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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-01 · Heft 13 (1.4.1898) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 13 (1.4.1898)
Date
1898-04-01
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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Elcasar, läßt den Werth einer Idee dem des Heiligthums gleichen; es ist also nöthig, daß man sie behüte vor jeder Profanirung durch Anwendung nicht entsprechender Mittel! Der große Prophet, deffen Lippen von einem Seraph mitdem vom Altar Gottes entnommenen Feuer berührt worden sind und Zions Restitution so oft mit der Gluth heiliger Beredsamkeit verkünden, spricht schon: „Umsonst seiv ihr verkauft worden, und ohne Geld werdet ihr erlöst werden". Es kann daher nicht schnödes Gold der Kaufpreis für Zion sein; „durch Recht wird es erlöst werden und Die, welche zu ihm zurückkehren, durch Gerechtigkeit". Ja wohl: Wenn Recht und Gerechtigkeit, diese Götterfunken, die Herzen der Menschen entzündet und Regierungen und Regierte von ihnen ergriffen sein werden, dann wird die Erlösung „Zions eingetreten sein, und zögert sie lange, harre ihrer; sie wird kommen, sie bleibt nicht aus". Die sich wiederholenden zionistischen Bewegungen find Symptome dafür, und die der Gegenwart ist auch ein solches, aber nicht mehr. Unversehens, so meint der Talmud, wird der Erlöser kommen, und jede darauf bezugnehmende Zeitbestimmung oder Konjunktur auf Grund von Bibelstellen ist, wie Maimonides sich äußert, unstatthaft. Mas ist uns die Wissenschaft des Iudenthums? Von Dr. Martin Schreiner. Sm Weisheitsbuche des Josua den Sira findet sich eine Stelle, welche schon vielfach die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, und die folgendermaßen lautet: „Dies alles gilt vom Bundesbuche des höchsten Gottes, von der Lehre, die er dem Moses geboten, als Erbtheil der Gemeinde Jakobs. Aus welchem Weisheit geflossen ist wie die Gewässer des Pison zur Zeit der Ueberschwemmnng, und wie der Tigris zur Zeit des Lenzes. Aus welchem Einsicht geflossen ist, wie die Wasser des Euphrats, und wie der Jordan zur Zeit der Ernte. Ans welchem das Licht der Lehre ausgeströmt ist, wie der Fluß Gihon zur Zeit der Weinlese. Es hat noch keinen Menschen gegeben, der es ausgelernt hätte, und es wird keinen geben, der es ganz ergründen könnte. Denn weiter als das Meer sind seine Gedanken und seine Lehre tiefer als der große Abgrund." Diese Stelle ist ein klassischer Ausdruck dessen, was man im nachexilischen Judenthum vom Pentateuch dachte. Das Buch der Thora, das Resultat der ganzen religiösen und sittlichen Entwickelung des Volkes Israel und Juda zur Zeit des erstell Tempels und im babylonischen Exil, hat von jeher einen tiefen Eindruck auf die Frommen des jüdischen Volkes gemacht. Und so finden wir, daß die Gesetzeslehrer des Judenthums bis zum Anfang des sechsten Jahrhunderts in den überschwenglichsten Ausdrücken das Buch preisen. „Seine Lehre ist wie der Regen, der Leben spendet, Diejenigen, von denen sie verkündet wird, sind mehr als die Sonne, denn die Sonne leuchtet nur in dieser Welt, die Gotteslehre aber in dieser und in der zukünftigen Welt. Die Thora ist das Licht Gottes in der Hand des Menschen, die Seele ist das Licht des Menschen in der Hand Gottes, darum spricht Gott zu dem Menschen: Wenn du mein Licht bewahren wirst, so werde ich dein Licht bewahren." Sie ist das kostbare Werkzeug, mit denr Gott die Welt geschaffen hat. sie ist das Lebenselement des jüdischen Volkes, ohne das es dem sicheren Untergange entgegeneilen würde. Das Reich Gottes erstreckt sich, so weit man die Gebote der Thora erfüllt. Ich habe diese Anschauungen angeführt, weil sie uns in die älteste Zeit des Wiffens vom Judenthum zurückführen, in welcher dieses in der Kenntniß der religiösen Urkunden besteht, und in der man ihm einen unendlichen Werth beilegt. Sie zeigen uns den Ursprung der sittlichen Kraft, durch welche die Wiffenschaft des Judenthums in unserem Jahrhundert geschaffen worden, die Wurzel, durch welche sie genährt und am Leben erhalten wird. — Das Wiffen vom Judenthum hat, seitdem die Gesetzeslehrer diese Ansichten ausgesprochen, außerordentliche Veränderungen durchgemacht, aus welchen das Wesen der Wissenschaft des Judenthums und ihre Bedeutung am sichersten zu erkennen ist, weshalb wir auf diese Veränderungen einen Blick werfen wollen. Die erste große Veränderung hat im 10. Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung Saadja ben Josef al-Fajjmnl vollzogen. Dieser lebte in einer tiefbewegten Zeit. Im großen Reiche, welches die Nachfolger Muhammeds an der Stelle des alten Assyriens und Babyloniens -errichtet, kämpften Weltanschauungen arischen und semitischen Ursprungs mit einander. Die Ansichten der griechischen Philosophen waren Juden und Muhammedanern hier ebenso bekannt wie die Lehren der heidnischen Perser und Inder. Es war eine Zeit, in welcher Sekten mit den abenteuerlichsten Anschauungen wie Pilze aus dem Boden emporschoffen. Der Islam wie das Judenthum hatten einen schweren Kampf zu bestehen, welcher im Islam mit dem Siege der Orthodoxie und des Fatalismus, im Judenthum mit dem religionsphilosophischen Werke des Saadja endigte, das wie eine erlösende That gewirkt hat. „Es giebt vier Quellen der Erkenntniß: die sinnliche Wahrnehmung, die Vernunft, die Schrift und die Tradition", mit diesem Satze des Saadja ist ein neues Prinzip in die Geschichte des Judenthums eingetreten fl. Zur Kenntniß der religiösen Urkunden, der Bibel und des Talmuds trat ein neues Element hinzu: die logische Bearbeitung ihres Lehrinhalts. Und Saadja that dies nicht etwa in der Weise, daß er der Vernunft eine untergeordnete Stelle angewiesen hätte, er meinte, vor der Vernunfterkenntniß habe der einfache Wortsinn der Schrift zurückzutreten. Das verkündete ein Mann, an den aus der ganzen Judenheit religionsgesetzliche Fragen gerichtet worden sind, viele Jahrhunderte vor Luther, der noch das Zeugniß der Vernunft in Glaubenssachen mit einem drastischen Worte zurückgewiesen hat. Diesem Anfänge entsprach die großartige Entwickelung des jüdischen religiösen Denkens der folgenden sechs Jahrhunderte. Bei aller Mannigfaltigkeit der Anschauungen stimmen mit wenigen Ausnahmen Alle in der Anerkennung des Rechtes der Vernunft überein, deren Licht für sie ebenso göttlich war wie die Offenbarung. So ist es gekommen, daß es keinen religiösen Gedanken in den früheren religiösen Urkunden giebt, der durch sie nicht geläutert und auf eine höhere Stufe fl Wir sehen hier von den hellenistischen Autoren ab.

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