Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
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140 Charaktere der biblischen und später auch der talmudischen Personen' ausgestattet hat; und in den geselligen Kreisen, in den Feierstunden der Arbeiter, in den Spiunstuben der Weiber ebenso wie auf den Kanzeln wurden diese Erzählungen endlos wiederholt und fortgebildet, gelegentlich auch mit Witz und Scherz, mit Spott und Hechelüng ausstaffirt, vollends wenn es galt, die argen und losen Personen der Geschichte abschreckend zu male». Aufgebaute, zusammenhängende Schilderungen, wie etwa die der homerischen Helden, treffen wir hier in der Midraschlitteratüt nicht. Die Legendendichtung ist nicht architektonisch, sondern nur ornamental. Aber jeder Schmuck, den sie am Bau der Geschichte anbringt, hat eine ethische Bedeutung. Wollte man von einer Tendenz, im strengeren Sinne, in all den legendarischen Anekdotert reden, so wäre es thöricht; aber nicht ein müßiges und vergnügliches Fabuliren macht sich darin geltend, sondern die Liebe, die Hingebung, die Wonne und Seligkeit im Anschauen der biblischen Heroen und die Verachtung und der Abscheu vor den historischen Bösewichtern. Was man dem Guten, dem Bösen andichtet, was man ihm am meisten anrechnet, das offenbart das sittliche Bewußksein, das Ideal, aus dem die Dichtung entspringt. — Wer das ganze Sagengewebe, das auch nur eine der biblischen Personen schmückt, mit ernsten« Bedacht verfolgt, die einzelnen Formen und Fäden deffelben auf ihre ethischen Fasern prüft und diese in abstrakte Lehrsätze verwandelt, der wird aus ihnen die wichtigsten Kapitel einer ganzen Sittenlehre zusaminenstellen können.') ' So ist denn auch auf den Kanzeln und in den Lehrstätten die Ausdeutung dieser gedichteten Rede», Handlungen und Schicksale der Heroen Anlaß zur direkten Fortbildung der ethischen Grundanschauungen und zu feinerer Gliederung der Begriffe geworden \ denn über jedes gute Werk findet sich auch leicht ein gutes Wort; neue sittliche Motive werden aufgewiesen oder aus der. Vermischung mit anderen Reize» des Handelns herausgehoben und abgeklärt! Darin sind die Urheber des Midrasch Meister und zugleich in det Kunst, den konkreten, poetischen Zug der Legende zu einem neuen ethischen Gedanken in einem klaren Ausspruch auszuprägen oder ihn in ein biblisches Wort hineinzudeuten und ihm damit eine feste Heimstätte und lange Lebensdauer zu bereiten! (Forts, folgt.) Ar. Esra, praktischer Arzt d Eine Mittheilung von Prof. Dr. I. Pagel. ^er ist Dr. Esra? höre ich im Geiste die verehrten Leser fragen. Ich antworte: Kein Geringerer als der bekannte Esra Haffofer, der große „Prophet" und Schriftgelehrte, über besten Bedeutung für die Geschichte des jüdischen Volkes ich hier kein Wort weiter zu verlieren brauche. Daß unser Esra auch zu den Aerzten, und zwar nicht blos zu den in der Heilkunde theoretisch bewanderten, sondern auch vielleicht zu den die Kunst praktisch ausübenden Männern zu zählen ist, dürfte vermuthlich Vielen bisher unbekannt geblieben sein. Ich will gleich hinzufügen, daß auch meine Kenntniß dieser speziellen Thatsache verhältnißmäßig jungen Datums ist. Längst bekannt allerdings ist mir und Jedem, der sich mit der Geschichte der sogenannten „jüdischen Medizin" beschäftigt, daß Esra oder, was daffelbe ist, Esdras (gräcisirt), ähnlich wie einige unserer anderen Propheten, Moses, Elias, Elisa, Jesaias rc., einen gewissen Ruf als Heilkttnstler bx- ') Vergl. z. B. das Leben Abrahams nach der Auffassung der jüdischen Sagen. Bon Dr. B. Beer, Leipzig, 1659. sitzt. Hieronymus Bardns, Verfasser einer kleinen Schrift „meäieus politieo-eattiolieus seü medicinae sacrae tum coguoscendae tum faciundae idea“ (Genua 1643), behandelt dies Thema und erwähnt auch „Esdra" unter den „medico-biblicis“, d. h. in seinen die Medizin der Bibel betreffenden Auseinandersetzlingen. Carmoly in seiner bekannten, bis jetzt trotz aller Fehler und Jrrthümer unübertroffenen „Bistoire des rnedeeins juifs" (Bruxelles 1844) läßt sich über unseren Esdras in 8 VI. unter der Ueberschrift „Autres rnedeeins liebreux1, (1. e. p. 7.) deutlich genug und ziemlich ausführlich aus, ohne übrigens durch Quellenbelege weitere Beweise für seine Behauptungen zu erbringen. Er sagt: „D’un autre cöte il est hors de doute, que cette Science lut cultivee aussi par les docteurs de la loi, dont Esdras le scribe peut etre considere comme le chef .... Mais ont-ils cultive cette science avec methode, et r emarque-t-on qu’ils aient fait faire quelques progres sensibles? C’est ce queje ne pense pas; au moins ils ne nous ont rien transmis pour en juger. Toutefois, au rapport de la tradition, Esdras et Nehemias etaient tres instruits dans la vertu des plantes et la propriete des racines.“ (Andererseits unterliegt es keinem Zweifel, daß diese Wissenschaft (nämlich die Heilkunde) von den Schriftgelehrten gepflegt wurde, als deren Haupt vielleicht Esra anzusehen ist. . . Haben sie aber diese Wiffenschaft methodisch gepflegt und bemerkenswerthe Fortschritte darin gemacht? Ich glaube es nicht, wenigstens haben sie uns nichts Hinterlasten, was zu einein positiven Urtheil in dieser Hinsicht berechtigt. Immerhin waren nach einer Ueberlieferung Esra und Nehemia über die Kräfte der Pflanzen und die Wirkungsweise gewisser Droguen eingehend unterrichtet.) Meinem Kollegen Richard Landau freilich, Arzt in Nürnberg, der Carmoly folgt, ist das Mißgeschick passirt, in seiner mehr für feuilletonistische Zwecke berechneten und wiffenschaftliche Dignität nicht besitzenden „Geschichte der jüdischen Aerzte". (Berlin 1895.) Esras auch nicht mit einer Silbe zu gedenken. Ebenso schweigen sich übrigens sämmtliche bekannten Lehrbücher der medizinischen Geschichte über Esra aus. Es wird sich im Verlauf der folgenden Ausführungen zeigen, daß gerade Esra es am wenigsten verdient hat, mit Stillschweigen übergangen zu werden. Zuzugeben ist, daß im Allgemeinen, ganz entsprechend dem wenig wiffenschaftliche» und mehr einpirischen Charakter der sogenannten „biblischen Medizin", auch die Hauptrepräsentanten derselben weder nach der litterarischen noch nach der pragmatischen Seite eine hervorragende Rolle beanspruchen. Wohl wissen wir, daß die mosaische Hygiene nicht blos für ihre Zeit vollendet ist, sondern auch in ihren Grundzügen sogar den modernsten Anforderungen entsprechen würde; aber nach der eigentlich heilkünstlerische», d. h. methodisch-praktischen Seite fehlt uns für Esra so gut wie für die oben genannten Männer jeder geschichtlich ernst zu nehmende Nachweis. Es ist bedauernswerth, daß auch für den König Salomo, von dessen ärztlicher Weisheit und Kunst Carmoly viel Aufhebens macht, dieser die genaueren Quellenbelege fast gänzlich schuldig bleibt oder doch nur so flüchtig giebt, daß es danach unmöglich wird, seinen Spuren zu folgen und eine Handhabe für weitere Nachweise zu gewinnen. Vielleicht ist mir der Zufall darin ebenso günstig, wie er es mir in diesen Tagen für Esra gewesen ist. Herr Dr. Robert Fuchs, ein junger, außerordentlich rühriger philologischer Forscher in Dresden, in (medizinischen Kreisen durch seine deutsche Hippokratesausgabe vortheilhaft bekannt, wandte sich aus Anlaß des Studiums einer griechischmedizinischen Handschrift (der Pariser Nationalbibliothek) vor einiger Zeit an mich mit ber Frage, ob mir ein medizinischer Schriftsteller