Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 stehen. — Erzherzog Ludwig Viktor hat als Protektor-Stellvertreter des Rothen Kreuz-Vereins an die Herren Dr. Weinmann, H. Rosenfeld und Dr M. Szekely ein in warmem Tone gehaltenes Anerkennungsschreiben gerichtet, weil sie durch Uebergabe der Adolf Machlup'schen Stiftung „die Verwirklichung einer humanitären Idee möglich machten, und das Rekonvalescentenheim Leidenden ohne Unterschied der Konfession zur Verfügung stellten. — Der Oberphystkus legte in der jüngsten Sitzung des hauptstädtischen Berwaltungsausfchusses einen Bericht der Spital-Untersuchungskommisfion vor, in dem von dem unter der Verwaltung der Pester Kultusgemeinde stehentzen Adele Brody-Kinderhospital unter anderem gesagt wixd, daß es sich sowohl was Einrichtung als auch Ordnung und Reinlichkeit betrifft, als mustergiltig erwiesen hat, so d^aß diese Anstalt zu den ersten des Landes gezählt werden kann. — Ein Mann von ungewöhnlichen Geistesgaben und dennoch der Welt fast gänzlich unbekannt, der Beziehungen zu den vornehmsten Kreisen der Wiener Gesellschaft unterhielt und dabei bitterste Noth litt, der Philosoph M. H Waldmann, ist vor einigen Tagen im jüdischen Spital gestorben. Waldmann, ein Ungar von Geburt, arbeitete seit Jahren an einem großen Werke über „Die geschichtliche Einheit des Menschengeschlechtes". Einen Verleger fand er nicht, obgleich Fürstin Pauline Metternich und Baron Nathaniel Rothschild seine Gönner waren. Bor wenigen Wochen kam Waldmann nach Budapest, um hier für sein Werk Propaganda zu machen. Gute Freunde bemühten sich, für ihn das Interesse litterarifcher Kreise zu gewinnen, da scheiterte sein Lebens schifflein knapp vor dem Hafen. In seinen Manuskripten liegt die Frucht seines Lebens, die Arbeit von zwanzig Jahren. Einige hochvermögende Gönner wollen — wie das N. P. Journal meldet — den Schatz heben, den der Philosoph hinterlassen hat. — Der Grundbesitzer Benjamin Ungar testirte der Kultusgemeinde in O.-Moravicza einen Besitz im Werthe von 100000 Kronen, wodurch der Bestand der Kultusgemeinde und deren Schule für ewige Zeiten gesichert erscheint. — In Szolnok wurde Dr. Korn6l Heveß zum Rabbiner, in Neupest Dr. M. Lichtmann zum Hilfsrabbiner gewählt. — An der Landes- Rabbinerschule wurden dieser Tage sieben Zöglinge nach überstandener Rabbinatsprüfung feierlichst entlassen. Rabbiner Dr. Sidon-Werschetz hielt an die jungen Rabbiner eine Ansprache, die auf die zahlreichen Anwesenden einen nachhaltigen Eindruck machte. Dem greisen Rektor Moses Bloch, der an diesem Tage seinen 83. Geburtstag feierte, wurden von seinen Verehrern und Schülern herzliche Ovationen dargebracht. ' j Amerika. C. H. New-Dork, Ende Februar. Die jüdische Gewerbeschule, Redrew tecknical Institute, hielt ihre Jahresschlußfeier am 9. Januar. Sie bildete 210 Schüler aus. Ihr Jahreseinkommen betrug im abgelaufenen Jahre 51639 Dollars. Bei der Versammlung überreichte Frau Esther Hermann dem Präsidenten einen Brief und entfernte sich rasch. Der Brief enthielt einen Check auf 10 000 Dollars. Dieser Schule steht die Handwerkerschule der Baron Hirsch-Stiftung am nächsten. Sie giebt armen Knaben einen fünfmonatlichen Unterricht in Handfertigkeiten, der sie befähigt, etwa 2 Dollars täglich zu verdienen, wenn sie, was zumeist, aber leider nicht immer der Fall ist, Arbeit finden. — Das Waisenhaus in Chicago hat nunmehr, nachdem Herr Abraham Slimmer in Waverley, Iowa, mit einer Spende von 25 000 Dollars den Anfang gemacht hatte, einen Baufonds für ein Haus, welches 150 Zöglingen Obdach gewähren soll, gesammelt. Von Nah und Fern. ----- Der Bildhauer Professor Louis Sußmann-Hellborn, der frühere artistische Leiter der königlichen Porzellanmanufaktur, feierte am 20. d. Mts. feinen siebzigsten Geburtstag. Bon seinen Hauptwerken sind hervorzuheben das Marmordenkmal Friedrichs des Großen in Breslau, das Standbild Friedrich Wilhelms III. im Berliner Rathhause sowie die Genrewerke des Fischers mit der Laute und „Lyrische Poesie und Volksgesang". Die Nationalgalerie besitzt seinen „trunkenen Faun" und das „Dornröschen", ein Geschenk des Künstlers. Sußmann-Hellborn erhielt schon 1957 die kleine goldene Medaille. In der Museumsverwaltung ist er Mitglied der Sachverständigenkommission für die Skulpturensammlung des Mittelalters und der Renaissance; außerdem wirkt er als Mitglied des künstlerischen und gewerblichen Sachverständigenvereins. Besonderer Werthschätzung erfreute er sich bei Kaiser Friedrich. — Dem Privatdozenten in der philosophischen Fakultät der königlichen Friedrich-Wilhelms-Univerfität zu Berlin Dr. Otto Marburg ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden.— Einen Ruf nach Mexiko als Leiter eines neuen, im Bau begriffenen großen Krankenhauses hat seitens der mexikanischen Regierung der in Charlottenburg, Kleiststraße, wohnhafte praktische Arzt Dr. Eduard Joseph erhalten — Der außerordentliche Professor in der medizinischen Fakultät der Universität zu Breslau Dr. Gustav Born ist zum ordentlichen Honorarprofessor der Anatomie in derselben Fakultät ernannt worden. - In Graudenz ist Stadtrath Herzfeld, Mitbesitzer der großen Eisengießerei (Ofenthüren) und des Emaillirwerkes Herzfeld u. Bictorius, im Alter von 65 Jahren an Lungenentzündung gestorben. Er erfreute sich in allen Kreisen der Bevölkerung eines großen Vertrauens und war bei den Mitgliedern aller Konfessionen beliebt. — Am 28 März find es 40 Jahre, daß Herr Oppenheimer sein Amt als Kantor und Religionslehrer an der Hauptgemeinde in Darmstadt angetreten hat. — Bei einer antisemitischen Versammlung in Heddesbach hatte der dortige evangelische Pfarrer Volk dem Referenten, dem bekannten antisemitischen Reiseapostel Thomas Reuther, nachgesagt, er sei schon wegen Bettelns und Landstreicherei vorbestraft. Reuther strengte gegen Volk Klage wegen Beleidigung an, allein das Schöffengericht sprach Volk frei, da der Wahrheitsbeweis angetreten wurde. Die Berufung des Reuther blieb erfolglos. — Der Redakteur des in Mannheim erscheinenden Antisemitenblattes „Deutscher Volksbote", Jakob Göbel, hatte vor Weihnachten in seiner Zeitung aufgefordert, nicht bei Juden zu kaufen. Das Schöffengericht verurtheilte Göbel wegen groben Unfugs zu einer Geldstrafe von 25 Mark. — Aus Kudrynce (Galizien) kommen neuerdings wieder Bettelbriefe. Diesmal soll es sich um drei kranke Waisenkinder handeln, die um Errettung vom Hungertods flehen. Auch dieser Bettelbrief ist vom israelitischen Kultusvorstand Wolf Richter in Bestätigung seines Inhalts unterzeichnet, also von dem Manne, der schon den Schwindel mit dem 109jährigen Greise Rheinstein, dem Synagogenbau und anderen Bettelgelegenheiten in die Welt gesetzt hat. Die Behörden scheinen ihm also das Handwerk noch nicht gelegt zu haben. — In Rußland waren diesmal 49 493 jüdische Rekruten stellungspflichtig. Davon wurden genommen 15 947, und 1262 fehlten. Dies läßt bei der in Rußland bestehenden Dienstzeit auf eine Gesammtzahl von 54 000 Juden im Heere schließen. Die relativ hohe Ziffer der definitiv Fehlenden kann angesichts der starken jüdischen Auswanderung ebenfalls nicht überraschen. — In Petersburg ist eine Deputation jüdischer Gemeinden mit dem Rabbiner von Kowno an der Spitze eingetroffen, um dem Minister des Innern ein Promemoria über die traurige Lage der Juden in Polen zu überreichen. Eine Audienz ist bereits bewilligt worden. Die Deputation beabsichtigt, auch den neuen Kultusminister, der übrigens wenig judenfreundlich sein soll, zu besuchen. — In San Remo ist der Rechtsanwalt D. A. Rafalowitz, einer der bedeutendsten Juristen Petersburgs, gestorben, derselbe war auch Mitglied des Centralkomitees der Jewish Golonisation Association. — In London ist am 9. d. Mts. der bekannte Komponist Professor Michael Bergson im 60. Lebensjahre gestorben. Er hat mit zwei Opern: „Louisa de Montferat" und „Salvator Rosa" und mit zahlreichen musikalischen Kompositionen großen Erfolg gehabt. Wenige Tage später starb, wie schon gemeldet, sein Sohn, der Professor der Philosophie in Paris war. — Das Budget des israelitischen Kultus, das jüngst die französische Kammer genehmigt hat, beläuft sich im Ganzen auf 185 630 Francs. Davon kommen auf die Rabbiner und Vorbeter 118 000 Francs, auf die Verwaltung 19 530 Francs, auf das Rabbinerseminar in Paris 44 000 Francs und auf die Beihilfen zum Bau von Synagogen 8000 Francs. — In Algier wurde der Hetzer Max Regis wegen seiner in Paris gehaltenen Volksversammlungsrede, in der er die Plünderung und Ermordung der Juden empfohlen hatte, verhaftet. Daraufhin veranstalteten die Antisemiten tobende Straßenkundgebungen und suchten wieder Judenläden zu erbrechen, die Behörden hatten jedoch ausreichende Schutzmaßregeln getroffen und setzten dem Pöbel ein starkes Truppenaufgebot entgegen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.