Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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139 dann von unserer Seite auch kein Geringeres gewesen, denn wir sollen, wie es uns vorgeschrieben, keinen Unterschied in der Konfession machen, wenn es sich um Hebung der Mildthätigkeit handelt. Trotzdem glaubte die Hochstaplerin einen Goup de maitre zu vollbringen, als sie sich uns als Jüdin vorstellte. — In Gumbinnen ist jüngst das Bedürfniß eines engeren Zusammenschlusses der jüdischen Familien durch Gründung eines jüdischen Frauenvereins für Krankenpflege und sonstige guten Zwecke zum Ausdruck gebracht worden. Es ist diese human-religiöse Schöpfung ein ganz besonderes Verdienst der Frau Juwelier Friederike Löwenson, die den edlen Sinn für dergleichen Bestrebungen aus ihrer Heimathstadt Tilsit mit hierher gebracht hat. Jahrelang ging sie mit der Idee der Gründung eines solchen Vereins um, bis sie vor einigen Monaten den so lange gehegten Wunsch zur Verwirklichung kommen sah. Im Beisein des Schreibers dieser Zeilen konstituirte sich der Verein, und nach einer von dem Genannten gehaltenen Ansprache erfolgte alsbald die Wahl des Büreaus, aus welcher Frau Friederike Löwenson als Vorsteherin hervorging. Ihr zur Seite werden die Damen Frau Lindenstrauch, Frau Polley und Fräulein Landsberger die Geschäfte des Vereins besorgen. Möge der Verein wachsen und gedeihen und zur immer weiteren Entfaltung gelangen. Zur Erzielung eines gemüthlichen Zusammenlebens hatte sich bereits einige Monate früher ein „Lesekränzchen" von jüdischen Damen mit sonst lobenswerthen Zwecken gegründet. Dieses alles legt sicherlich auch den Gedanken nahe, auch einen Verein für jüdische Litteratur und Geschichte zu bilden, wie solche bereits in unserer Provinz vorhanden sind. Allein, unsere Gemeinde ist hier zu klein für diesen Zweck, wohl ist uns bereits der Gedanke gekommen, zur Erreichung dieses Zieles uns mit unserer Nachbargemeinde Insterburg zu verbinden. Wir hatten auch schon über diesen Gegenstand mit unserem Kollegen dort, Herrn Weinberg, Rücksprache genommen. Allein die jetzige schwere Erkrankung deffelben läßt eine Verfolgung dieses Projekts nicht zu. Gänzlich wollen wir indeß diese Idee nicht fallen lassen. Von den Onellen der jüdischen Sitteniehre. Bon Prof. Dr. M. Lazarus. IV. 8 33. In früheren Zeiten ist der Staatsgedanke, die politische Unabhängigkeit und die bürgerliche Freiheit noch mit dem höchsten Zweck des Kampfes verbunden. Später treten an die Stelle der Kämpfer die Märtyrer. Rom hat die Todesstrafe auf das Studium der heiligen Schriften und auf die Erfüllung ihrer wichtigsten Gebote gesetzt, und eine ganze Schaar von Männern erleidet dieselbe. Ungebrochenen Muthes gehen sie in den Tod; willig geben sie das Leben dahin, wenn sein einzig wahrer Inhalt aus ihm verschwinden soll. Ja, sie finden die wahre, letzte, höchste Erfüllung des Lebens in dieser einen Tbat: es für die Religion hinzugeben. Sterbend auf dem Scheiterhaufen preist Akiba ben Josef sein Geschick, f„daß es ihm vergönnt sei, das Gebot: „du sollst deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, deinem ganzen Vermögen und deiner ganzen Seele" jetzt erst vollkommen zu erfüllen", — denn „mit deiner.'ganzen Seele", das heiße: „auch wenn du sie hingeben mußt". — Die Liebe zu Gott ist ihm eben nicht ein einzelnes Gebot, sie ist der wahre Gehalt des menschlichen Lebens: um sie zu bewähren, giebt er das Leben freudig dahin (Berachot 61 b). Man darf nie vergessen, daß für die große Masse des Volkes überhaupt und des jüdischen insbesondere alles Gesetz seit unvordenklichen Zeiten als göttliches gelehrt ist, ein Unterschied von religiösen und ethischen Pflichten gar nicht zum Bewußtsein kommt. Das Gesetz ist aber eine auf Idealität oder die ideale Gestaltung des Lebens gerichtete Norm. Das Vorbild der Märtyrer also, welche den unbedingten und schrankenlosen Gehorsam gegen das Gesetz durch Selbstaufopferung besiegeln, erzeugt mehr, als irgend eine sprachliche Belehrung vermöchte, eine ethische Triebkraft; und diese Vorbilder sind fort und fort in aller Menschen Munde und in Aller Herzen lebendig. So sind die Märtyrer allezeit Mehrer des Reiches ethischer Idealität oder des Gottesreiches auf Erden. So wird die ethische Substanz im Volksgemüth bereichert und in den Gesinnungen auch der breiten Massen befestigt. Aus dieser Quelle des Volksgemüths schöpfen dann wiederum die führenden Geister, welche den idealen Gehalt in erleuchtenden Begriffen erläutern und durch glänzende Reden von Geschlecht zu Geschlecht zu dauernder Wirksamkeit beleben. 8 34. Der Geschichte zur Seite tritt als Mittel ethischer Erhebung und Erregung die Poesie. — Diese ist eine Bereicherung unserer Lebensschau; sie bietet uns veredelte Bilder dessen, womit unsere Seele vorher schon erfüllt, unser Gemüth in Bewegung gesetzt ist. Aber zwei Grundtriebe und Richtungen der Poesie sind von einander zu unterscheiden, nach denen auch ihre Hauptgattungen sich sondern, aber ebenso die Völker, welche der einen oder anderen in ihrer schöpferischen Thätigkeit huldigen. In der epischen und dramatischen Dichtung — wie auch in den plastischen Künsten — handelt es sich darum, gleichsam eine zweite Welt zu erschaffen. Ungesättigt von dem, was die Erfahrungen des Lebens im Einzelnen wie in der Gesammtheit, in der Gegenwart und in der Geschichte als Bilder der Wirklichkeit uns vorführen, erzeugt man sich eben eine zweite Welt durch die bloße Kunst des Schaffens. — Nicht begnügt damit, eine ganze Welt der Erfahrung zu besitzen, Ereignisse zu erkennen, die sich wirklich begeben haben, sucht der Genius der indoeuropäischen Völker andere Vorgänge, andere Personen und Charaktere, andere Verwickelungen, kurz, was sich „nie und nirgends hat begeben", zur Anschauung zu stellen. Nicht so bei den semitischen Völkern, insbesondere nicht bei den Juden. Ihre Dichtung ist fast ausschließlich die lyrisch - didaktische. Nicht die Erzeugnisse einer freien Phantasie, die Bilder einer völlig unwirklichen Welt sind ihr Gegenstand, sondern die gegebenen, die wirklichen Erscheinungen der Natur, die Gestalten, Charaktere und Handlungen und religiösen Bewegungen der Geschichte. Aber nicht blos mit edlen, mit ästhetischen Formen wird diese wirkliche Welt umkleidet; sondern durch tiefer dringende und erhabene Gedanken erfaßt, durch quellende und belebende Gefühle beseelt, wird in dieser wirklichen Welt das Edle aufgesucht und dargestellt oder ihr als Lehre und Weckruf zugesellt. Ueber die gemeine Welt der Wirklichkeit hinaus wollen beide das Ideale erfaffen; aber die episch-dramatische Poesie verlegt es in die Gebilde der Phantasie und des wesenlosen Scheines, die lyrischdidaktische sucht und gründet es im wirklichen und historischen Dasein. 8 35. Als eigentliche Volkspoesie und zugleich als die Vereinigung beider genannten Richtungen kann man die Legendendichtung betrachten, welche das Leben wirklicher, historischer Personen mit frei erfundenen Zügen der Phantasie ausschmückt. Zahlreich nun, ja, man darf ohne Uebertreibung sagen, unzählig sind die Bilder und Geschichten, mit denen das dichtende Volksgemüth die