ein Trost, freilich ein leidiger Trost, daß er Christen wie Juden zu seinen Klienten hat; die Juden bezahlen es nur bester, sonst ist kein Unterschied dabei. „Jüdische Krampfadern 10 Gulden, christliche 5; christliche Säbelbeine 10 Gulden, jüdische 20; der christliche Staar 100 Gulden, der jüdische bis zu 300 Gulden . . . man hilft sich durch, wie man kann." Am Schluß erfahren wir, daß es auch christliche Fehlermacher giebt. Wenn man solche Zustände beklagen muß, so wird man Mehr den Staat und die Behörden verurtheilen, die das Pflichtgefühl ihrer Bürger so wenig emporzuheben vermochten, daß ihnen die Pflicht des Dienstes schrecklicher erscheint als die Kunst des Fehlermachers. In das liebe Rumänien führt uns die Geschichte vom Zündhölzchen, die Erzählung von dem Lebensschicksal eines jungen Mannes, der nicht anders von den Chassidim loskommen konnte, als indem er am Sabbath vor der Synagoge ein Zündhölzchen anzündete. Nun muß er die Heimath verlasten, und er geht nach Wien, um dort zu studiren. Das war im März 1865; im März 1879 wird er als außerordentlicher Professor an eine Schweizer Universität berufen. „Nathan der Blaubart" führt uns in das traurigste Milieu chassidischer Verirrungen, aber die folgende Erzählung, „Im Cheder", erklärt uns diese und alle anderen verwandten Erzählungen. Auch die „Wunderkinder des Ghetto" sind ein recht trauriges Kapitel, das aber Franzos in sehr zutreffender Weise erklärt. Nach diesen Schilderungen wird uns die gewiß übergroße Zahl von Wunderkindern im östlichen Ghetto nicht. mehr befremden, sondern als das gelten, was sie in der That ist: als eine durchaus natürliche Folge der gesammten Lebensverhältnisse dieses Volkes. Die „Namensstudien" sind bereits einmal erwähnt und die komischsten dieser Namen ausgezogen worden. Von besonderm Jntereste ist das Kapitel über Abraham Geiger, das in der neuen Auflage wesentlich verbeffert nnd erweitert wurde. Die Charakteristik, die Franzos von Geiger entwirft, ist geistvoll und wahr. Wir stimmen ihm freudig zu, wenn er am Schluß dieser Charakteristik ausruft: „Wenn jemals im Laufe der letzten Jahr-