Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
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141 Namens Esdras bekannt sei. Diese Anfrage veranlaßte mich zu Nachforschnngen. Instinktiv griff ich zunächst zum Aötius, Verfaffer eines medizinischen Sammelwerks ans dem 3. bis 4. nachchristlichen Jahrhundert, einem Hauptrepräsentanten der sogenannten byzantinischen Periode der Medizin. Mit AZtius theilen die meisten medizinischen Schriftsteller jener Epoche die Eigenthümlichkeit, daß ihre Produkte durchweg (mit geringen Ausnahmen) kompilatorischen Charakter tragen, d. h. es handelt sich um Werke, welche kein originelles Gepräge besitzen, sondern es sich zur Aufgabe stellen, aus ältereil Schriften autoritativen Charakters auszugsweise die wichtigsten Partien mitzutheilen. Wir finden bei Astius wie bei einer Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger Bruchstücke von älteren, bisher noch nicht aufgefundenen, anscheinend jedenfalls..sehr bedeutenden Aerzten (denn sonst hätte es sich der Mühe des Abschreibens und Sammelns nicht verlohnt), u. a. auch aus der Schrift einer Hebeamme (?) Aspasia, vielleicht auch der bekannten Zeitgenossin des Thukydides, von der uns sonst nichts erhalten geblieben ist. Beiläufig bemerkt, so verdienstvoll auch diese Sammelthätigkeit ist, und so sehr wir ihr eben wegen der Konservirung einzelner älterer Litteratucdenkmäler zu Dank verpflichtet sind, so läßt sich doch nicht die Thatsache wegleugnen, daß gerade diese Art der Schriftstellerei wohl die Hauptschuld an dem Untergang vieler älterer Produkte trägt, insofern man (tont comme chez nous) über den schönen Kompendien das Studium der Originale vernachlässigt hat, und diese somit in Bergeffenheit geriethen. — Bei diesem AZtius nun, den ich gerade aus dem oben angeführten Grunde zunächst konsultirte, (in der griechischen Ursprache ist er bisher noch nicht vollstäirdig erschienen. Manuskripte der hiesigen königlichen Bibliothek habe ich augenblicklich zu anderen Zwecken in Händen), fand ich in Buch XIII (des in je 4 Lerrnones zerfallenden „Tetrabiblos“) in meiner Baseler lat. Ausgabe des Jahres 1543, p. 723 schon nach kurzem Suchen, was ich zu finden wünschte, aber in dem Umfange nicht erwartet hätte. Unter der Ueberschrift „Antidotus Esdrae aut prophetae Doetoris“ (daher meine Legitimation zur Bezeichnung Dr. Esra!) wird in dem Kapitel 101 die genaue Vorschrift, Wirkungsweise, Bereitung, Modifikation rc. einer gegen verschiedene Krankheiten wirksamen Rezeptverordnung mitgetheilt. Ich will den Leser mit der vollständigen Wiedergabe dieses langathmigen Kapitels nicht ermüden, sondern nur mittheilen, daß das betreffende „Rezept" (übrigens bei den damaligen Anschauungen ein nicht so seltenes Vorkommiüß) ein Mixtum compositum von nicht weniger als 57 Ingredienzien in den verschiedensten Quanliiätsverhältniffen (darunter auch, wie üblich, einige nicht gerade appetitliche und stark an die sogenannte Dreckapotheke erinnernde Stoffe) bildet und gegen zahlreiche Affektionen als sehr wirksam empfohlen wird. — Weitere Nachforschungen bestätigten mir bald meine Vermuthung, daß Astius gewiß nicht der einzige Schriftsteller sein würde, der dieses Rezept angiebt. Ich entdeckte daffelbe sofort bei einer Reihe von Autoren, n. a. auch bei dem bekannten Alexander von Tralles, einem Arzt des 8. Jahrhunderts n. Chr. (in der klassischen deutsch-griechischen Ausgabe des Wiener Historikers der Medizin, Profeffor Theodor Puschmann), bei dem späteren Paulus v. Aegina u. A. Da hier überall nur ganz kurz auf die „Esdra-Medicin“ par exeellence als eine ganz bekannte Verordnung hingewiesen wird, so unterliegt es keinem Zweifel, daß es sich dabei um eine der in den Pharmakopöen jener Zeit so reichhaltig vertretenen sogenannten Magistralformeln handelt, d. h. um Rezeptverordnungen, die bei den Aerzten (ganz wie auch heutzutage) besonders geläufig, wegen ihrer typischen Wirksamkeit gebräuchlich und beliebt, zugleich aris Bequemlichkeitsgründen unter einem bestimmten Sammelnamen meist nach dem Autor, von dem sie herrührten, oder nach ihrem Hauptbestandtheil (a potiori fit denominatio) figurirten und in den Apotheken bereitet wurden?) — Anfangs war ich der Meinung, daß nicht unser Prophet Esdra gemeint sein könnte, sondern möglicherweise irgend ein Namensvetter, ein (jüdischer?) Arzt vielleicht frühestens aus der sogenannten zweiten alexandrinischen Periode, d. h. aus dem 3—4. nachchristlichen Jahrhundert. Denn bei Galen, dem Heros der mittelalterlichen Medizin (um 130—210 n. Christi) habe ich Esra nicht erwähnt gefunden; auch ist, soweit meine bisherigen Untersuchungen reichen, Aetius sicher der älteste in der Serie derjenigen Autoren, bei denen sich das Mittel rinseres Esra angegeben findet. Meine Bedenken wurden jedoch widerlegt, als ich die berühmteste pharmakologische Schrift des ganzen Mittelalters, das standard-work der mittelalterlichen Apotheker und Aerzte, konsultirte, nämlich das Antidotarium des Nicolaus Praepositus, eines Arztes der Salernitanischen Hochschule (um 1140), an deren Gründung und Blüthe auch jüdische Aerzte nachweislich in großer Zahl betheiligt waren. Dort heißt es ausdrücklich (in meinem Exemplar, der bekannten Venediger Joh. Mesus-Ausgabe, 1549, Fol. 210 resp. 211), bei der Beschreibung der betreffenden Formel: Esdra dicitur, quia Esdra propheta in babylonia in exilio positus eam primo invenit, datur melancholicis limidis etc. und an einer anderen Stelle: Esdra opiata est dicta ab inventore scilicet Esdra propheta, valet contra omnes capitis moleslias etc. — Ohne mich auf gewagte Hypothesen einlassen zu wollen (qui nimium probat parum probat), mindestens dafür, glaube ich, dürfte mit diesen Citaten der Beweis erbracht sein, daß unser Prophet Esra sich traditionell als eine wirkliche Autorität in der praktischen Medizin im Andenken der Nachkommen, und zwar in dem Grade erhalten hat. daß man ihn als Urheber der oben beschriebenen Rezeptformel ansprechen zu dürfen geglaubt hat. Falls sich diese Annahme bestätigen sollte, so würde sie sehr wohl geeignet sein, auch ein deutliches Licht auf den bekannten vermittelnden Einfluß zu werfen, den nachweislich die Juden vermöge ihrer Berührung mit dem persischen Okkultismus während der babylonischen Gesangenschast durch die Sekte der Essäcr rc. aus die Gestaltung der Heilkunde später, d. h. zu Beginn des Mittelalters resp. gegen Ende des Alterthums, bald nach Christi Geburt, in der Richtung des sogenannten „Neuplatonismus" gewonnen haben, eine Thatsache, welche in allen Lehrbüchern der medizinische» Geschichte genügend charakterisirt wird (Vgl. meine soeben erschienene Einführung in die Geschichte der Medizin p. 136). — Jedenfalls hielt ich meine Mittheilnng wegen ihrer Neuheit und als Beitrag zur Kenntniß der jüdischen Medizin für wichtig genug, um sie durch dieses Organ weiteren Kreisen (auch event. als Airregung zu einer 0 Für die Bedeutung, welche dem Esdra-Medikament zugesprochen wurde, besitzen wir ein indirektes Zeugniß in einem Disput, der die Salernitanische Schule eine Zeit lang beschäftigte und das genannte Medikament betraf. Einzelne Lehrer dieser Schule hatten allerdings einen abweichenden Standpunkt. So heißt es! Nota quod magister Copho et mag. Jo. de platea in hoc erant gemelli quia fere omnes aliis de esdra discordabant dicentes, quod esdra aut nullam aut modicam habebat efficaciam, quia cum infinitae species in ea reperiantur, quas reperies in ejus dosi, de tot millibus unum fere nihil potest operari (Artikel Esdra in gloss. Plat. ed. Venet. 1562 f. 380 B; vgl. ferner Coli. Sal. ed. de Renzi I. p. 229 und Clhoulant, Handb. d Büchcrk. f. d. ältere Med. 2. Aufl. 1841 p. 261). — Bon meinem hochverehrten hiesigen Kollegen I Preuß wurde ich nachträglich darauf aufmerksam gemacht, daß auch Gintzburger in seiner bekannten Göttinger Jnaugural-Disfertatiou vom Jahre 1743 (de medicina ex Talmudicis) das antidotum Esdrae erwähnt.