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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-01 · Heft 13 (1.4.1898) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 13 (1.4.1898)
Date
1898-04-01
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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/ - 151 — der religiösen Erkenntniß gebracht worden. Ich will nur ein Beispiel hervorheben. Es wird häufig, besonders von Naturforschern, wenn sie auf die Religion zu sprechen kommen, behauptet, daß in allen bisherigen Systemen der religiösen Weltanschauung als wichtigster Grundgedanke der Anthropomorphismus zu erkennen sei, d. h. die „Vermenschlichung Gottes"; der Mensch selbst, als ein gottähnliches Wesen, nimmt eine besondere Stellung in der Welt ein und ist durch eine tiefe Kluft von der übrigen Natur getrennt. Meistens verknüpft sich damit die anthropocentrische Idee, d. h. die Ueberzeugung, daß der Mensch der Mittelpunkt des Weltalls, der letzte und höchste Endzweck der Schöpfung, und die übrige Natur nur dazu erschaffen sei, um dem Menschen zu dienen. Daß den Menschen, trotz der mit anderen lebenden Wesen gemeinsamen Eigenschaften, von diesen eine tiefe Kluft trennt, daran werden wir wohl festhalten müffen. Mit den übrigen Bemerkungen hat man aber Thüren eingerannt, welche im Judenthlim schon vor sieben Jahrhunderten weit geöffnet worden sind. Denn die jüdischen Philosophen haben nicht nur den Anthropomorphisnius aus dem Judenthum gründlich ausgeschieden, sondern Maimonides kommt nach einer eingehenderen Untersuchung zum Ergebniffe, daß der Mensch unmöglich der Endzweck des Weltalls sein kann, und daß dieser uns vollständig unerkennbar sei. Es wird auch häufig auf die kulturhistorische Bedeutung der Anschauungen Galileis und Copernicus' hingewiesen, durch welche die mythischen Vorstellungen von Himmel und Hölle aufgelöst worden sind. Das. Judenthum ist aber ohne Galilei und Copernicus mit diesen mythischen Vorstellungen fertig geworden. Die meisten Denker der Synagoge im Mittelalter haben seit dem 12. Jahrhundert das zukünftige Leben als die Vereinigung des menschlichen Intellekts mit Gott aufgefaßt. Während noch diejenigen Männer, welche einander ablösend, den Lehrinhalt und die Einrichtungen des Judenthums mit Hilfe der Philosophie ihrer Zeit zu begründen bestrebt waren, das Werk des Maimonides ausbauten und seine Lehre verbreiteten, ist eine neue Richtung im Judenthum entstanden, die mit immer größerer Anmaßlichkeit auftrat, bis es ihr gelungen ist, jede geistige Arbeit, die auf logischer Grundlage sich bewegte, zu verdrängen. Das war die Richtung des Mystizismus, die im Judenthum den Namen Kabbala, d. h. Ueberlieferung, führte. Die Geschichte der Mystik im Judenthum beginnt mit einem litterarischen Betrug, und ihre Vorherrschaft schließt mit massenhaften Uebertritten zum Christenthnni und zum Islam. Im dreizehnten Jahrhundert gab es einzelne Schriftsteller in Spanien, die aus Uebersetzungen Schriften kennen gelernt haben, die dem Aristoteles zugeschrieben worden, die aber in Wahrheit Lehren aus der Zeit des Niederganges der griechischen Philosophie enthalten haben. Auch die Anschauungen muhammedanischer Mystiker werden ihnen bekannt gewesen sein. Wie wohl that es ihnen, in religiösen Dingen sich von der lästigen Kontrole der Gesetze des menschlichen Denkens zu befreien und die Träume der sogenannten Neuplatoniker und muhammedanischen Mystiker von der Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott weiterzuspinnen, sich durch religiöse Hebungen in ekstatische Zustände zu versetzen, wodurch ihnen alle Geheimnisse dieser und jener Welt offenbar wurden. So entstand die Kabbala, die „wahre Weisheit" nach der Ansicht ihrer Anhänger, die Kenntniß der „Geheimnisse der oberen und unteren Welt". Die Kabbala hat eine umfangreiche Litteratur, in welcher mancher werthvolle Gedanke, viel religiöse Erfahrung niedergelegtI ist. Sie hat Jahrhunderte hindurch viele religiös gestimmte Gemüther erwärmt, aber sie hat auch entsetzliches Unheil gestiftet. Ohne Zweifel war diese Afterwiffenschaft von verderblichem Einfluß auf das Judenthum, besonders in den vierhundert Jahren vor Mendelssohn. Sie mußte in diesem Zusammenhänge erwähnt werden, weil sie mit dem Anspruch auftrat» die höchste Erkenntniß im Judenthlim darbieten zu können, welcher gegenüber der einfache Sinn der Bibel und des Talmud werthlos, die Lehre der Philosophen aber die reine Ketzerei ist. „Wehe Denen, so heißt es im Hauptwerke der Kabbala, im Zohar, die da sagen, daß die Thora gewöhnliche Erzählungen enthält. Wenn das richtig wäre, könnten wir heute noch schönere Erzählungen erdichten. . . Vielmehr haben alle Worte der Thora einen erhabenen Sinn, und sie enthalten erhabene Geheimnisse. Wenn die Engel herunterkommen auf die Erde, nehmen sie die Gestalt von Menschen an. Wenn sie das nicht thäten, könnten sie sich in dieser Welt nicht anfhalten, und die Erde könnte sie nicht ertragen. Wenn das sich in Betreff der Engel also verhält, um wie viel eher bei der Thora, mittelst welcher die Engel und alle Welten geschaffen worden sind, und wegen welcher allein sie erhalten werden. Wenn die göttliche Wahrheit selber zu uns käme,. ohne sich in diese Gewandung zu hüllen, könnte die Welt sie nicht ertragen. Deshalb sind die Erzählungen der Thora nur als ihre Hülle zu betrachten. Wer aber die Hülle für die Thora selber hält, der hat keinen Antheil am zukünftigen Leben, darum betete der König David: „Oeffne meine Augen, damit ich die Wunder Deiner Lehre erkenne", worunter er den verborgenen Inhalt der Thora meinte." Weiter wird dann ausgeführt, daß der verborgene Sinn sich, zum offenbaren so verhält wie die Seele zum Körper, und der Zohar schließt mit dem Ausruf: „Wehe den Sündern, die da behaupten, daß die Thora nur gewöhnliche Erzählungen enthält, sie sehen nur die Hülle, nicht aber das Wesen!" Einen Kern von Wahrheit können wir diesen Bemerkungen des Zohar nicht absprechen. Thatsächlich sind die meisten biblischen Erzählungen unter dem Einfluß der prophetischen Ideen entstanden oder bearbeitet worden. Sie sind die historisch entstandene Gewandung der großen Gedanken der Propheten. Die Anschauung, daß die Welt wegen der Gotteslehre geschaffen wurde, stammt aus sehr alter Zeit, und es kommt darin das Gefühl dessen zum Ausdruck, daß die sittliche Weltordnung etwas Höheres ist als die natürliche Ordnung der Dinge; die Quelle der sittlichen Ordnung war aber für sie ausschließlich die Thora. Was für Geheimnisse hat aber die Kabbala in der Thora gesucht? Ihre eigenen Hirngespinnste, entstanden aus einer Verquickung neuplatonischer Lehren, muhanimedanischer Mystik mit Anschauungen der alten Gesetzeslehrer des Judenthums. Durch ihren Einfluß und durch den Ausschluß aus der Kultur sind ketzerische Bestrebungen entstanden, .welche die Grundlehren des Judenthums zerstört und das Verständniß seiner Quellen verhindert haben. Es giebt keinen betrübenderen Anblick in der jüdischen Geschichte als den, welchen das Judenthum im 18. Jahrhundert bietet. Was ist da aus dem Judenthum der Propheten, der alten Gesetzeslehrer des tannaitischen Zeitalters, des Maimonides geworden! Den gesunden Kern des Judenthums haben nur die nüchternen Talmudgelehrten bewahrt, von denen die energischste Reaktion gegen die Mißbräuche und Verirrungen der Kabbala ausgegangen ist. So stand es, als Mendelssohn aufgetreten ist. Von ihm selbst ist zwar keine Umwandlung in der Wiffenschaft des Judenthums ausgegangen, aber sie ist von ihm vorbereitet worden. Daß eine Persönlichkeit wie Mendelssohn im Judenthum des 18. Jahrhunderts möglich war, haben wir den Schriften des Maimonides zu verdanken. Nur das Beispiel des Maimonides in der Freiheit und Kühnheit ■ des Denkens und in der treuen Erfüllung des Gesetzes konnte eine Persönlichkeit wie Mendelssohn erzeugen und ihr das Einwirken auf seine Zeitgenossen ermöglichen. Vorerst hatten er und

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