Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 142 - Diskussion dieser Frage) vorläufig in aller Kürze zugänglich zu machen. Vielleicht habe ich noch an anderer Stelle Gelegenheit, ausführlicher auf: diese Angelegenheit zurückzukommen. Uahel de Castro. Von Dr. M. Kayserling. „., ahel de Castro, der in einer der letzten Nummern dieser Zeitung Erwähnung geschah, die Freundin der Doktor ^(s Adelheid Zunz und Varnhagens von Ense, gehörte zu jenen Frauen, welche mit vielen Litteraten und Gelehrten in persönlicher Verbindung stand. Von der Natur recht stiefmütterlich bedacht — sie war unschön und hatte einen Höcker — nahm sie durch ihren sprühenden Geist, ihr reiches Wissen und ihr liebenswürdiges Wesen bald ein. Gabriel Rießer, Karl Gutzkow und viele Andere gingen bei ihr ein und aus. Sie war eine nahe Verwandte jenes David de Castro, dessen Bekanntschaft Moses Mendelssohn als Bräutigam machte»), und mit dem er auch noch in späteren Jahress in Korrespondenz stand. So heißt es in der Nachschrift zu einem seiner noch ungedruckten Briefe an Joseph Meyer in Hamburg vom August 1773: „Belieben Sie zu entschuldigen, daß ich mich bei Herrn David de Castro pro bt) nicht 3’lPb gewesen 2), es ist mir UBH?* * * 8) unmöglich gewesen. Als ich mich im Herbste 1859, etwa dreiviertel Jahre nach dem Erscheinen meiner „Sephardim. Romanische Poesien der Juden in Spanien", zur Benutzung der Hamburger Stadtbibliothek einige Wochen in Hamburg aufhielt, lernte ich Rahel de Castro persönlich kennen. Durch den Bibliophilen F. L. Hoffmann hatte sie von meiner Anwesenheit in der Elbstadt Kunde erhalten und lud mich ein, sie zu besuchen. Sie wohnte in Altona, Markstraße 60, und schrieb mir am 3. November 1859: ’ „Als ich im vorigen Winter Ihre Bearbeitung über die Geschichte und Litteratur der spanisch-portugiesischen Juden mit großem Interesse gelesen hatte, entstand der Wunsch recht lebhaft in mir, den Verfasser dieses Werkes kennen zu lernen, und ich würde in Berlin nicht an Ihnen vorübergegangen sein. Da Sie nun in Hamburg sind, so würde es mich sehr erfreuen, Sie, geehrter Herr Doktor, bei mir zu sehen. Nur muß ich bedauern, daß mir unverdienter Weise eine Art Persönlichkeit vorangegangen, die Sie sehr enttäuschen wird. Sie werden ein altes Fräulein, fast an die Siebzig streifend, finden, momentan sehr tief gebeugt durch den im Oktober dieses Jahres erfolgten Tod eines geliebten und mit Recht verehrten Bruders, der während der letzten Jahre in Baden-Baden gelebt und' dort gestorben, hierher gebracht wurde als Leiche von seiner geliebten' Gattin, um auf unserem Friedhofe in geweihter Erde neben den' Gräbern der Eltern und der Familie zu ruhen. Sie finden hier gleich ein Blatt aus der Geschichte der noch kargen Ueberreste der spanisch-portugiesischen Juden, deren Vorfahren unter Ferdinand und Jsabella ausgewandert sind und sich theilweise in Holland und Hamburg niedergelassen haben. Es ist ein Blatt aus der neuesten Geschichte!" ' Ich unterhielt dann mehrere Jahre mit Rahel de Castro einen Briefwechsel, auf den ich wohl ein anderes Mal zurückkomme. < Sie starb Anfangs der siebziger Jahre in hohem Alter. 0 Mein Moses Mendelssohn. Sein Leben und Wirken. 2. Aufl. (Leipzig 1888), S. 123. 2) Sein Schreiben nicht beantwortet habe. 8) In dieser Woche. „litt bella Margherita“. Cjsjftn zehnten Bande seiner Geschichte der Juden erzählt Grätz 13} von dem bekannten sabbathianischen Abenteurer Nehemia Chajon, daß er die Dreieinigkeit als Glaubensartikel des Judenthums aufzustellen versuchte, allerdings in folgender Form: „Den heiligen Uralten oder die Seele aller Seelen, den heiligen König oder die Verkörperung Gottes und eine dazu gehörige weibliche Person (die Schechina), alle drei in der Gottheit verkörpert". Diesen das Judenthum und seinen Gottesbegriff fälschenden Qualm wiederholte Chajon in schlechten Versen, welche er als Erbauungsgebete für besonders Fromme empfahl. Keck und mit der Gefahr spielend, verwebte er in die Hffangsverse Worte eines zotigen Liedes: „Die schöne Margarethe", und dieses lasterhafte Schriftchen (Geheimniß der Dreieinigkeit, raza di Jechuda) billigte und empfahl das Venezianer Rabbinat, entweder, weil es vor dem Drucke gar nicht Einsicht davon genommen, oder „weil es mit kabbalistischem Stumpfsinn die Tragweite desselben nicht erkannte." In einer Note läßt sich Grätz des Weiteren über jenes Gedicht, das später einen Anklagepunkt gegen Chajon abgegeben hat, aus. Er theilt den Anfang desselben mit, der das Gedicht als ein schönes Lied, zu singen nach der Lektüre der Idra rabbab des heiligen Sohar, bezeichnet und sich sogar aus Rabbi Simon den Jochai zu berufen wagt. Mit Recht haben die Gegner Chajons auf diese unwürdige Manier hingewiesen. Ein anonymer Korrespondent schreibt darüber: „kiek easo k'aulore e e fü huomo di mala vita. Gia due ami in certa opereta d’amore platonico stampata in Venezia v’intruse l’amore profano e diabolieo, cantando La bela Margarita.“ Chajon gestand auch ein, daß er das volle Bewußtsein von dieser Vermischung des Erotischen mit dem Mystischen hatte. Seine Vertheidigung ist aber eine sehr schwache. Er hätte sich allerdings auf würdigere Vorgänger berufen können. Der fromme Menachem di Lonsano (1600) berichtet selbst, er habe seine religiösen Dichtungen fremden Melodien angepaßt, und Rafael Meldola (1685) hat seine hebräischen Lieder nach Arietten und Rezitativen für Musik eingerichtet. Ja, sogar Israel Nagara (1587) hat seine Semirot Israel, innige religiöse Lieder, dem Zwang fremder, oft recht frivoler Melodien unterworfen, und gelehrte Männer behaupten, daß dieser Vorgang auch in der christlichen Hymnenlitteratur nicht ohne Analogie sei. All diese Beispiele hat Grätz seltsamerweise nicht erwähnt. Aus welchem Grunde ich sie heute meinen geneigten Lesern vorführe? Wahrhaftig nicht aus der Neigung, alten kabbalistischen Unsinn noch einmal aufzuwärmen oder gar gegen denselben anzukämpfen, sondern einfach deshalb, weil ich eine hübsche Reminiscenz, die sich an jenes Lied von Chajon knüpft, hier mitzutheilen in der Lage bin. In den Aufzeichnungen des verstorbenen Dr. David Honigmann in Breslau, der als Vorkämpfer für die Emanzipation und für die Reform im Jndenthum sowie als Schriftsteller durch seine beiden Erzählungen „Bärl Grenadier" und „Ein Grab in Sabionetta" noch in dankbarer Erinnerung der Zeitgenossen steht, fand sich nämlich eine ganz wundervolle Nachbildung jenes Liedes, die Honigmann in den sechziger Jahren unter den Vorstudien zu einem von ihm geplanten Roman zu Papier brachte. Ich verdanke die Mittheilung dieser Uebertragung dem Sohne des theuren Mannes, Herrn Rechtsanwalt Dr. Honigmann in Breslau, und ich theile nunmehr das Gedicht nachstehend mit allen Anmerkungen des Uebersctzers wortgetreu mit: „La bella Margherita 81 bianca com un fior’“ (ist der Anfang eines Chanson, welches der berüchtigte Kabbalist Chajon zu singen pflegte, und das er sogar einem hebräischen Gebet einverleibt. S. Grätz X.) MW