Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 135 Auf allen Straßen rotteten sich Leute zusammen, die jedem vorübergehenden Juden Drohungen und Beschimpfungen zuriefen. Gegen Abend vergrößerten sich die Ansammlungen, und ei» Zug von ungefähr 300 Menschen, darunter auch Knaben, zog zur Synagoge. Hier wurde Halt gemacht und ein Steinbombardement gegen die Fenster der Synagoge und die nebenan liegenden Häuser jüdischer Bürger eröffnet. Nicht eine Fensterscheibe blieb unversehrt. Die im Tempel zum Gottesdienste versammelten Juden waren durch diesen unerwarteten Angriff in die größte Angst und Gefahr versetzt und konnten das Gotteshaus nicht verlassen. Erst nachdem es gelungen war, auf Umwegen einen Boten zum Bezirkshauptmann zu entsenden, und dieser in Begleitung von Gendarmen erschien, zerstreute sich die Menge, und die Juden vermochten ihre Wohnungen aufzusuchen. Die Belagerung der Synagoge hatte etwa anderthalb Stunden gedauert. Am nächsten Tage machte eine Deputation der angesehensten jüdischen Bürger Vorstellungen beim Bürgermeister und sodann beim Bezirkshauptmann Szczerbinski, welch Letzterer versprach, die Gendarmerie zu verstärken und nöthigenfalls Militär aus Krakau zu requiriren. Am IS. erneuerten sich die Exzesse und wurden bedenklicher durch den Zuzug der Bauern aus den benachbarten Dörfern, die mit wildem Geschrei jüdische Häuser bombardirten. Der Bezirkshauptmann versprach neuerlich einer Deputation, alles zur Wiederherstellung der Ruhe anzuordnen. Zu diesem trockenen Bericht wird erklärend von anderer Seite hinzugefügt, daß seit Monaten in Galizien eine starke antisemitische Agitation getrieben werde. Die Bauern werden auf verschiedene Weise aufgehetzt und insbesondere die Stadtbewohner in dieReihender christlichsozialen Partei getrieben. Diese Agitation, welche mit allen möglichen gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln arbeitet, wurde in der allerletzten Zeit sogar auch in die Sch ulen verschleppt. An Stelle des Katechismus wird in Staatsgymnasien und Mädchenschulen von Katecheten aus einer Broschüre: „Die Geheimniffe der Juden" vorgetragen, in der die nichtswürdigsten Dinge über „Ritualmord" und dergleichen stehen. Man sollte dergleichen nicht für möglich halten — aber freilich, im lieben Oesterreich ist eben heute alles möglich! * In Frankreich macht der Radauantisemitismus rapide Fortschritte. Ja, die Franzosen sind gelehrige Schüler, und das Schlechte lernen sie rascher nnd lieber als das Gute. Es wäre komisch, wenn es nicht traurig wäre, mit anzusehen, wie die antisemitische Bewegung in diesem schönen Lande genau dieselben Phasen durchmacht wie in Deutschland und Oesterreich. Das klerikale Syndikat ist jetzt vor den Wahlen in voller Arbeit, und eines seiner Hauptblätter, „Croix", empfiehlt, anknüpfend an die Beschlüsse einer Wählerversammlung in Trotzes, man solle als Plattform für die nächsten Wahleil die Ausschließung der Juden aus dem aktiven und passiven Wahlrecht und aus allen öffentlichen Aemtern im Heer und in der bürgerlichen Verwaltung aufstellen. Ja, der „Siecle" veröffentlicht sogar eine Zuschrift, in der eine „hochgestellte Persönlichkeit" versichert, eine jüdische Bartholomäusnacht wäre unvermeidlich gewesen, falls die Geschworenen Zola freigesprochen hätten. Aves Guyot wundert sich darüber, daß die Regierung keine umfassenden Anstalten getroffen habe, um eine Verschwörung gegen die Sicherheit der Juden im Keime zu ersticken. Daher gebe es viele Israeliten, die auch jetzt noch, nach der Verurtheilung Zolas, in Angst und Bangen leben, und eine stattliche Anzahl von „Intellektuellen" mit ihnen, weil diese als Beschützer sich nicht weniger bedroht fühlen als ihre Schützlinge. Was soll man dazu sagen? Noch schlimmer steht es um die Ruhe in Algier. Ja, den besten Beweis, wie groß noch die Angst unter beit dortigen Juden ist, giebt ein Cirkular des jüdischen Konsistoriums in Oran. Daflelbe ermahnte die Juden, um die andersgläubige Bevölkerung nicht zu reizen, iu diesem Jahre von einer Purimfeier abzusehen, während in früheren Jahren gerade dieses Fest durch Umzüge rc. gefeiert wurde. Das Cirkular war so eindringlich gefaßt, daß in der That dieses Jahr das Purimfest nur bei verschlossenen Thttren gefeiert wurde. * Großes Aufsehen erregt in England die Aussage eines jüdischen Advokaten über die Wucherer vor einer ad hoc Unberufenen Parlamentskommission. Er zeigt, daß die Juden in der Lage sind, nichts vertuschen zu müssen. Und selbst, wenn jener Rechtsvertreter — wie verschiedene Blätter behaupte» — sogar etwas übertrieben hätte, so sind doch andererseits seine freimüthigen Erklärungen über die Stellung, die die jüdischen Wucherer innerhalb der jüdischen Gemeinde einnehmen, von großem Werth — nicht nur für England. Man schreibt uns über die Angelegenheit ans London: Vor der Kommission des Parlaments, die sich mit der Wucherfrage zu beschäftigen hat, gab der jüdische Advokat George Lewis folgende Erklärung ab: „Wucherer sind unter Juden wie unter Christen. Ich wünsche zu erklären, daß die jüdischen Gemeinden die Wucherer und ihren Beruf verachten und verabscheuen. Die Wucherer dürfen in keiner jüdischen Gemeinde eine Ehrenstellung einnehmen, und dies ist allen Kreisen bekannt, da die jüdische Geistlichkeit wiederholt gegen Wucher und Wucherer gepredigt hat. Die jüdische Gemeinde würde sehr froh sein, wenn sie diese Leute ausstoßen könnte." * Von den interessanten Balkanländern ist Serbien das einzige, tvelches sich durch die beffere Behandlung der Juden von jeher ausgezeichnet hat. So schreibt man uns aus Belgrad: Wie alljährlich, veranstaltete die jüdische Kultusgemeinde Belgrads auch am 22. v. Mts. einen Fest- und Dankgottesdienst zur Doppelfeier der Erhebung Serbiens zum Königreiche und der Thronbesteigung König Alexanders, dem ein Adjutant in Vertretung des Königs und der Ministerpräsident Dr. Vladau Gjorgjevits, der Präfekt, der Bürgermeister von Belgrad, zwei Abgesandte des Kultusministeriums und andere angesehene Gäste beiwohnten. Die Herren waren von der Weihe und Andacht der Gebete sowie von der Festrede so ergriffen, daß der Ministerpräsident, einer spontanen Eingebung folgend, eine bedeutsame Ansprache an die Gemeinde richtete. Anknüpfend an das in der Festrede citirte schöne serbische Bolksworl, „daß der Bruder lieb und theuer ist welches Glaubens er auch sei", versicherte der Ministerpräsident die Juden Serbiens der beständigen Huld und Gnade des jungen Herrschers und seines königlichen Vaters, welchem die Juden ihre gesetzliche Gleichstellung zu danken haben; der Ministerpräsident sagte ihnen auch den Schutz und das Wohlwollen der Regierung zu, deren Leiter er ist. Diese Rede des Premierministers an heiliger Stätte hat natürlich auf die serbischen Juden einen großen Eindruck gemacht, was mit Rücksicht auf die Lage der Juden in den anderen Donauländern, namentlich in Rumänien, sehr begreiflich ist. Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 20. März' gestrige Abendsitzung der Repräsentantenversammlung war der Fortsetzung der Berathung des Gemeindehaus- Haltsetats gewidmet. Vor Eintritt in die Tagesordnung erstattete zunächst Herr Professor Lew in Bericht über die Sitzung der Kommission, welche zur Aufstellung eines Normalbesoldungsetats einberufen war. Die Berathung der Kommission habe sich zu dem einstimmig gefaßten Antrag verdichtet, in einem neuen Titel des Voranschlages dem Vorstand pro Jahr 20 000 Mark zu bewilligen