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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-01 · Heft 13 (1.4.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 13 (1.4.1898)
Date
1898-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 13. Allgemeine Berlin. 1. April 1898 eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M.! Redacteur: Gustav Karpeles.! Begründet von Nabblner Ur Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Erpedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition find an die Adreffe: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin! SV?., Jerusalemer Strafie 48/49 zu richten. I Verlag vo« Rudolf Masse. Berlt«. I Insiltit. Leitartikel: Passah. — Die Woche. — Selbstverwaltung der Synagogen in Elsaß-Lothringen. Von F. Geigel. — Der Zionismus der Gegenwart. Von EmanuelBauingarten. — Was ist uns die Wissenschaft des Judenthums? Von Dr. Martin Schreiner. — Von den Quellen der jüdischen Sittenlehre. V. Von Pros. Dr. M. Lazarus. — Aus der großen Ebene. — gfcttitictott: Aus bangen Tagen. Von Carl Griot. (Fortsetzung.) — Sprechsaal. De« Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Graudenz, Memel, Bielefeld, Bonn, Leipzig, Braunschweig, München, Wien, New-York. — Bon Ratz und Mer«. Berlin, 31. März. in tiefsinniger deutscher Dichter hat das Gleichniß: wie der Baum im Frühling, wenn ihn die Blüthe schmückt, seinen Zweig zur Höhe richtet, int Herbste aber, wenn die Frucht gereift ist, Ast und Wipfel sich zur Erde beugt, so schreitet auch der Mensch in jenem glückseligen Lebensalter des Werdens, der Entfaltung hochaufgerichtet daher, aber später, wenn er geworden ist, wenn er erreicht und geleistet hat, dann ist es die Frucht selbst, die ihn zu Boden drückt. Der Jüngling tritt in den Frühling seines Lebens; er hat keinen Schutz gegen den Frost, der seiner Blüthe droht, er weiß nicht dem Regenschauer zu wehren, der so oft sie welken läßt mitten in dem frohen Entfalten, er kann den Wurm nicht bannen, der in das Blüthenherz sich schleichen und an seinem Marke zehren möchte; wie will er vor dem Sturm sich retten, der vielleicht unversehens heraufzieht und mit jäher Gewalt die Knospe niederreißt! Aber der jugendfrohe Mensch schreitet einher, als sei seine Blüthe gefeit gegen den Frost und den Regen, gegen den Wurm, gegen das Wetter, ihn beseligt das Hochgefühl des Werdens, und ganz eingenommen von diesem Glück, stets zu wachsen und aufzustreben, denkt er gering von den Gefahren, von denen die Knospe noch heftiger bedroht wird als die reifende Frucht. Darum erweckt auch der Anblick der lebensfrischen Jugend Freuden wie der Frühling selbst. Ein Wagniß scheint es vom zarten Grashalm, hinauszutreten aus der mütterlichen Erde erwärmendem Schooß in diese rauhe Welt; dennoch treten die Halme hervor, sie hoffen, daß die Sonne sie erwärmen, aber nicht verzehren werde, daß der Regen sie tränken aber nicht vernichten werde, daß der Sturm sie nicht entwurzeln, sondern einrammen werde, daß der Mensch selbst sie nicht zertreten, sondern pflegen werde, und erwarten Heil und Gedeihen; so tritt der Knabe hinaus aus der Heimath hütender Zucht und hofft von der Gefahr, und unbekümmert steigt er zu den steilen Höhen des Daseins, und ein Weile vergißt dann wohl auch bei diesem Anblick der Aeltere und vom Schicksal Zerrissene, wie bang und schwer das Leben sei, wie viele seiner Blätter ausgefüllt seien von der Enttäuschung,, dem Verzicht, der Entsagung, dem Schmerz; und hätte er selbst einen Tag erlebt, einen grausen Tag, da all sein Glück zusammensank, ihn erneut diese Zuversicht der Jugend, und das eigene Herz, und stünde es auch entblättert im Sommer oder gar im Herbst, es verspürt in sich die Triebkraft zu neuem Schaffen. Es ist eine oft vernommene Rede, daß das Ringen, die Räthsel von Welt und Seele zu lösen, unfruchtbar sei. weil auch Der. der der Wahrheit sein Leben gewidmet, nicht ihre volle Gunst erworben hat; aber welchen Genuß bietet schon der Versuch des Erkennens, das Nachdenken über die Probleme, welcher Genuß ist es, das Edle lind Herrliche zu verehren! So hat am Ende die Jugend Recht mit ihrem Hoffen, ihrer Begeisterung, Recht wie der Frühling selbst, und die Alten sollten von ihr lernen, sorglos ins Leben schauen, sorglos aber nicht achtlos; wohl gleicht unser Dasein einer offenen Stadt, die keine Schutzwehr hat, und viele Feindesschaaren schwärmen in ihrer Nähe; als ein Wunder haben es die Forscher hingestellt, daß ein so verwickelter Organismus wie der menschliche so lange dauert, so vieles erträgt; indeß dies Wunder geschieht, und die Erfahrung lehrt, daß die Furcht vor der Gefahr das größte aller Uebel sei, darum ist es vernünftig, nicht, wie es so Viele thun, nach der Sorge auszuspäen, sondern abzuwarten, bis sie an lins herankommt; denn auch sie wird oft auf halbem Wege müde und bleibt liegen und verschont uns. Aber wenn nun das Werden und Entfalten so beseligt, was hindert denn den Menschen, dieses Glück wenigstens für das Geistesleben sich anzueignen und so einen dauernden Frühling in sein Dasein zu pflanzen? Was dem Antlitz der Gegenwart nicht selten einen so müden Ausdruck gewährt, das ist, daß so Viele in frühem Lebensalter fertig und abgeschloflen dastehen, als könne ihnen nichts Neues mehr entgegentreten, als gebe es für sie keine Räthsel, als seien Herz und Welt nicht unendlich. Was ist es doch für ein Segen, wenn wir die frische Empfänglichkeit für das Gute und Schöne uns bewahren, wenn wir lernen bis zu unserer letzten Stunde; nur der Thor ist fertig, der Weise wird es nie; nur wer sich weiter bildet, ist gebildet; aber wer in seiner Jugend, dem Zwange folgend, einige Kenntnisse sich erworben hat, jedoch diesen Schatz nicht mehrt und Pflegt, der hat in der Schule das Wichtigste nicht erworben: nämlich die Lust und' Liebe zum Wiffen. Auf jedem Gebiete des Genießens ist es die Empfänglichkeit, auf jedem Gebiete des Schaffens die Strebsamkeit, welche uns vor dem Alter, vor der Ermüdung schützt. Es giebt keine heilsamere Fertigkeit als die, sich stets als einen Unfertigen zu wissen, und wenn schon der Jüngling durch sein frohes Hoffen uns selbst fröhlich stimmt, so thut dies noch mehr der Greis, der den Jugendsinn sich bewahrt hat, der, die Natur überwindend, die Pflanze übertreffend, Herbst und Frühling vereint uns darstellt.

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