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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-25 · Heft 12 (25.3.1898) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 12 (25.3.1898)
Date
1898-03-25
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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lk Er bekannte sich zu dem Programm Derer, die innigste Verbindung von Ordnung und Freiheit wünschen. Er sprach sich mit Entschiedenheit gegen die.repnblikanische Regierungsform aus; er kannte nur ein Ziel und eine Sehnsucht: das Heil des Vaterlandes, und so wurde gerade er, der niemals ein Hehl aus seinem religiösen Bekenntniß machte, am 2. Oktober mit 225 unter 368 Stimmen zum zweiten Vizepräsidenten des Parlaments erwählt. Durch seine Kaiserrede bewährte er sich als einer der ausgezeichnetsten Redner Deutschlands, so daß er als einer der ersten in die Deputation gewählt wurde, welche dem König Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone zu überbringen hatte. Es soll bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt bleiben, daß das von antisemitischen Blättern neuerdings wieder i» die Welt gesetzte Märchen, daß der König bei jener Audienz speziell ein Wort an Rießer gerichtet und ihn dadurch als Jude habe beleidigen wollen, von Rießer selbst ausdrücklich „als eine alberne Erfindung" erklärt worden ist. Auch später, bis zu seinem Austritt aus der Paulskirche, ergreift er jede nur sich darbietende Gelegenheit, um für die Rechte seiner Glaubensgenosien einzutreten. Es befanden sich im Frankfurter Parlament ja noch mehrere jüdische Abgeordnete, aber keiner von ihnen fand ein Wort der Vertheidigung für seine Glaubensgenossen. Das muthige Auftreten Rießers in jener Zeit erscheint daher in jeder Beziehung als ein nachahmenswerthes Beispiel für jeden jüdischen Abgeordneten, der mit gleichem Muth und gleicher Kraft für seine politischen wie für seine religiösen Ueberzeugungen einzutreten bereit ist. In seiner ausgezeichneten ethnographischen Studie über den jüdischen Stamm spricht Adolf Jellinek den Juden vermöge ihrer Verstandesschärfe und geschichtlichen Erfahrung eine besondere Begabung für die parlamentarische Karriere zu, denn Recht und Staat seien nicht blos eine ethische, sondern auch eine ethnische, d. h. den Charakter oder Genius eines Volkes in ihren Funktionen und Organen widerspiegelnde Ordnung. Der Jude würde daher seinen Genius auch in der Rechtsentwickelung offenbaren. Er wird nicht nur seinen Verstand, sondern auch seinen Trieb nach Freiheit und die Postulate der Gerechtigkeit, die ihn: selbst am meisten vorenthalten wurden, zur vollen Geltung bringen. Gabriel Rießer hat diese Forderungen erfüllt, lange bevor sie vom ethnographischen Standpunkt aus formulirt wurden. Aber wer giebt uns einen Gabriel Rießer wieder? Are Woche. Berlin, 22. MärA eutc vor hundert Jahren wurde hier ein Mann geboren, der im geistigen Leben unserer Gemeinde einst eine große Rolle spielte und der, wenn sein Charakter so groß wie seine Begabung gewesen wäre, sicher ein Führer seiner Glaubensgenossen hätte werden können. Sein Name war Eduard Gans. Er gründete am 7. November 1819 mit Leopold Zunz und Moses Moser den „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden", dessen Zweck es war, in dem Studium des jüdischen Schriftthnms und der Geschichte der Juden wissenschaftliche Grundsätze zur Geltung zu bringen, außerdem aber auch unbemittelte Juden dem Ackerbau und dem Handwerk zuzuführen. Gans war eines der eifrigsten Mitglieder. Er veröffentlichte in dem Vereinsorgan Untersuchungen über talmudisches Erbrecht, die römische Gesetzgebung über die Juden, über Geschichte der Juden in England. Seine Reden und Aufrufe waren von tiefem Pathos erfüllt. Gleichwohl wär Gans der Erste, der nach dem Zusammenbruch des Vereins zum Christenthum übertrat. „SrimAbfall war um so widerwärtiger," sagte sein Vereinsgenoffe Heinrich Heine später, „da et die Rolle eines Agitators gespielt und bestimmte Präsidialpflichten übernommen hatten Es ist hergebrachte Pflicht, daß der Kapitän einer der Letzten sei, die das Schiff verlassen, wenn dasselbe scheitert. Gans aber rettete sich selbst zuerst". Freilich hat er sich noch lange gegen diesen Schritt gesträubt, und der Minister Hardenberg hatte sich vergeblich Beim Könige bemüht, dem hochbegabten jungen Mann die Erlaubniß zur Habilitirung an der Universität ohne die Auferlegung eines solchen Gewissenszwanges zu erwirken- Als nach dem Tode Hardenbergs für Gans jede Aussicht geschwunden war, machte er erst in Frankreich und England vergebliche Versuche, sich eine unabhängige Stellung zu verschaffen. Ja, er dachte sogar allen Ernstes daran, nach der neuen Welt auszuwandern. Im Herbst 1825 trat er endlich zum Christenthum über. Seine spätere Wirksamkeit und seine große wissenschaftliche Bedeutung koMmt für uns heute nicht in Frage. Aber die Erinnerung an Eduard Gans hat doch mehr als geschichtlichen Werth und durste deshalb in einer Zeit, die in Bezug auf den Abfall leider viel Aehnlichkeit mit der damaligen hat, nicht mit Stillschweigen übergangen werden. 4- Unter allen deutschen Staaten und Städten hat Hamburg immer ani Entschiedensten die antisemitische Hetze verurtheilt. Schon im Jahre 1893, als dort die ersten Versuche zur Jmportirung dieser Seuche gemacht wurden, haben die Bürgerschaft und der Senat sofort die geeigneten Mittel dagegen ergriffen. So ist der Antisemitismus in der alten Hansastadt niemals zu irgend welcher Wdeutung gelangt und hat auch kürzlich trotz aller Kraftanstrengung, tr^z aller Hilfe von außen nur einen einzigen Vertreter in die Bürgerschaft Weinbringen können. Neuerdings hat nun wieder der wackere Herr Wlwardt es unternehmen wollen, das Terrain zu bearbeiten. Die Polizei hat aber die beiden Versammlungen, die er ankündigte, sofort verboten, und auf die Klage eines Parteigenossen, daß durch diese Versammlungsverbote die Antisemiten ja selbst gegen die Sozialdemokraten im Nachtheil wären, wurde ihnen vom Bürgermeister der Bescheid zutheil: „Den Antisemiten würde« deshalb von den Behörden engere Schranken gezogen, weil sie eine religiöse Verhetzung bewirkten, während die Sozialdemokraten das religiöse Gebiet nicht berührten." Nun fürchten die Hamburger Antisemiten gar, daß „ein Feldzug von Oben eingeleitet werden solle gegen alles, was reformatorisch gesinnt und antisemitisch verdächtig erscheint". * Erst kürzlich hat ein Führer der galizischen Polen feierlich erklärt, daß diese keinen Antisemitismus kennen. Eine wirksame Illustration zu diesem Ausspruch sind die Nachrichten aus Wie l iczka über die Exzesse gegen die dortigrn Juden. Die „Neue Freie Presse" berichtet darüber: „Schon seit einigen Wochen gährte es in der Bevölkerung, und zwar seitdem durch de» hierher versetztm Reichsraths-Abgeordneten P. Szponder Broschüren vertheilt und kolportirt wurde«, durch welche die bekannten Ammenmärchen gegen die Juden in die unteren Schichten der Bevölkerung getragen wurden. Im Laufe der vergangenen Woche wurde von Seiten der antisemitischen Agitatoren das Gerücht verbreitet, daß sechs als Bauern verkleidete und bewaffnete Juden dem P. Szponder bei seiner Rückkehr aus Krakau aufgepaßt hätten, um ihn zu erschlagen. Dieses Gerücht wurde zwar sofort von kompetenter Stelle dementirt, fand aber bei der aufgestacheltrn Menge Glauben, und die Folgen zeigten sich Freitag Abends.

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