Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-25 · Heft 12 (25.3.1898) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 12 (25.3.1898)
Date
1898-03-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228270--54475-3290612
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ausgebracht, galt den beiden seit der Begründung des Vereins ununterbrochen an dessen Spitze stehenden Männern, dem Stifter Rabbiner Dr. Rahmer und dem Vorfitzenden, Oberstabsarzt a. D. Dr. Rosenthal; Herr Stadtverordneter G. Friedeberg forderte zu einer Ehrung des Vorstandes Und der Repräsentanten der israelitischen Gemeinde auf, die fich durch den wohlgelungenen Um- und Neubau des Tempels ein großes Verdienst erwarben; weiter folgten Toaste auf das gesamrnte Kuratorium der wohlthätigen Stiftung (durch Herrn Rechtsanwalt Lichtwitz), auf die Damen (durch Herrn A. Jacoby) und auf das Festkomitee. Zwischen den einzelnen Toasten wurden durch den Synagogen-Gesangverein stimmungsvolle Lieder vorgetragen, und kurz vor Aufhebung der Tafel, die ein Tischgebet schloß, gaben ein wiederum von Fräulein Beer gesprochenes Gedicht und einige zündende Worte des Herrn Dr. Wiesenthal die Anregung zu einer sofort vorgenommenen Sammlung zum Besten der Wittwen und Waisen, die einen unerwartet reichen Ertrag lieferte. Nach der Tafel erwartete die Anwesenden ein neuer, finniger Genuß. Bon einer Anzahl junger Damen und Herren der Gemeinde wurden auf einer Bühne einige kunstfertig gestellte lebende Bilder vorgeführt, die getreu nach den berühmten Gemälden Oppenheims Darstellungen aus dem jüdischen Familienleben brachten. Zu jedem der vier Bilder, nämlich: Freitag Abend oder die Sabbath-Einweihung, Sabbath-Ende, Osterfest und Purim, war ein erläuternder poetischer Text gedichtet, den eine junge Dame (Fräulein Anna Meyer) vor Erscheinen des Bildes ausdrucksvoll vortrug. Bei Vorführung der lebenden Bilder selbst ertönten Klänge eines Pianos, und in den Zwischenpausen zwischen den Bildern gab abwechselnd ein geschätzter Dilettant auf der Trompete und der Synagogen-Gesangverein einige schöne Liedervorträge zum Besten. Das Wohlthätigkeitsfest nahm einen alle Theilnehmer in hohem Grade befriedigenden Verlauf und erreichte erst spät nach Mitternacht seinen Abschluß. Während der Tafel war eine Festschrift vertheilt worden, die eine lehrreiche Uebersicht über Zweck und Ziel, über die Entstehung und das 25jährige segensreiche Wirken des Vereins enthält. Das Vermögen des Vereins, welcher jetzt 242 Mitglieder zählt, ist von kleinen Anfängen auf ca. 70 000 Mark gestiegen. t: München, 19. März. Der Rath vom Landgericht München I Adolf Epstein ist zum Rath am Oberlandesgericht München ernannt worden. Der erste Jude, der in Bayern das Amt eines Berufsrichters erlangte, ist der jetzige Oberlandesgerichtsrath Max Berlin in Nürnberg, der zweite ist Adolf Epstein, 1876 zum Stadtgerichtsassessor in München links der Isar und 1886 zum Landgerichtsrath ernannt, ebenso wie Berlin ein Abkomme alter Rabbinerfamilien; Epsteins Urgroßvater Feiß (seine Nachkommen nennen fich Feust) faß bis 1802 auf dem Rabbinerstuhle zu Bamberg, sein Großvater war Rabbiner in Altenschönbach. Oesterreich - Angarn. □ Wien, 21. März. Dieser Tage hatte sich der Abgeordnete Schneider wegen zweier Ehrenbeleidigungen, die gegen ihn angestrengt wurden, vor Gericht zu verantworten. Die erste Klage geht von einem Gesinnungsgenossen des famosen Mechanikers aus, die zweite betraf den Fall des Dr. Adler, der 8ub auspiciis imperatoris promovirt wurde, und den Schneider im deutschen Volksblatt beschimpfte. Schneider wurde anfänglich zu einer Gefängnißstrafe verurtheilt, nun wurde die Arreststrafe auf seine Berufung in eine Geldbuße umgeändert; als Kuriosum verdient die Zeugenaussage der Buchhändlersgattin Bertha Ännd erwähnt zu werden, die die beleidigenden Aeußerungen des Angeklagten in der christlichen Frauenversammlung, der sie anwohnte, nicht gehört haben will, die jedoch eine darauf bezügliche Frage des Vorsitzenden, daß sie fich erst später taufen ließ, in riesige Verwirrung brachte. — In Wieliezka erneuerten sich die bedauerlichen Exzesse in besorgnißerregender Weise, speziell dadurch, daß die von der Umgegend, Lednica, Mietnow, Przebiecan, Pawlikowice re., zur Kirche gekommene Bevölkerung beim Nachhausegehen mit wildem Geschrei die Straßen durchzog und weitere Bombardements an jüdischen Häusern mit klirrendem Erfolg vollführte. Das Aufgebot der Sicherheitswache und der Gendarmerie erwies sich als unzureichend. Abgesehen davon, daß dem wüsten Treiben kein Einhalt geboten werden konnte, da sich der Mob in die vom Centrum der Stadt entfernten Straßen begab, gelang es den Sicherheitsorganen nur in drei oder vier Fällen, Verhaftungen vorzunehmen. Kein Jude wagte die Straße zu betreten. Gegen Abend sprach wieder eine Deputation beim Bezirkshauptmann vor, und dieser begab sich mit dem Bürgermeister Koch sofort auf die Straßen und ordnete das strengste Vorgehen gegen die Tumultuanten an. Eine gestern vom Bürgermeister erlassene und affichirte Proklamation, in welcher die Bürgerschaft aufgefordert wurde, für die Ruhe der Stadt einzutreten, wurde bei Nacht theilweise heruntergerissen und mit Zetteln überklebt, von welcher, mehrere einen für den Bürgermeister beschimpfenden Inhalt hatten. Wegen der Donnerstag beginnenden Assentirungen, welche großen Zuzug der Landbevölkerung im Gefolge haben, herrscht unter den Juden wieder große Beforgniß. — In Czernowitz hat Frau Josephine Wagner, die Wittwe des ehemaligen Reichsraths - Abgeordneten Heinrich Wagner, für den Fonds zur Erbauung eines Waisenhauses in Czernowitz, anläßlich des bevorstehenden fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläums des Kaisers, 10 000 Kronen gespendet, und zwar, wie es in ihrem bezüglichen, an den Obmann des betreffenden Finanzkomitees, den Bankdirektor Herrn Ferdinand Mayer, gerichteten Begleitschreiben heißt, ganz in dem von ihrem verewigten Gatten Heinrich Wagner in seinem Wirken jederzeit bethätigten Sinn und nach seinen Intentionen. — Unter den vom Handelsminister ernannten Kommerzialräthen befinden sich die Herren: Eduard Doetor, Moriz Engel von Janosi, David Fanto, Siegmund Neustadtl, Leopold Pollak, Leopold Saborsky, Johann Schulhof, Leopold Simon, Emil Sänger, Victor Stern, Philipp Stiedry, Ludwig Stroß und Hans Waldek. — In der abgelaufenen Woche hat hier ein Fräulein Josephine Kamerling mit glänzendem Erfolge die Gymnastallehrerprüfung bestanden. Der Umstand, daß die erste österreichische Gymnastallehrerin eine Jüdin ist, giebt den antisemitischen Blättchen wieder Gelegenheit, ihrem Grimme die Zügel schießen zu lassen und die Begabung — nein, die Vordringlichkeit der Juden zu betonen. — Den hiesigen katholischen Vereinen geht es gut, jede Woche beinahe meldet die Lokalnotiz von einem oder auch mehreren durch - gebrannten Vorstehern und Kassirern; so hat sich der Vorsteher der Friseurgenoffenschaft in Baden, Hanns Spindelbauer, selbst dem Gerichte gestellt, weil er die ihm anvertrauten Gelder auf dem Turf verspielte; außerdem hat das Wiener Landesgericht gegen den 52jährigen Johann Gratzer, zu Kunowitz in Mähren geboren, einen Steckbrief erlassen, weil er dringend verdächtig erscheint, an dem Krankenunterstützungs- und Leichenkostenverein „St. Georg" in Wien das Verbrechen der Veruntreuung begangen zu haben, u. s. w. — Der Kaiser hat dem Dr. Jakob Mann in Szegedin den Titel eines königlichen Rathes verliehen. — Hier ist die k. k. Hofrathswittwe Emilie v. Jakobi, eine durch die seltensten Herzens- und Charaktereigenschaften ausgezeichnete Dame, gestorben. — In Bielitz verschied vor Kurzem im 80. Lebensjahre Herr Adolph Brüll, der durch sein gemeinnütziges Wirken in weitesten Kreisen bekannt war. Er war Besitzer des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone und durch mehr als 40 Jahre Präsident der israelitischen Kultusgemeinde zu Bielitz. B. Budapest, 20. März. Einem Mitgliede der katholischen Volkspartei, die sich seit ihrem Bestände nur durch ihre maßlose antisemitische Agitationen bemerkbar machte, war es beschieden, die Fahne des Antisemitismus im ungarischen Abgeordnetenhaus aufzurollen. Anton Moesy, ein bekannter Vielredner, hielt anläßlich der Verhandlung des Voranschlages für das Kultus- und Unterrichtswesen eine an antisemitischen Ausfällen reiche Kapuzinade, die den „geliebten und gehaßten Mitbürgern" jüdischen Glaubens zum Borwurf machte, daß die sozialistische Bewegung im Interesse der Juden gelegen sei. An der Hand einer vor einigen Tagen unter dem Titel: „Das Ideale" erschienenen Broschüre schilderte er die schädlichen Folgen des überhandnehmenden Judaismus, in dessen Dienste der von den Juden so hoch gehaltene Liberalismus steht. Eine kleine Gruppe gleichgesinnter Parteianhänger waren seine aufmerksamen Zuhörer, während die große Majorität den Sitzungssaal verließ. Der Domherr Komlossy ergriff gleich nach dem neuen Fahnenträger des Antisemitismus das Wort, um das Vorgehen seines Vorredners und dessen Partei, die im Namen der Religion der Liebe Gehässigkeit predigen, nachdrücklichst zu verurtheilen. An demselben Tage, an dem die Brandrede im Abgeordnetenhause gehalten wurde, übergab in Waitzen der Bischof Konstantin Schuster der Stadtbehörde für das Kranken-und Waisenhaus, denen er schon 30000 Kronen zuwendete, neuerdings 80000 Kronen mit der Bedingung, daß diese Wohlfahrtseinrichtungen allen Einwohnern der Stadt, ohne Rücksicht auf ihre Konfession, zur Verfügung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.