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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-25 · Heft 12 (25.3.1898) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 12 (25.3.1898)
Date
1898-03-25
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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138 s*^=*VV SV ^*e aus Ionier Jasagern bestünde? So hat auch Herr Rechtsanwalt Schey den von seinem Kollegen gemachten Ausstellungen Rechnung zu tragen verstanden und einzelne seiner Vorschläge in der Weise modifizirt, daß schließlich ein Einigungspunkt gefunden war, der in einer nach längerer Debatte gefaßten Resolution Präzisirt wurde. Die dort niedergelegten Beschlüsse werden wahrscheinlich von anderer Seite der Oeffentlichkeit übergeben werden, was mich deren Mittheilung an dieser Stelle überhebt. Mögen sie sich verwirklichen, die höchst lobenswerthe» Projekte, welche die Generalversammlung zum Besten und Nutzen des Lehrerstandes entworfen, und wie fern auch deren Realisirung noch liegen möge, so ist doch der Beweis gegeben, daß ininitten der Gemeinde die Ueberzeugung vorwaltet, daß für den jüdischen Kultusbeamten irgend etwas geschehen müsse. Ei» Antrag des Herrn Grumach-Wartenburg ging dahin, eine Aenderung i» der Methode des Religionsunterrichts in den kleinen Gemeinden eintreten zu lassen. Der liebe Herr meint es sicher gut. Allein, wenn ihm das Malheur passirt, einen achtjährigen Knaben, wie er erzählt, anzutressen, der nicht drei Zeilen Hebräisch zu lesen verstand, so ist das freilich recht traurig, aber lange noch nicht so tragisch, daß wir Lehrer hierdurch veranlaßt werden sollen, mit unserer heutigen Methode zu brechen und diejenige anzunehmen, die' man vor 50 Jahren zur Anwendung gebracht hat. Das wäre schon etwas gewagter, ein Rückschritt, bei dem man in der That in Gefahr kommen könnte, sich die Beine und noch vieles andere zu verrenken. Wir selbst kennen diesen Religionsunterricht vor 50 Jahren, wir selbst haben ihn genossen. Wenn Schüler damals, mit häuslichen Arbeiten belastet, um 4 Uhr Nachmittag die Schule für das Profaneverließen, so hatten sie alsbald den Weg zu dem Lehrer für das jüdische, religiöse Wissen zu nehmen, wo sie bis 7 Uhr unterrichtet wurden. Das damalige Zeitmaß für den Religionsunterricht kommt daher mit dem heutigen in keinen Vergleich. Heute 4—6 Stunden' für die ganze Woche, — und was soll der Schüler in dieser Handvoll von Zeit nicht alles lernen! Hebräisch lesen, Uebersetzen im Pentateuch und den Gebeten. Biblische Geschichte. Glaubens- und Pflichtenlehre und doch wohl auch ein wenig von Nachbiblischer Geschichte.' Möchte der Herr Grumach aus Wartenburg uns nicht sagen, welche' Maschine dazu zu verwenden sei, um allen Ansprüchen gerecht zu werden? Das Lehrermaterial war damals, vor 50 Jahren, ein möglichst schlechtes. So übersetzte einer derselben, ein solcher Magister alten Schlages, die Schriststelle Bpi?1 „Und Jakob hat gestreckt Engelbotten". — Sei es darum, daß der betreffende Lehrer undeutlich gesprochen oder der betreffende Schüler schlecht gehört hat — genug, der Letztere übersetzte schlankweg nach: Und Jakob hat gestreckt Semmelbrocken. Wieso aber die Schüler damals dennoch mehr jüdisches Wisien beseffen haben, will ich Herrn Grumach gleich verrathen. Die jüdischen Häuser waren damals durchschnittlich streng religiös, und die Kinder solcher Familien waren für den Religionsunterricht bereits in einer Weise präparirt, daß sie davon in der Schule nicht viel zuzulernen hatten. Auf die Generalversammlung in Insterburg zurückkommend, wurde die Verhandlung für eine halbe Stunde unterbrochen, um den Anwesenden Zeit zu einer kleinen Magenstärkung zu gewähre». Man kann wohl sagen, daß von dieser liebevollen Fürsorge der ergiebigste Gebrauch gemacht wurde, und es war eine Freude, mit anzusehen, wie sie dastanden und saßen, alle die Herren iselr iseb ul uwuuckussuu weel inassuau. Um drei Uhr Nachmittag erfolgte ein gemeinschaftliches Mittageffen, bei dem es auch nicht an den obligaten Tischrede» fehlte.- Alle stimmten darin überein, daß nur das feste Zusammenhalten; der Juden auf dem Gebiete der Lehre ihrer Religion ihnen die Bürgschaft für die Fortexistenz geben kann, daß sie dauernd bleiben müßten ein am echod buurez. Wir sagen darauf ein herzliches Amen. Auch die 15. Generalversammlung des Ostpreußischen Gemeindeverbandes möge nur Segen nach sich ziehen. Wir haben schon oft davon berichtet, wie ganz besonders die jüdischen Gemeinden der Grenzstädte von den Schnorrern und Hochstaplern als Meßplätze betrachtet werden, wo sie das ihnen für diesen Beruf angeborene Talent in der rasfinirtesten Weise zur Verwerthung bringen. Was wir indeß heute nach dieser Richtung hin zu melden haben, weicht schon darum von den früheren Mittheilungen ab, weil es diesmal eine nichtjüdische Person, und zwar eine vom schönen Geschlecht, unternommen hat, die jüdische Wohlthätigkeit nach Kräften auszubeuten. Vor einigen Wochen trat in später Abendstunde bei uns eine gut gekleidete Frau, sagen wir Dame, ein und stellte sich mir als Frau Wulf mit der näheren Erklärung vor, daß ihr Mann, der Erblindung nahe, sich in der Augenklinik in Königsberg befände, sie selber auch bei der ihr gewordenen schweren Aufgabe, ihre fünf Kinder durch Handarbeiten zu ernähren, bereits augenleidend geworden sei. Die Frau, die sich noch im jüngeren Alter befindet, machte auf uns einen guten Eindruck, und wie oft wir auch schon auf diesen „guten Eindruck" hereingefallen waren, so erklärte ich doch der so schwer Heimgesuchten, daß ich für sie bei unseren Gemeindemitgliedern etwas zu thun unternehmen werde, zu welchem Zwecke sie sich bei mir am nächsten Tage mit den sie legitimirenden Papieren einfinden möchte. Diese Zusicherung gab ich der Frau, ohne daß ich sie nach dem gefragt, was sie wünsche. Solches war aus dem Grunde überflüssig, weil wir hier an der Grenze in dieser Beziehung eine Art Allwissenheit besitzen. Ich glaubte, einstweilen die Hilfesuchende befriedigt zu haben. Indeß machte sie noch immer keine Anstalten, sich zu entfernen, wiewohl sie mir ansehen mochte, daß ihr längeres Verweilen nicht in meinem Wunsche lag. Endlich trat sie unter allen Anzeichen größter Verschämtheit mit der Mittheilung hervor, daß sie keinen Pfennig bei sich habe und daher nicht wisse, womit sie das Nachtlager bezahlen solle. Ich fragte sie, ob 1,50 Mark für diesen Zweck ausreichen würde? Sie war genügsam genug, damit zufrieden zu sein. Ich gab ihr das Geld mit der nochmaligen Aufforderung, morgen wieder vorzusprechen. Es sollte nicht also sein. Frau Wulf erschien nicht am anderen Tage, wiewohl ich sie erwartet hatte. Dafür aber tauchte sie in dieser Zeit unter dem Namen von Frau Richter in Stadt und Gemeinde auf und brandschatzte die Kassen von Juden und Christen mit einer Gemeinschaftlichkeit, die lebhaft an die glücklichen Tage erinnerte, von welchen der Prophet in so begeisternden Worten spricht, wo jeder Unterschied der Konfessionen und Religionen gewichen und die ersehnte Menschenverbrüderung sich vollzogen haben werde. In der einen Straße als Frau Wulf und in der anderen als Frau Richter legte die so geniale Frau in der Nutzbarmachung des Wohlthätigkeitssinnes einen Fleiß an den Tag, der einer besseren Sache werth gewesen. Man muß in Betracht nehmen, daß wir hier in einer Stadt wohnen, wo der Sitz der Regierung und Oberpostdirektion sich befindet, das Publikum daher zumeist ein vornehmes ist, wie denn auch zahlreiche Vereine für wohlthätige Zwecke den sehr humanen Sinn Gumbinnens sonst schon bekunden. Frau Wulf-Richter hatte ihre guten Tage. Sie wurde sowohl von Juden als Christen reichlich beschenkt, nnd wir, wir haben das schöne Bewußtsein, daß wir die — Geprellten sind. Die interkonfessionelle Schnorrerin ist in der That eine Christin. Aber warum hat die Frau uns das nicht gesagt? Das Interesse für sie wäre

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