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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-25 · Heft 12 (25.3.1898) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 12 (25.3.1898)
Date
1898-03-25
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
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144 berufen worden, den die Juden gegen meine Person geplant. Ich dankendem Konsul, daß er darauf so großes Gewicht legt. Aber lasset^Euch dadurch nicht irreführen. Mein Leben liegt in der Hand der Götter; ich weiß, die Himmlischen schützen mich, und darum fürchte ich keine Feinde. Die Juden haben mir nach dem Leben getrachtet. Ich verzeihe ihnen. Wie so vielen Gegnern, so will ich auch ihnen großmüthige Gnade erweisen. Zeus und Athene werden sie strafen; ich kann nichts, als zu den Olympischen flehen, Milde zu üben, darum nehmt keine Rücksicht auf mich, versammelte Väter, und achtet ausschließlich auf das Wohl unseres Staates." Begeisterte Zurufe schallten dem Kaiser entgegen. Man pries in überschwenglichen Worten seine mehr als menschliche Milde und Huld. Als endlich Ruhe eingetreten war, erhob auch Piso in volltönender^Rede den Edelmuth des Imperators, dann frug er, wer den^Antrag zu stellen wünsche, über den berathen werden sollte. Flavius Clemens erhob sich. Sein Antlitz war noch blässer, durchgeistigter als gewöhnlich, aber seine Augen hatten einen eigeiithümlichen Glanz wie die eines Verzückten. „Erlaßt es mir, versammelte Väter," begann er, „bis ins Einzelne die Verbrechen zu schildern, wegen deren inan die Juden hier anklagt. Sie haben, sagt Piso, das Leben des Cäsars bedroht. Ist das nicht todeswürdig? Sie glauben nicht an die Götter Romö; sie verschmähen es, vor den Bildsäulen des Imperators zu opfern. Ist das nicht todeswürdig? Man sagt, sie sind Feinde unseres Staates, sie hassen Rom und die Römer. Ist das nicht todeswürdig? Darum beantrage ich, versammelte Väter: Tod allen Juden, Tod allen Jüdinnen, Tod allen Kindern, Männern und Greisen, allen Mädchen und Frauen, die sich zuin jüdischen Glauben bekennen!" Er hatte tief aufathmend geschlossen. Die Senatoren waren verblüfft über die ungewohnte Kürze der sonderbaren Rede. Aber bald nahm die beginnende Debatte ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch. Nur Domitians Auge ruhte lange und durchdringend mit lauerndem, mißtrauischem Ausdruck auf seinem Vetter. Nach ihrer Rangordnung wurden nun die einzelnen Senatoren zur Aeußerung über den Antrag aufgerufen. Weitaus die Meisteü billigten des Flavius Vorschlag, und mit erfinderischer Grausamkeit befürworteten sie, die Todesstrafe in der qualvollsten Art zu vollziehen. Nur bei Wenigen regte sich Widerspruch. Der hochbetagte Cocceius Verva, einst Vespasians Freund und berühmt als geistvoller Rechtslehrer, trat in warmen Worten für die Verwerfung des Antrages ein, der Plan gegen das Leben des Imperators, so führte er aus, könne nicht in Betracht kommen, da Domitian selbst den Frevlern verziehen habe. Was sonst vorgebracht worden sei, müffe doch erst geprüft und lange erwogen werden^ bevor man zu einer so furchtbaren Maßregel schreite. Nach ihm sprach Ulpius Traianus, der erste Feldherr seiner Zeit und zugleich bewährt durch hohe staatsmännische Weisheit. Er wies in kurzen, kernigen Worten darauf hin, wie unwürdig cs der weltbeherrschenden Roma sei, vor einem kleinen Volke zu zittern» Man habe die kriegssreudigsten Völker bewältigt und doch geschotet und solle ein Volk von Gelehrten vernichten? Die Frevler, die beit Cäsar bedroht, treffe die gerechte Strafe; das ganze Volk laffe man in Frieden. j . Dagegen wies allerdings wieder der gefeierte Redner unh Schriftsteller Cornelius Tacitus, der von altrömischer Abneigung gegen den jüdischen Volkscharakter erfüllt war, auf die Gefahr hin, dii von diesem Volke drohe: „Unter einander halten sie eisenfest Treue/ üben freudig Barmherzigkeit; alle Anderen hassen sie als Feinde! Sie speisen abgesondert, wohnen getrennt, verschmähen Frauen fremder Völker: unter ihnen selbst ist nichts verboten, die zu ihnen übergehen, befolgen das Gleiche, und nichts lernen sie eher als verachten die Götter, verschmähen das Vaterland, Eltern, Kinder, Geschwister zu verleugnen. Unheimlich wächst ihre Zahl. Ihre Seelen halten sie für unsterblich: daher ihre Todesverachtung. Im Geiste allein und ein einziges Wesen verehren sie: gottlos alle, die nach menschlicher Art Bilder der Götter schaffen; jenes höchste, ewige Wesen sei nicht erkennbar, sei nicht vergänglich. Daher dulden sie keine Götterbilder in ihren Städten, keine in ihren Tempel»; nicht den Königen wird solche Huldigung, nicht den Kaisern solche Ehre. Und mit den Juden -eng verbunden sind die Christen: Beider Glaube hat gemeinsamen Ursprung. Immer mehr greift die verderbliche Sekte um sich, ich bange um Rom und seine Götter. Vernichtet man die Juden, so fallen auch die Nazarener. Rottet man die Wurzel aus, wird auch der Setzling bald zu Grunde gehen!" So wogte die Debatte auf und ab und erregte mächtig die Gemüther der Senatoren. Endlich hatte» auch die dem Range nach Letzten der versammelten Väter ihre Meinung abgegeben. Der Konsul schritt zur Abstimmung. Der Antrag des Flavius Clemens war mit großer Mehrheit gegen einige wenige Stimmen angenommen. In den gespannten Zügen Domitians erglänzte die Röthe des Triumphes. Wie war es ihm heute wieder einmal gelungen, sie zu täuschen, all die weisen Räthe seines Staates! Wie trefflich verstand er es doch, sie jederzeit seinen Wünschen gefügig zu machen! Ein höhnisches Lächeln verzerrte des Cäsars Lippen, als er jetzt niit freundlicher Geberde den Senatoren zuwinkte, die mit gespannter Aufmerksamkeit an seinem Munde hingen. Unbeachtet von der Versammlung, die sich dem Sitze des Cäsars zuwandte, verharrte in starrem Schweigen der Vetter des Kaisers, Flavius Clemens. Ein wehmüthig bitteres Lächeln erschien auf seinem bleichen Angesicht, als er die Väter des Staates dem Cäsar in feiler Schmeichelei nahen sah; dann aber wandte er den Blick ab von dem verächtlichen Anblick, ein verklärtes Leuchten zog über sein Antlitz, und sein Auge richtete sich himmelwärts, dort, wo eben die scheidende Sonne das dunkle Gewölk siegreich durchbrach. Mit einer raschen Bewegung öffnete er die Kapsel seines Siegelringes, und gierig, mit einem Zuge schlürfte er den Inhalt der darin enthaltenen Phiole. . Niemand hatte es gewahrt. Sie waren alle um den Cäsar versammelt. Da plötzlich tönte ein dumpfer Fall durch den Raum. Zu Tode erschreckt waren die Senatoren herbeigeeilt, wo neben seinem Sitze Flavius Clemens sterbend hingesunken war. Todtenstille herrschte in der Halle, in der vor einigen Augenblicken noch der Kampf der Rede gewogt hatte, — von den Lippen des Sterbenden aber kam es leise, wie erlösend aus der Angst des Todes, nur sich und seinem Gotte vernehmbar: „Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, ist ein einig einziger Gott!" (Forts, folgt.) Kprerhsaal. Äuf die Anfrage des Herrn* Dr. Eckstein in Nr. 6 ist zu bemerken, daß von den Regesten der Text bis 1273 noch bei Lebzeiten des Herrn Dr. Aronius fertig gedruckt war. Die Ausgabe dieser Bogen hat sich dadurch verzögert, daß der nach dem Tode des ursprünglichen Bearbeiters mit der Herstellung des Registers beauftragte Gelehrte seine Arbeit noch nicht abgeliefert hat und nach Erklärungen, die ganz neuerdings von ihm abgegeben wurden, auch keine Neigung hat, die Arbeit zu vollenden. Die Verhandlungen wegen der Gewinnung eines anderen Bearbeiters stnd noch in der Schwebe. I. A. Prof. Dr. L. Geiger. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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