Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
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143 O, schöne Margarethe, Du Blume zart und weiß. Nach dir im Sturmgebete Ringt meine Seele heiß. Wie lustberauscht die Flamme Der Falter mild umzieht. So sucht dich, du Wundersame, Meine Sehnsucht und mein Lied. Aus Licht und Duft gewoben. Unfaßbar wie ein Traum, Wallt von den Sternen droben Herab deines Kleides Saum, Und wenn zum Erdenrunde Ein Strahl von dir entfällt. Wie jauchzet da zur Stunde Die dreimal beglückte Welt! Dann hinter Wolkenfalten Umfängt dein sel'ger Schooß Den heiligen Uralten,*) Unendlich, weltengroß — Und machtvoll, wundertönig Erklingt der Sphären Chor, Wenn wieder der heil'geKönigs) Durchbricht das mächt'ge Thor. Die Welt verschmachtet wieder, Bon düstrer Nacht umgraut — O, wirf einen Strahl hernieder, Du süße Gottesbraut! Nach dir im Sturmgebete Ringt alles Leben heiß — O, schöne Margarethe, Du Blume zart und weiß! Soll ich zum Schluffe noch etwas Weiteres über Nehemia Chajon sagen? Er zog als wunderthätiger Prediger durch ganz Europa und fand ebenso viele Anhänger wie Gegner. Er stiftete Unheil in den Gemeinden und streute den Samen der Zwietracht aus. Eine der traurigsten Perioden in der Geschichte des Judenthums ist jene Zeit der Hochfluth der Mystik und des Sabbathianismus. Die Luft war förmlich von den abenteuerlichsten Hoffnungen, Ideen und Plänen geschwängert; die Phantasie der Menschen war auf das Höchste erregt und auf das kommende Wunderbare gespannt Tausende von Gläubigen sahen von Tag zu Tag der Ankunft des Messias entgegen, und diese Hoffnung wuchs immer mehr, je größer das Leid und die dadurch genährte Sehnsucht wurde. In einzelnen Kreisen war der Aberglaube bis zum Wahnwitz gesteigert. In der ganzen Bewegung aber scheint eine merkliche Opposition gegen das Gesetz, gegen den Talmud und gegen die Wissenschaft zu liegen. Ein zweites Judenthum war neben dem talmudischen erstanden, und zwar eines, das im Dienste der Nacht stand, während jenes das Licht des Tages nicht zu scheuen hatte. Alle Mächte der Finsterniß schienen erwacht und traten ihre Herrschaft an. Es war eine trübe Zeit, in der die Wunderthäter der Kabbala und die Adepten der Askese ihre Orgien feierten, und in der alles höhere Streben den Gewalten der Finsterniß, den grauenhaften Verirrungen der Phantasie geopfert wurde. O ja, die Erinnerung an I^a bella Margherita ist auch in unserer Zeit nicht ganz vergeblich. G. K. UILLETON Aus bangen Tagen. historische Erzählung aus der römischen Äaiserzeit. Von Carl Griot. (Fortsetzung.) schließlich gab es einen auserlesenen Kreis von Männern, welche die ganze Art seiner Gewaltherrschaft aufs Heftigste verabscheuten und Ähnlichst den Zeitpunkt herbeiivünschten, wo es möglich wurde, an Stelle des grausamen Despoten einem weisen und milden Mann die Lenkung des Weltreiches anzu- 1) Attika Kaddischa, Name der ersten Person der kabbalistischen Trinitätstheorie von Chajon, Cardoso u. A. 2) Malka Kaddischa, zweite Person. Die dritte ist das weibliche Prinzip, die Schechina, hier identisch mit la bella Margherita. vertrauen. Freilich waren das aller Voraussicht nach nur fromme Wünsche. Denn Domitian besaß in vollem Umfang die Gunst des Heeres, dem allein er ein gütiger, ja verschwenderisch freigebiger Herr war, und was verniochte man im Römerreich ohne, nein, gegen Vas Heer? Laute Heilrufe ertönten von der Straße herauf; gleichzeitig vernahm man den hellen Ton der Tube; der Cäsar war angelangt. Während Domitian, von Flavius Clemens begleitet, zu seinem Thronseffel schritt, hatten sich die Senatoren erhoben und ihm die üblichen Begrüßungen zugerufen. Jetzt trat Stille' ein, und der Konsul Piso eröffnete die Versammlung. „Sei zunächst gegrüßt," begann er, „erhabener Herr und Cäsar, und empfange unseren tiefsten Dank für die Gnade, die durch Deine Anwesenheit uns widerfährt." Der Cäsar erwiederte mit leichtem Kopfnicken. „Wir haben Euch, versammelte Väter," fuhr Piso fort, „heute zusammenberufen, um über eine sehr wichtige Frage zu berathen. Ihr habt wohl selbst schon vernommen, daß verruchte Frevler es gewagt haben, gegen das erlauchte Leben unseres gnädigen Cäsars entsetzliche Pläne zu schmieden." „Unerhört!" „Niederträchtig!" „In den Tod mit den Schurken!" „Verbrennet sie!" „Kreuziget sie! „Unserem geliebten Cäsar nachzustellen!" „Das Lebe» des Göttlichen zu bedrohen!" So erscholl es wirr durcheinander von den Bänken der Senatoren. „Nur mit Schaudern", hob Piso von Neuem an. „können wir au das Unglaubliche denken! Wie konnten sich Menschen finden, die dem Cäsar nachznstellen wagen, dem gütigsten, besten, geliebten Herrn und Vater unseres Volkes!" Wieder unterbrach begeisterter Zuruf von allen Seiten den Redner. „Dank den Göttern, unter deren Schutz der Imperator steht, ist jedoch, wie der theuere Anblick des Herrschers uns lehrt, der Plan der Ruchlosen mißglückt. Laßt uns darum zuerst mit freudigem Herzen den Unsterblichen danken!" Die Senatoren erhoben sich von ihren Sitzen. „Ich beantrage, den Tag, an welchem der scheußliche Anschlag entdeckt wurde, zu einem Festtage zu erklären und in dem Tempel des Gottes Vespasian bei der jährlichen Wiederkehr des Tages Opfer darzubringen für die Erretlung seines herrlichen Sohnes," rief der greise Fabricins Veiento, der durch Schmeichelei und Angeberei drei Konsulate und eine ungeheueres Vermögen erlangt hatte. Der Antrag wurde natürlich einstimmig angenommen. Als die Senatoren wieder Platz genommen hatten, begann Piso von Neuem: „Eines allein vermag uns Trost zu bieten in unserem Schmerz über das verruchte Beginnen. Die Elenden sind keine Römer; nicht unserem Volke gehören sie an; nicht unser Blut rollt in ihreir Adern. Wie hätte ein Römer an solche That selbst im unbelauschten Winkel seines Herzens auch nur zu denken vermocht! Nein, die Ruchlosen sind keine Röiner, es sind — Juden. „Tod den Juden!" „Weg mit den Verhaßten!" „Sie mögen sterben!" „Tödtet sie!" „Tödtet sie!" „Ueber ihre Strafe zu berathen, seid Ihr heute berufen worden, versammelte Väter. Doch bevor ein Antrag gestellt wird, verkünde uns Du, erlauchter Cäsar, wenn es Deiner Gnade beliebt, Deine Gedanken." Domitian erhob sich mit süßlichem Lächeln. „Versammelte Väter!" begann er, „nach dem, was Piso gesprochen, würde es scheinen, als seid Ihr nur wegen des Anschlages