Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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- 146 —— Solch einen Jüngling und solch einen jugendlichen Greis feiern wir nun am Paffah: Israel, das aus Aegypten ziehende, ist der Jüngling; Israel, das allerorten freudig strebt, deffen Söhne voranstehen im Kampfe für die höchsten Güter, das eifrig sich müht, die Fesieln der Unfreiheit zu sprengen, mit den Kronen der Freiheit sich zu schmücken, das gegenwärtige Israel ist der Greis in Jugendfrische; ja. er sprengt die Fessel und gewinnt die Krone. Giebt es eine entwürdigendere Fessel als die Unwissenheit? Giebt es einen edleren Schmuck als das Wissen, und hat Israel es vergessen, daß die „Thora das Licht" ist, das Licht der Erkenntniß? wie streift es vorsichtig die Bande des Aberglaubens ab und schreibt wieder auf sein Banner: die Thora ist das Licht; stolz trat es vor die Könige und die Völker und verlangte keine Gnade, sondern forderte sein Recht, seine Freiheit, die dem Menschen nothwendig ist wie das Licht, und weil es sich selbst herauszuheben trachtet aus der Schmach, verdient es frei zu sein. Nicht unsere Väter allein Hat er erlöst, auch uns hat er mit erlöst, sprechen wir am Pasiah: und vier Becher trinken wir, sie gelten der alten, sie gelten der neuen Erlösung; vierfach war die Befreiung, mit welcher Gott Israel begnadete; ein Volk, das unter einem fremden Joche seufzt, kann dies Joch abschütteln; aber es braucht darum nicht frei zu werden; irgend ein unternehmender Mann in seiner Mitte hat es gegen den fremden Dränger geführt, jedoch »u», da dieser Fremde weichen mußte, wird der Befreier der Tyrann, und das Volk hat nur den Herrn getauscht; das ist ein Vorgang, der in der Geschichte-'sich oft wiederholt hat; und selbst wenn es diesem Geschicke entginge, zur Freiheit gehört mehr als keinen Herrn haben, es gehört dazu eine Erhebung des Geistes, daß mit der Knechtschaft auch der Knechtsinn schwinde; ein Zufall kann die Sklavenketten zerreißen, aber kein Zufall kann den Sklavensinn bannen, dazu ist nothwendig, daß das Volk die Befreiung mitempfinde, daß es die Freiheit ehre wie ein hohes, herrliches, heiliges Gut, daß nicht nur der äußere Zustand, sondern auch das Volksgemüth sich wandle, und als Letztes und Höchstes kommt hinzu, daß mir Diejenigen frei sind, welche Gott dienen, welche der Majestät des ewig waltenden Sittengesetzes sich beugen, welche sich selbst beschränken aus Ehrfurcht vor dem Gesetz, vor Gott, vor der Gerechtigkeit. Diese vier Stufen der Freiheit nun deutet die Schrift an mit den Worten Gottes: „ich habe sie hinausgefllhrt. ich habe sie gerettet, ich habe sie erlöst, ich habe sie mir geeignet". Israel zog aus Aegypten, aber Moseh führte sie hinaus, kein Ehrgeiziger, der aus niederer Absicht dem Pharao entgegengetreten war, sondern ein Weiser, der sein Volk liebte in unbegrenzter Hingebung; und sie gewannen allmählig das Bewußtsein freier Männer, denn da Moseh sein Lied begann, stimmte das ganze Volk begeistert ein, und auch die Frauen jubelten ob der gelösten Bande; und sodann bekannten sie sich freudig zu dem Gesetze des Sinai, sie bekannten, daß, nur wer Gott unterthan ist, die Freiheit habe. Darum, wie vieles auch den damaligen Israeliten fehlte, wie oft ihnen auch später die Güter verloren gingen, welche sie damals erworben haben, darum erfrischt uns die Erinnerung an dieses jugendliche Volk; in die Wüste zog es, es hatte kein Heim, mit dem Schwerte mußte es sich den Weg bahnen; sein Ruhm mehrte nur die Zahl seiner Feinde; dennoch singt es mit dem Muthe der Jugend Hymnen, und vier Becher trinken wir auf dieses frühlingsfrohe Volk, das uns mahnt, wie wunderbar Gott führen kann aus der Enge und der Nacht zum Lichte und zur Freiheit — und das neue Israel, der Greis unter den Nationen und dennoch frisch und regsam, auch dieses hat die vier Stufen der Freiheit erklommen. Israel seufzte im Ghetto; der Boden, auf dem sie geboren waren, sie sollten an ihni keinen Antheil nehmen, sie hatten nirgend eine Heimath; da gab ihnen Gott eine Heimath, indem sie den anderen Bewohnern gleichgestellt wurden; aber diese Bewohner selbst waren Knechte, sie gehorchten der Willkür eines Einzelnen, sie mußten sich fügen der Laune der Despoten; da zur selben Zeit, als Israel gleiches Recht gewann, ging auch die Sonne der Freiheit auf den Völkern unseres Erdtheils, und es wurde eine Freude, Bürger zu sein, weil die Nationen heraustraten aus dem entwürdigenden Zustande willenloser Heerden, und Israel arbeitete auch selbst an seiner Befreiung, es nmchte sich der Ehre und des Rechtes werth, indem es alle Bildung der Zeit mit Eifer in sich aufnahm, indem es von dem Streben durchdrungen war, dem Lande zu nützen, in welchem es weilte. Dieser dreifachen Form der Erlösung gelten drei Becher; aber die Berechtigung des vierten könnte wohl angezweifelt werden. Hat sich das neue Israel seinem Gotte zu eigen gegeben und sich nicht vielmehr von ihm gewendet? Und dennoch, wer hofft wohl, daß der Frühling kommt ohne Sturm, daß eine so entscheidende Wandlung in einem Volke sich vollziehen kann, ohne daß hier und da ein Bruch entsteht mit deni alten Herkommen, ohne daß ein Stoß und eine Erschütterung durch alle Zweige des Volkslebens sich fortpflanzt? Es ist eine ungeheuere Umwälzung; noch ist sie nicht am Ziel, aber schon heute darf man sagen, sie hat Kern und Wesen im Judenthum nicht berührt, sondern diesen Kern den Völkern der Erde nur deutlicher erkennen lasten. Wie viel hat auch die Religion Israels gewonnen in diesen Zeiten, während in den vorangegangenen Jahrhunderten das Geistesleben des Judenthums einer lärmenden Mühle vergleichbar war; nur Mehl gab es nicht. Ein außerordentlicher Aufwand an Geist und ein verschwindender Ertrag an Erkenntniß. Einstmals hatte die jüdische Wiffenschaft viele Jünger, aber sie selbst war arm; jetzt hat sie für den Augenblick an Jüngern verloren, aber sie ist reicher geworden. Wie Thau zur Frühlingszeit fiel die Bildung der Zeit auf die Gefilde der jüdischen Wistenschaft, und siehe da, diese Felder, deren Triebkraft erschöpft schien, haben in kurzer Frist mit neuer Pflanzung sich geschmückt: ja. das neue Israel vergißt es nicht, daß es Gottes ist. Die vier Becher, sie gelten auch dem jugendlichen Greise, als den unser Volk sich heute darstellt. Wie der Anblick des kühn strebenden Jünglings, wie des Frühlings neue Blüthe Heiterkeit und Hoffnungsmuth über die Seele breitet, so ist auch die Betrachtung einer wunderbaren geschichtlichen Erscheinung, einer unverwüstlichen Volkskraft wohl geeignet, den Glauben und das Vertrauen zu wecken an eine höhere Leitung, die uns mitten durch Drang und Noth zum Heile führet. Und diese Kunde bringe das Pastah Jedem, der im Drucke lebt; auch wir Juden der Gegenwart dürfen am Pastah das Glück fühlen, erlöst zu sein und zu Gott zu gehören. Die Woche. Berlin, 30. März. ine Statistik der preußischen Volksschulen, die eben erschienen, bringt für uns seltsame Resultate, die zum Nachdenken herausfordern. Denn die Zahl der jüdischen Schulkinder hat in den Volksschulen von 35420 i. I. 1886 auf 3O 386 i. I. 1891 und auf 27 015 i. I. 1896 abgenommen. Während also im Jahre 1886 noch über 35 000 israelitische Kinder die öffentlichen Volksschulen besuchten, waren es im Jahre 1896 nur noch ca. 27 000. Aber auch die Zahl der jüdischen Volksschulen hat sich vermindert. Sie stellte sich 1886 auf 318, 1891 auf 244 und 1896 auf