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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-01 · Heft 13 (1.4.1898) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 13 (1.4.1898)
Date
1898-04-01
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 seine Schüler nur auf das Studium der Bibel und der hebräischen Sprache belebend eingewirkt und die Juden der europäischen Kultur näher gebracht. Die vier Jührzehnte nach dem Tode Mendelssohns gehören zu den gefahrvollsten in der jüdischen Geschichte. Es waren Zeiten, ähnlich denjenigen, welche unsere Altvorderen zur Zeit der hellenistischen Kultur und vor dem Auftreten des Gaons Saadja erlebt haben, oder noch gefährlicher als diese. Es war eine Zeit der mangelnden Selbsterkenntniß und demzufolge der Unselbständigkeit des Geistes. Die letzte Phase der Wissenschaft, von deren Bedeutung ich zu sprechen habe, ist ein Schmerzenskind des Judenthums. Unter den furchtbaren Wehen, welche dem Eintreten des Judenthums in die westliche Kultur folgten, ist sie erstanden. Diese Verschmelzung hat viele und schmerzliche Opfer gekostet, Opfer an Persönlichkeiten, die in ihrer Verwirrung abgefallen sind, Opfer an Gedanken und tiefsinnigen Einrichtungen, für welche das historische Verständniß fehlte. Wenn wir uns dies vergegenwärtigen, werden wir ermessen die Kraft, welche dazu gehörte, an der Zukunft des Judenthums nicht zu verzweifeln und seineni Inhalte gerecht zu werden. Das thaten Diejenigen, welche die Wissenschaft des Judenthums der Gegenwart geschaffen haben. Während diese Wissenschaft in den ältesten Zeiten in der Kenntniß der religiösen Urkunden und ihrer traditionellen Erklärung bestand, wozu später die logische Bearbeitung des Lehrinhaltes derselben kam, während sie bei den Kabbalisten die Kenntniß der Geheimnisse der Religion und des inneren Sinnes der religiösen Urkunden war, ist sie in unserem Jahrhundert zur wissenschaftlichen, geschichtlichen Erkenntniß des Judenthums und aller seiner Erscheinungsformen, also zu einer Wissenschaft im modernen Sinne des Wortes geworden. (Fortsetzung folgt.) Uon den Onellen der jüdischen Kittenlehre. Bon Prof. Dr. M. Lazarus. V. 8 36. Nicht minder gestalten sich zu einer Quelle ethischer Gedankenschöpfung und weitreichender Belehrung die Einrichtungen (Institutionen) der Gemeinde und anderer Genossenschaften mit ihren Satzungen und Ordnungen; diese mochten schriftlich oder mündlich überliefert sein; denn je weniger geschrieben wurde, desto treuer war das Gedächtniß (wie auch Plato im Phädrus bezeugt). — Die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts zeichnet sich bei allen europäischen Kulturvölkern durch ein blühendes und vielseitiges Vereinsleben aus: sittliche Zwecke, die sich der Fürsorge des Staates noch entziehen und vormals vernachlässigt oder unzulänglich gepflegt waren, finden nunmehr energische Förderung durch die freigebildeten, von der sittlichen Aufgabe ergriffenen Gesellschaften. Vielleicht besser als aus den zeitgenössischen Lehrbüchern der Sittenlehre kann man daraus den Höhegrad und den Gebietsumfang der ethischen Triebkraft unserer Zeit ermessen. Aber lange bevor es seine Pflege bei den europäischen Gesellschaften gesunden, war ein vielseitiges Vereinsleben im Kreise der jüdischen Gemeinden entwickelt. Das kultivirte Europa lernt das Institut der „Volksküche" um die Mitte des 19. Jahrhunderts kennen; im Talmud aber finden sich bereits genaue Vorschriften über Rechte und Pflichten der Doppeleinrichtung der Tamchuj und Kuppah, in deren einer den Armen täglich gekochte Speisen dargeboten werden, während die andere (offenbar für die Verschämten) unbereitete Nahrungsmittel einmal wöchentlich gewährt (Pea 8, 7 und sonst). Die heiligen Bruderschaften, die Vereine der Armenunterstützung, der Wanken- Pflege, der Armenbekleidung, der Brautausstattung u. s. w. haben in keiner auch nur mittelgroßen jüdischen Gemeinde gefehlt; vor und nach allem aber haben die Genossenschaften für Talmud Thora für die Erhaltung der edelsten Erbgüter, für die Kontinuität des geistigen Lebens dergestalt gesorgt, daß auch unter den drückendsten Verhältnissen ein jüdischer Analphabet zu den größten Seltenheiten gehörte. s 37. Die Ethik ist keine empirische Wissenschaft; nicht wie gehandelt wurde und wird, sondern wie gehandelt werden soll, hat sie zu lehren; wenn es aber, wie hier, auf eine historische Darstellung dessen ankommt, was für ein Volk, eine Schule u. s. w. der Inhalt der Ethik gewesen, dann handelt es sich um jegliche Art der historischen Erfahrung auf ihrem Gebiete. Auch bloße reale Thatsachen können zur klaren Quelle der Belehrung werden; ich will dafür wiederum nur ein Beispiel anführen : Seit etwa 150 Jahren besteht innerhalb der jüdischen Gemeinde in Berlin ein Verein: „kckiseoan abelim" Stütze der Leidtragenden; sein Zweck ist: bedürftige Familien, die durch den Tod eines ihrer Mitglieder — insbesondere auch, weil sie sich religionsgesetzlich in den Trauertagen jeder Arbeit enthalten — in Noth gerathen würden, zu unterstützen. Um das Ehrgefühl des Empfängers zu schonen, ist folgende Einrichtung getroffen. Der Vorstand des Vereins sendet in jedes Trauerhaus, gleichviel ob arm oder reich, zwei verschlossene Büchsen; in die eine Büchse Nr. 1 wird eine Summe gelegt, die dem Bedürftigen eventuell dargeboten werden soll; zu dieser Büchse erhält jeder Empfänger (unter Siegel) einen Schlüssel, und er wird in einem Begleitschreiben ersucht, jedenfalls diese Büchse zu öffnen und zu entleeren. Je nach seiner Bedürftigkeit kann er nun den ganzen Inhalt der Büchse oder einen Theil derselben für sich behalten; — bedarf er aber der Unterstützung nicht, so ist er gebeten, den Betrag in die Büchse Nr. 2 zu werfen. Ebenso werden Wohlhabende ersucht, den Inhalt dieser Büchse aus ihren eigenen Mitteln zu k vermehren, um den Zweck des Vereins damit erfüllen zu können. Diese Büchse Nr. 2 bleibt längere Zeit während ihrer Wanderung durch mancherlei Familien uneröffnet, so daß Niemand, nicht einmal der Vorstand des Vereins, wissen kann, wer gegeben, wer genommen hat. Wenn man von den Sitten und den Sittenlehren einer Genossenschaft aus fernem Lande oder einer entlegenen Zeit gar keine weitere Kunde hätte, wenn man von ihren Gebräuchen, Gedanken und Gesinnungen keinerlei Zeugnisse besäße als den Bericht über den Bestand, die Einrichtung und Verwaltung und den Erfolg dieses Büchsenpaares, so würde man daraus allein schon mit aller Bestimmtheit die ethischen Lehren entnehmen: die Idee des Wohlwollens soll Dich leiten; in der Unterstützung des Bedürftigen, als Wohlthätigkeit soll sie ihren Ausdruck finden; hochherzig aber sollst Du die Wohlthat dadurch ausüben, daß Du nicht wissest, wer ihr Empfänger ist; — jeder pathologische Beigeschmack, jede Erweichung Deines Gemüths durch den Anblick des Leidenden soll fern bleiben, nur der Adel und die Würde des idealen Gesetzes soll Dir vorschweben. Doch auch mit Zartsinn soll die That dadurch ausgeübt werden, daß auch der Empfänger nicht weiß, wer der Geber sei; jede Möglichkeit einer Beschämung oder Herabsetzung, die der Gönner — auch unwillkürlich — anrichtet und der Empfänger empfindet, soll ausgeschlossen sein. Zwar schon bei jeder Unterstützung durch Vermittelung eines Vereinsvorstandes oder Pflegers kennen Geber und- Nehmer einander nicht; wenn aber der Pfleger doch die Rolle des Gebers spielt, sind Gefahren der Begünstigung, Zurück-

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